• vom 23.01.2015, 17:30 Uhr

Kultur


Georg Gänswein

"Das geht in Richtung Brandstiftung"




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Von Julius Müller-Meiningen

  • Der Mann zwischen zwei Päpsten, Georg Gänswein, im Interview über Konfliktpotenzial im Vatikan und über George Clooney.

Steht auch selbst im Fokus der Medien: Georg Gänswein ist die rechte Hand des aktuellen und des emeritierten Papstes. - © Picturedesk/Spaziano

Steht auch selbst im Fokus der Medien: Georg Gänswein ist die rechte Hand des aktuellen und des emeritierten Papstes. © Picturedesk/Spaziano

Rom. Der Vatikan wirkt an diesem Nachmittag wie verwaist, Papst Franziskus ist auf Reisen. Kurienerzbischof Georg Gänswein (58), Präfekt des Päpstlichen Hauses, erscheint im schwarzen Talar. Gerade hat er noch in den Vatikanischen Gärten den Rosenkranz mit dem emeritierten Papst Benedikt XVI. gebetet. Mit ihm und vier Helferinnen lebt Gänswein im Kloster Mater Ecclesiae im Schatten des Petersdoms. Gänswein führt in die ausgestorbenen Gemächer der Präfektur. In seinem Arbeitszimmer mit Blick auf den Petersplatz sind ein übervoller Schreibtisch und nicht ausgepackte Umzugskisten zu erkennen. Das Interview findet im prächtigen Empfangssaal des Präfekten statt. Monsignore Gänswein wirkt gut gelaunt und zündet vor dem Gespräch noch einmal den Adventskranz an.

"Wiener Zeitung": Vor Weihnachten sorgte Papst Franziskus mit seiner Ansprache über 15 Krankheiten der römischen Kurie für Furore. Sie saßen direkt neben dem Papst. Wann haben Sie aufgehört mitzuzählen?


Georg Gänswein: Als Präfekt des Päpstlichen Hauses saß ich wie immer bei solchen Anlässen zur Rechten des Papstes. Als die Aufzählung der Krankheiten begann, dachte ich mir: Jetzt wird’s spannend, und es wurde immer spannender. Bis zur neunten Krankheit habe ich noch mitgezählt...

Was ging Ihnen durch den Kopf?

Normalerweise nützt der Papst den Weihnachtsempfang für die Kurie, um Rückschau auf das abgelaufene Jahr zu halten und auch einen Blick auf das kommende zu werfen. Dieses Mal zog es Papst Franziskus vor, den Kardinälen und Bischöfen einen Gewissensspiegel vor Augen zu halten.

Fühlten Sie sich angesprochen?

Natürlich habe ich mich gefragt: Wo trifft es dich? Von welcher Krankheit bist du infiziert? Was ist korrekturbedürftig?

Was bezweckte Franziskus mit dieser Art von Geißelung?

Diese Frage haben sich viele Kollegen auch gestellt. Papst Franziskus ist jetzt fast zwei Jahre im Amt und kennt die Kurie inzwischen recht gut. Offensichtlich hat er es für nötig gehalten, Klartext zu reden und zur Gewissenserforschung anzuleiten.

Wie waren die Reaktionen?

Medial war das natürlich ein Leckerbissen. Während der Ansprache habe ich schon die Schlagzeilen gesehen: Papst geißelt Kurienprälaten; Franziskus liest seinen Mitarbeitern die Leviten! Nach außen ist leider der Eindruck entstanden, dass es einen Riss zwischen dem Papst und der Kurie gibt. Dieser Eindruck trügt, er deckt sich nicht mit der Realität. Aber die Ansprache hat Wasser auf diese Mühlen gespült.

Wie erleben Sie Franziskus zwei Jahre nach seiner Wahl?

Papst Franziskus ist ein Mann, der von vornherein klar gemacht hat, dass er Dinge, die er anders sieht, auch anders anpackt. Das gilt für die Wahl seiner Wohnung, des Autos, das er fährt, für den ganzen Audienzbetrieb im Allgemeinen und für das Protokoll im Besonderen. Man kann sich denken, dass das am Anfang gewöhnungsbedürftig war und ein gehöriges Maß an Flexibilität verlangte. Inzwischen ist es Alltag. Der Heilige Vater ist ein Mann von außergewöhnlicher Schaffenskraft und lateinamerikanischem Schwung.

Viele fragen sich dennoch, wohin geht die Reise?

Wer aufmerksam auf die Worte des Papstes hört, erkennt darin eine klare Botschaft. Trotzdem taucht immer wieder die Frage auf: Wohin will Franziskus die Kirche führen, was ist sein Ziel?

Welche Akzente hat er gesetzt?

Der wichtigste Akzent heißt Mission, Evangelisierung. Dieser Aspekt zieht sich wie ein roter Faden durch. Keine innerkirchliche Nabelschau, keine Selbstreferenzialität, sondern das Evangelium in die Welt hinaustragen. Das ist die Devise.

Haben Sie Verständnis für Francis George, den emeritierten Erzbischof von Chicago, der kritisierte, die Worte des Papstes seien manchmal ambivalent?

Es gab in der Tat Fälle, da musste der vatikanische Pressesprecher nach einschlägigen Veröffentlichungen eingreifen, um Klarstellungen vorzunehmen. Korrekturen sind dann erforderlich, wenn bestimmte Aussagen zu Missverständnissen führen und von bestimmten Seiten vereinnahmt werden können.

Hat Franziskus die Medien besser im Griff als Benedikt?

Franziskus geht mit den Medien offensiv um. Er nutzt sie intensiv und direkt.

Auch geschickter?

Ja, er nutzt sie sehr geschickt.

Wer sind seine engsten Ratgeber?

Diese Frage geistert stets und beständig umher. Ich weiß es nicht.

Sind der amtierende und der emeritierte Papst in der Frage der Zulassung wiederverheirateter Geschiedener zu den Sakramenten entgegengesetzter Auffassung?

Ich kenne keine lehrmäßigen Aussagen von Papst Franziskus, die der Auffassung seines Vorgängers entgegenstünden. Das wäre auch absurd. Das eine ist, das pastorale Bemühen deutlicher zu betonen, weil die Situation es erfordert. Das andere ist, eine Änderung in der Lehre vorzunehmen.

Wie reagiert Benedikt auf die Versuche traditionalistischer Kreise, in ihm einen Gegenpapst zu erkennen?

Es waren nicht traditionalistische Kreise, die das versucht haben, sondern Vertreter der theologischen Zunft und einige Journalisten. Von einem Gegenpapst zu sprechen ist einfach dümmlich, aber auch verantwortungslos. Das geht in Richtung theologische Brandstiftung.

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Dokument erstellt am 2015-01-23 16:41:05



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