• vom 03.02.2015, 16:19 Uhr

Kultur


Internet-Petitionen

Machen wir eine Petition!




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Von Edwin Baumgartner

  • Auf der Internetseite change.org wird ein Hollywoodstern für Theodor W. Adorno gefordert.

Theodor W. Adorno. Alfred Cermak/ÖNB-Bildarchiv/picturedesk.com

Theodor W. Adorno. Alfred Cermak/ÖNB-Bildarchiv/picturedesk.com Theodor W. Adorno. Alfred Cermak/ÖNB-Bildarchiv/picturedesk.com

Wien. Die bürgerliche Vernunft will gehört werden: "Stoppen Sie die Verpackung von ,EinkaufAktuell" ist eine Forderung, eine andere plädiert für den "Erhalt des Flohmarkts am Mauerpark - so wie er ist!". Ob "Freilauf für Hunde im Denninger Anger" (die Stadt München möge ihn erlauben) oder "Erhalt des sowjetischen Ehrenmals Tiergarten in seinem jetzigen Zustand" oder gar "Boris Becker als Sportlehrer für das Anne-Frank-Gymnasium in Altglienicke" - egal, was es ist oder was man wissen will (zum Beispiel die Aufdeckung der Inhaltsstoffe des O. B. Tampons) - eine Petition bringt einen dem Ziel näher. Die Internetseite change.org macht’s möglich.

Vermeintlich.


Vermeintlich, weil es noch nie so einfach war, eine Petition zu unterzeichnen. Beim ersten Mal braucht’s ein paar Daten-Angaben, ab dem zweiten Mal reicht ein Klick. Praktischerweise kann man sein Anliegen mit dem Klick auch auf Facebook teilen. Bloß: Wie alles Mühelose, so stehen auch diese Petitionen unter dem Generalverdacht, eben wegen dieser Mühelosigkeit nichts wert zu sein. Ein Klick - das ist schnell getan, auch, wenn einem das Anliegen gar kein Anliegen ist. Man klickt, weil man um ein halbes Haarbreit mehr dafür als dagegen ist. Wenn das nicht Engagement bedeutet...

Bären und Philosophie
Neben Verpackungsfragen, Bärenunterbringung und Menüs für vegane Studenten gibt es auch wesentliche Petitionen wie solche gegen Abschiebungen oder für die Gewährung eines Asyls. Rosen neben Kraut und Rüben. Bitteres, ernst Gemeintes und solches, was bei bestem Willen nur als Spaß aufgefasst werden kann. Was wo einreihen?

Zum Beispiel jene durchaus schräge Forderung, dem deutschen Philosophen und Komponisten Theodor W. Adorno einen Stern auf dem Walk of Fame in Hollywood zuzuerkennen. Adorno, als Theodor Ludwig Wiesengrund am 11. September 1903 in Frankfurt am Main geboren und am 6. August 1969 in Visp, Schweiz, gestorben, kehrte nach seiner von den Nationalsozialisten erzwungenen Emigration 1953 nach Deutschland zurück. An der Universität Frankfurt lehrte er zunächst Philosophie, dann Soziologie. Durch seine Kritik an der kapitalistischen Gesellschaft stieg er zur Galionsfigur der Studentenbewegung auf, der er selbst aber wegen deren Regelverletzungen und Gewaltbereitschaft distanziert gegenüberstand.

Tatsächlich gibt es Verbindungslinien zwischen Adorno und Hollywood. Adorno hatte in dem Stadtteil von Los Angeles für die Dauer seines Exils seinen Wohnsitz gewählt und gemeinsam mit Hanns Eisler, dem ebenfalls emigrierten österreichischen Komponisten und späteren Propagandisten der DDR, deren Hymne er schrieb, eine marxistisch beeinflusste Theorie der Filmmusik verfasst. Außerdem schrieb Adorno in der Filmmetropole seine wegweisende "Dialektik der Aufklärung" und seine wesentlich problematischere, für Hollywood und die US-Kultur aber relevantere "Philosophie der Neuen Musik". Walk-of-Fame-Sterne, da darf kein Zweifel bestehen, gibt es nun mal nicht für soziologisch-philosophische Denkertaten, die gibt es für Leistungen auf dem Gebiet der Unterhaltung. Und die verachtete Adorno zutiefst. Einen Stern auf dem Walk of Fame hätte Adorno wahrscheinlich eher als Drohung denn als Ehre begriffen.

"Kastratenmusik" Jazz
Der Sohn einer Opernsängerin studierte beim österreichischen Komponisten Alban Berg Komposition und stand damit in seinen eigenen Werken der Zweiten Wiener Schule nahe. Als Musikkritiker und -schriftsteller war er deren Propagandist. Vom selbst zugewiesenen Thron eines Musikpapstes kanzelte Adorno jeden Komponisten ab, der sich nicht dem Diktat von Arnold Schönbergs Reihen beugte. So konstatierte Adorno in der Musik Benjamin Brittens "auftrumpfende Dürftigkeit", die Werke von Sibelius verglich er mit einem Säugling, der vom Tisch fällt und sich dabei eine Rückgratverletzung zuzieht, Strawinskis Musik "übt ein Verhalten ein, das dem von Geisteskranken ähnelt", Schostakowitsch als "technisch armselig". Damit kommen diese Komponisten immer noch besser weg als der Jazz, der für Adorno schlicht "Kastratenmusik" ist.

So tritt der deutsche Musikphilosoph ungefähr alles in die Tonne, was für einen Großteil der US-amerikanischen Komponisten bis in die Gegenwart Vorbildfunktion besitzt und, im Fall des Jazz, konkret Material liefert. Dass
die Petition für einen Adorno-Stern vorerst kein großer Renner ist, versteht sich da von selbst. 522 Unterstützer hat sie bisher gefunden. Der Hundefreilauf im Denninger Anger hat immerhin schon 2836.




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Dokument erstellt am 2015-02-03 16:23:04



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