• vom 12.03.2015, 15:58 Uhr

Kultur


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Autor vor Gericht




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Von Christina Höfferer

  • Der italienische Schriftsteller Erri De Luca engagiert sich in der No-TAV-Bewegung gegen eine Hochgeschwindigkeitsstrecke.

Erri De Luca ist angeklagt wegen "Aufwiegelung".

Erri De Luca ist angeklagt wegen "Aufwiegelung".© imago/Independent Foto Agency Erri De Luca ist angeklagt wegen "Aufwiegelung".© imago/Independent Foto Agency

Der italienische Erfolgsautor Erri De Luca setzt sich mit großer intellektueller Würde für politische und soziale Themen ein, etwa für die Umweltschutz-Bewegung gegen den Bau eines Tunnels für den Hochgeschwindigkeitszug TAV, im Valle di Susa, Norditalien. Nächste Woche steht Erri De Luca deshalb vor Gericht. Im Buch "La parola contraria", das gleichzeitig auf Italienisch, Deutsch ("Mein Wort dagegen"), Französisch und Spanisch erscheint, reflektiert De Luca seinen Fall und schreibt über die politische Beteiligung des Schriftstellers im Staat.

"Wiener Zeitung": Der Schriftsteller Cesare Pavese sagte: "Das ganze Leben ist Politik." Was sagen Sie dazu?


Erri De Luca: Als Bürger dieses Landes und als Schriftsteller bewegt mich, was in meinem Land stattfindet. Wenn mich etwas berührt, dann beteilige ich mich.

Sie beteiligen sich an der No-TAV-Bewegung im Valle di Susa.

Dort war ich zum ersten Mal im Dezember des Jahres 2005, als die Polizei mitten in der Nacht das friedliche Lager räumte, wo Bewohner des Tales vor der Baustelle, dort, wo das erste Loch gemacht werden sollte, in Zelten kampierten. Die Polizei griff das Lager an, zerstörte alle Zelte und schlug und verwundete alle, die dort das Lager aufgeschlagen hatten. Von diesem Moment an nahm ich als Bürger teil, und zwar physisch.

Wie beschreiben Sie die No-TAV-Bewegung?

Es ist eine Bewegung des Volkes, einer ganzen Gemeinschaft, die sich seit 25 Jahren gegen die Vergewaltigung ihres Tales wehrt. Sie setzen sich selbst als körperliches Hindernis ein. Das Schöne ist, dass sie in all diesen Jahren, in denen diese Bewegung unterdrückt worden ist, immer friedlich geblieben sind. Das ist eine schöne Lektion in Zivilcourage.

Was bedeutet die Baustelle für die Umwelt?

Dieses Tal ist voller Amianth. Für das Loch des Haupt-Tunnels in Susa sollen 320.000 Tonnen amianthhaltige Felsen bewegt werden, eine gigantische Menge an gefährlichem Material. Das würde endgültig jede Möglichkeit des Lebens in jenem Tal zerstören. All das, um ein weitgehend nutzloses Werk durchzuführen. Sie nennen es Hochgeschwindigkeitszug, aber es ist keine Hochgeschwindigkeit. Auf der Strecke Turin-Lyon würden sie weniger als eine Stunde gewinnen. Ein Tunnel von 57 Kilometern erlaubt gar keine Hochgeschwindigkeit.

Haben Sie damit gerechnet, dass Ihr Einsatz in ein Gerichtsverfahren münden könnte?

Überhaupt nicht. Für mich kam es sehr überraschend, dass ich angeklagt wurde, für etwas, was ich an einem sehr versteckten Ort gesagt habe, in der "Huffington Post", einer Online-Zeitung, die kaum gelesen wird. Nach all den öffentlichen Veranstaltungen, bei denen ich sprach und somit an der gemeinsamen Willensäußerung teilnahm, dieses Werk zu verhindern, zu sabotieren, fand keine Anzeige statt.

Wer hat Sie angezeigt?

Die LTF-Lyon Turin Ferroviaire, die französische Gesellschaft,
die die Aufgabe hat, das Werk zu bauen.

Wann erfolgte die Anzeige?

Die Anzeige fand im September 2013 statt, vor anderthalb Jahren. Seit diesem Zeitpunkt fordere ich, dass der italienische Staat sich zivilrechtlich als Partei an dem Rechtsstreit beteiligt. Denn ich soll ja zur Sabotage eines Werkes aufgerufen haben, das der italienische Staat als strategisch erachtet. Der italienische Staat hat sich aber nicht an der Anklage beteiligt. Der italienische Staat steht auf dem Standpunkt, dass meine Meinungen und Erklärungen der strategischen Durchführung
dieses Werkes nicht hinderlich sind. Wenn der italienische Staat das nicht so sieht, warum müssen wir dann einer privaten Firma recht geben, die bei der Staatsanwaltschaft von Turin so leicht Gehör fand?

Ich werde der Aufwiegelung beschuldigt. Aber in der Anklageschrift wird kein einziger Name einer Person genannt, die ich aufgewiegelt haben soll. Also weiß ich nicht, wen ich aufgewiegelt haben soll. Es werden auch keine Tatbestände genannt, die Aufgewiegelte begangen hätten. Ich weiß also nicht nur nicht, wen ich aufgewiegelt haben soll, ich weiß auch nicht, wozu ich aufgewiegelt haben soll.

Es geht in der Anklage auch um den Gebrauch und um das Verständnis des Wortes "sabotieren".

Das Verb sabotieren, das unter Anführungszeichen in der Anklageschrift aufgeführt ist, ist ein Verb, das viele Bedeutungen hat, aber nicht, weil ich das sage, sondern weil das Wörterbuch es festlegt. Es ist ein internationales Wort. Italienische, französische, deutsche und englische Wörterbücher nennen verschiedene Bedeutungen für "sabotieren". Es
ist klar, dass für mich das Verb "sabotieren" in diesem Zusammenhang die Bedeutung eines zivilen, gemeinsamen Kampfes trägt, im Sinne der Gesundheit der Gesellschaft.

Ihren Fall schildern Sie in dem Buch "Mein Wort dagegen", worin Sie sich auf Pier Paolo Pasolini beziehen, der in seinem Leben 31 Prozesse durchmachte. Pasolini stand durchschnittlich einmal pro Monat vor Gericht.

Ich schreibe über Pasolini, weil er gegenüber der Realität eine Haltung der physischen Präsenz einnahm. Er ging zu Demonstrationen. Eine Zeit lang war er der verantwortliche Direktor von "Lotta Continua", einer Zeitung, die im Handel verkauft wurde und die einen verantwortlichen Direktor brauchte, um veröffentlicht werden zu können. Pasolini erklärte sich bereit, Herausgeber von "Lotta Continua" zu sein. So wie er erklärten sich damals sehr viele Journalisten bereit, verantwortlicher Direktor einer Zeitung wie "Lotta Continua" zu sein, und damit auch viele Anzeigen auf sich zu nehmen. Sie exponierten sich, weil sie die Redefreiheit jener Personen, die in der Zeitung schrieben, garantieren wollten. Damals gab es also eine Zivilgesellschaft, Intellektuelle, die am Leben des Landes teilnahmen, die sich körperlich exponierten. Das erzähle ich in meinem Buch, um daran zu erinnern. Was wir heute erleben, ist eine Situation der Narkolepsie, der völligen Abkehr von der Wirklichkeit.

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Dokument erstellt am 2015-03-12 16:02:04



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