• vom 20.01.2015, 20:00 Uhr

Kultur

Update: 20.01.2015, 20:10 Uhr

Robotik

Warum Roboter keinen Schmäh’ haben




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Von Eva Stanzl

  • Roboter werden dem Menschen immer ähnlicher. Dass sie sich irgendwann selbst weiterentwickeln, ist anzunehmen.

Der Mann, der einen Klon von sich geschaffen hat: der japanische Roboterforscher Hiroshi Ishiguro mit seinem technischen Doppelgänger, Geminoid HI .

Der Mann, der einen Klon von sich geschaffen hat: der japanische Roboterforscher Hiroshi Ishiguro mit seinem technischen Doppelgänger, Geminoid HI .© apa/Visum/Panos Pictures Der Mann, der einen Klon von sich geschaffen hat: der japanische Roboterforscher Hiroshi Ishiguro mit seinem technischen Doppelgänger, Geminoid HI .© apa/Visum/Panos Pictures

Wien. In seiner Werkstatt in Osaka tüftelt Hiroshi Ishiguro an seinem Ebenbild. "Geminoid HI" rollt die Augen, blinzelt und kratzt sich das Kinn, als hörte er seinem Meister aufmerksam zu. Haare in Form und Brille auf der Nase, sitzt er ganz wie der Roboter-Professor zurückgelehnt in seinem Stuhl. Mit Bart unter der Haut, Rötungen auf den Wangen und kleinen Adern auf den Lippen sieht sein Gesicht jenem seines Schöpfers so täuschend ähnlich wie die Plastik-Sushis in den Auslagen asiatischer Geschirrläden dem Fischgericht. Nur die Mimik des "Klons" folgt einem begrenzten Repertoire. Ishiguro ist dennoch überzeugt: "Geminoid HI erzeugt das Gefühl einer menschlichen Präsenz", erklärt er in einem Video.

Dem Forscher ist seine Kopie sogar nützlich, zumal sie ihm gelegentlich Vorlesungen für Studenten abnimmt. Letztens musste der Roboter sogar nach Zürich fliegen, berichtete Ishiguro vor wenigen Tagen der deutschen "Zeit": "Die wollten, dass ich an der Uni einen Vortrag über den Geminoid halte. Ich sagte, ihr könnt euch aussuchen, wer kommt - die Kopie oder ich. Die Schweizer entschieden sich für den Roboter. Durch ihn war ich beim Vortag anwesend", betont Japans führender Roboterforscher. Neben ihm macht Geminoid HI Mundbewegungen, die an einen Fisch erinnern.


"Freunde und Geliebte bauen"
Robotik wird zu einer Schlüsselindustrie in Japan. Was hierzulande wie Science Fiction anmutet, ist dort Realität. Und während in Österreich heute, Mittwoch, beim Forum Robotik in Graz, Experten über die Zukunft der Roboter-assistierten Industrieproduktion und lernfähige Maschinen diskutieren, arbeiten in Japans Fabriken längst technische Assistenten. Außerdem tanzen sie zu elektronischer Musik in eigenen Cafés und sind als Pflege- und Lernroboter auf dem Markt. "Menschen in Asien fürchten einen Gesichtsverlust, wenn ihnen andere Menschen bei körperlichen Bedürfnissen helfen. Weniger peinlich ist es, wenn eine Maschine assistiert", erklärt Robert Trappl, Österreichs Doyen für Künstliche Intelligenz, Japans Boom bei Pflegerobotern.

Obwohl ihre Bewegungen noch recht mechanisch aussehen, ist Ishiguro überzeugt, dass der Mensch von Robotern lernen kann. "Wir wissen wenig über den Menschen. Roboter können uns helfen, uns selbst tiefer, besser zu verstehen", sagt der von Kabeln umgebene, schwarz gekleidete Wissenschafter in seinem Labor. Und mehr: "Ich möchte Freunde bauen und Geliebte. Ich bin einfach sicher, dass wir uns irgendwann in Roboter verlieben können." Ishiguros weiblicher Klon, "Geminoid F", rückt diese Idee in greifbare Nähe. Und irgendwie erinnert sie an den Mythos von "Pygmalion": Der Künstler erschafft eine Elfenbeinstatue, die wie eine lebendige Frau aussieht, behandelt das Abbild immer mehr wie eine echte Partnerin und verliebt sich schließlich in seine Kunstfigur.

Ob Ishiguro sich in einer Ecke seines tiefsten Herzen wünscht, dass auch seine künstlichen Wesen zum Leben erwachen? Immerhin räumt er ihnen die Fähigkeit zu einer höheren Wesensart ein: "Wir Japaner lernen, dass Seele in allem und jedem existieren kann. Wir haben daher kein Problem mit der Idee, dass auch ein Roboter eine Seele haben kann."

Ob Geminoid HI und Geminoid F das auch so sehen? Noch können sie nur einprogrammierte Vorträge halten und auf bestimmte Laute, Sätze oder Gesten reagieren. Spontan entscheiden können sie nicht, unerwartete Situationen überfordert sie. Obwohl sie wie Menschen aussehen, können sie nicht wie Menschen fühlen. "Wenn ein Roboter im Gedränge einer U-Bahn-Station herumgehen müsste, würde er wahrscheinlich mit den Leuten zusammenstoßen", erklärt Trappl: Der Roboter ist nur so komplex, wie das Programm erlaubt. Und so lange spontan empfundene Liebe nicht in Algorithmen geschrieben werden kann, ist die Liebe zu Robotern wie ein Kuss des eigenen Spiegelbilds.

Und dennoch erlebt wohl jedes Kind Momente, in denen es sich vorstellen kann, dass die Objekte, so wie es selbst, Gefühle haben. Wie sonst würde sich der Erfolg von "Pinocchio" erklären? Wie sonst jener der Cartoonbände "Calvin und Hobbes", in denen das Stofftier Hobbes zum echten Tiger wird mit einer Tiger-Persönlichkeit, wie ein Kind sie sich vorstellt?

Triebe, Emotionen, Gefühle
Im Labor von Samer Schaat wird an Maschinen-Gefühlen gebastelt. Der Computertechniker und sein Team wollen der künstlichen Intelligenz eine Psyche geben. "Computer können schneller rechnen, präziser Daten verwalten und besser Schach spielen als wir. Aber so richtig intelligent sind sie noch immer nicht. Situationen zu verstehen, intuitiv zu reagieren und vorausschauende Entscheidungen zu treffen fällt ihnen (wie Robotern, Anm.) immer noch schwer", sagt Schaat: "Für echte Intelligenz benötigt man Triebe, Emotionen, Gefühle."

Die Forscher der Technischen Universität Wien bauen elektronische Schaltelemente mit übergeordneten Strukturen nach dem Modell der menschlichen Psyche - mit Kategorien wie Bewusstes, Unbewusstes, Ich, Über-Ich und Es. "Genau solche Strukturen haben wir als Funktionen in die künstliche Intelligenz eingeführt", erklärt er: "Entstanden ist ein grober Schaltplan der künstlichen Entscheidungsfindung als Basis für intelligente Computerprogramme, in dem Erinnerungen, neue Wahrnehmungen oder innere Triebe Einfluss auf den aktuellen emotionalen Zustand ausüben, aus denen sich neue Entscheidungen ergeben."

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Schlagwörter

Robotik, Roboter, Gefhle, Emotionen

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2015-01-20 17:17:06
Letzte nderung am 2015-01-20 20:10:42



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