• vom 07.05.2015, 15:52 Uhr

Kultur

Update: 07.05.2015, 16:17 Uhr

Bildung

"Tradition ist der Soundtrack des Lebens"




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Von Christina Höfferer

  • "La Sapienza"-Prorektor Mario Morcellini will das Verhältnis zwischen Universität und Studenten neu definieren.



Mario Morcellini ist der neue Prorektor der römischen Universität La Sapienza. In Rom ist der Professor der Kommunikation, das was Umberto Eco in Bologna ist. Er lehrt, dass Kommunikation funktioniert, wenn sie mit dem Leben im Gleichklang verläuft und dass Kommunikation nicht nur Macht, sondern vor allem Verantwortung bedeutet.

Wiener Zeitung:In Ihrem Büro hängen mehrere Bilder, die den Turm von Babel von Pieter Breughel zeigen. Was bedeutet dieses Bild für Sie?


Mario Morcellini: Dieses Bild zeigt für mich den Charakter der Römer, es zeigt ihr Innerstes, und es zeigt den Exzess der Kommunikation in der modernen Welt. Ausgehend von dem Bibelvers, der der Slogan eines Politikers sein könnte, eines Berlusconi des Altertums. Damit erweisen wir Berlusconi jetzt einen Gefallen, indem wir ihn mit einer biblischen Gestalt vergleichen. In der Bibel heißt es also: "Lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reichen möge." Dieser Satz bringt einen Aspekt der römischen Seele zum Ausdruck, und zwar, dass wir uns nicht damit zufrieden geben, dass wir nur Menschen sind.

Die Dinosaurier sind nur eine Installation vor der Universität La Sapienza in Rom. Deren Prorektor Mario Morcellini will das Bildungswesen nachhaltig und spürbar modernisieren.

Die Dinosaurier sind nur eine Installation vor der Universität La Sapienza in Rom. Deren Prorektor Mario Morcellini will das Bildungswesen nachhaltig und spürbar modernisieren.© Reuters/Alessandro Bianchi Die Dinosaurier sind nur eine Installation vor der Universität La Sapienza in Rom. Deren Prorektor Mario Morcellini will das Bildungswesen nachhaltig und spürbar modernisieren.© Reuters/Alessandro Bianchi

Berlusconi war also nicht mit dem zufrieden, was er war?

Ja, Berlusconi gab sich nicht damit zufrieden, ein Mensch zu sein, der altern kann. Ihm gefielen die Zeichen des Alterns nicht.

Sie hingegen kümmern sich um die Kinder Italiens, um die Jugend des Landes, die Studenten. Wie sehen Sie die Situation der Universität in Italien heute?

Die italienische Universität ist an die Tradition gebunden, und die modernen Menschen meinen leichtfertig, sie könnten ohne Tradition leben. Die Tradition ist der Soundtrack des Lebens.

Wozu brauchen wir die Univer-
sität?

Wir brauchen die Universität als Think Tank, als einen Hort der Tradition und auch um die Jugend zu verstehen. Oft kommen Eltern zu uns, die fast nichts über ihre Kinder wissen und sich mit der Fassade zufrieden geben, die sie vor sich haben. Sie machen sich etwas vor, stellen sich teilweise auch ein wenig dumm, als wüssten sie nicht, was die Kinder außer Haus tun. Wir hingegen wissen, dass die Wahrheit der Jugend nicht zuhause liegt, sondern draußen. Nur die Professoren verstehen die jungen Leute wirklich, weil sie sie an der Universität in den Momenten der größten Darstellung der Persönlichkeit sehen. Die Ärzte nennen es "estroflessione". Mit der Kraft, Tradition und Innovation zu verbinden, sind die Universitätsprofessoren die einzigen, die sich für die tiefgreifendsten Bedürfnisse der Jugendlichen einsetzen.

Welche Rolle spielt die Universität zwischen der Familie als Bezugspunkt und der Arbeitswelt?

Die Universität ist das Gegengift für die Ungewissheit, genauso wie die Kultur. Die Universität angreifen bedeutet also, die Individualisierung und die Angst zu erhöhen.

In Italien wird gerade sehr viel darüber diskutiert, welche Reformen der Universität und des Bildungssystems umgesetzt werden. Wodurch kann die Situation der Jugendlichen verbessert werden?

Das beste, was die Politik für die Jugendlichen tun kann, ist, die Universität zu reformieren, ohne sie zu attackieren. Angriff hat keinen Sinn. Der jetzige Ministerpräsident Matteo Renzi hat ein paar Asse mehr im Ärmel, weil es ihm immerhin gelingt, Veränderungen innerhalb eines bestimmten Zeitraums umzusetzen.

Was fordern Sie von der Politik, damit sich wieder mehr Jugendliche an der Universität einschreiben?

Ich fordere eine Reduktion der Studienkosten. Vor allem die Anfangskosten müssen reduziert werden. Ich will nicht, dass die Politik die Studenten bezahlt, ich fordere sie nur dazu auf, beim Einstieg zu helfen. Wenn der Student dann zufrieden ist, ist es auch richtig, dass er zu zahlen beginnt. Aber so, wie es beispielsweise die "Sapienza" gerade macht, ist es nicht okay, dass sich die Universität mit einem Test und Geldforderungen vorstellt. Wenn du den Studenten überzeugst, wird er bezahlen.

Das ist also Ihre vordringlichste Forderung an die Regierung?

Ja, wir fordern gerade, dass die erste Studiengebühr aufgeschoben wird, damit mehr ärmere Studenten inskribieren können.

Was ist Ihre Strategie?

Wenn dieser Vorschlag durchkommen sollte - wie ich es mir erhoffe, da ich ja Prorektor bin und sie mich erst überzeugen müssten, dass es keine gute Idee ist - dann werde ich versuchen meine Universität zu überzeugen, auch die Zulassungstests zu verschieben. Die Tests finden dann nicht am Anfang der Kurse statt, sondern nach dem ersten Semester, wenn die Jugendlichen die Universität kennengelernt haben.

Im staatlichen Rundfunk Rai heißt ein Programm "Dies ist kein Land für die Jugend". Ist das nicht ein etwas zynischer Titel?

Er ist zynisch, aber ich bin froh, dass es dieses Programm gibt. Es ist richtig zu erzählen, dass eine Verschwörung der Politik und der starken Mächte gegen die Jugend in Gange ist. Außer für ihre eigenen Kinder, für sie ist alles möglich, auch sie nach Oxford zu schicken. Die eigenen Kinder werden also aus den Problemen der italienischen Universitäten herausgenommen. Das ist verrückt. Es ist nicht mehr vorstellbar, dass die Fragen der Jugend sich nur für den Kreis der Reichen und für diejenigen, die sich selbst retten, lösen.

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Schlagwörter

Bildung, Italien, La Sapienza

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Dokument erstellt am 2015-05-07 15:56:11
Letzte ─nderung am 2015-05-07 16:17:07



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