• vom 03.08.2015, 16:06 Uhr

Kultur

Update: 03.08.2015, 16:26 Uhr

Interview

Eine Million für Michelangelo




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Von Christina Höfferer

  • Antonio Paolucci, Direktor der Vatikanischen Museen, über Museen und Investitionen ohne Gewinnabsichten.

Für Antonio Paolucci ist Raffael "der größte Künstler aller Zeiten". Seine "Verklärung Christi" (unser Bild zeigt einen Ausschnitt) hängt in den Vatikanischen Museen.

Für Antonio Paolucci ist Raffael "der größte Künstler aller Zeiten". Seine "Verklärung Christi" (unser Bild zeigt einen Ausschnitt) hängt in den Vatikanischen Museen.© Thuresson/Wikipedia Für Antonio Paolucci ist Raffael "der größte Künstler aller Zeiten". Seine "Verklärung Christi" (unser Bild zeigt einen Ausschnitt) hängt in den Vatikanischen Museen.© Thuresson/Wikipedia

Antonio Paolucci ist seit 2007 Direktor der Vatikanischen Museen. Geboren ist er in Rimini, 1939. Mitte der 90er Jahre war Paolucci italienischer Kulturminister, 1997 außerordentlicher Kommissär für die Restaurierung der Basilica San Francesco in Assisi. Im Lauf seiner langen Karriere arbeitete er an vielen wichtigen Museen Italiens, zuletzt als Direktor der Uffizien in Florenz. Als er dort in Pension ging, berief ihn Papst Benedikt XVI. an die Vatikanischen Museen.

"Wiener Zeitung": Sie haben einmal gesagt, die Rolle der Kunst besteht darin, glücklich zu machen. Worin besteht die Beziehung zwischen der Kunst und dem Vatikan?


Antonio Paolucci: Der Vatikan hat einen enormen symbolischen Wert, das zeigt die immens große Zahl von Leuten, die jeden Tag hierher kommen. Pro Jahr sind das sechs Millionen Menschen. Hier im Schatten der Kuppel von Sankt Peter ist unser aller Geschichte gesammelt, die Geschichte aller Christen der Welt.



Sie wünschen sich ein Nullwachstum für die Besucherzahlen der Museen.

Wir arbeiten schon jetzt praktisch ausschließlich mit Online-Reservierungen. Wenn die Höchstzahl erreicht ist, wird es ein "Ausverkauft" geben.

Warum strömen jeden Tag durchschnittlich zwanzig- bis fünfundzwanzigtausend Personen in die Vatikanischen Museen?

Die Kirche von Rom hat immer sehr viel in die Kunst investiert. Sie betrachtete den Künstler als den einzig möglichen Vergleich mit Gott dem Schöpfer - der Künstler, der aus dem Nichts die Schönheit erschafft. In ihrer gesamten Geschichte sehen wir die vatikanischen Museen als eine Anthologie des Interesses, welches die Kirche immer schon dem Schöpferischen im Menschen entgegenbrachte, eine Anthologie der Aufmerksamkeit gegenüber dem Menschen als Künstler.

Jede Zeit hat auch ihren eigenen Kunstgeschmack. Heute sind Michelangelo und Caravaggio modern. Könnten wir heute mehr Raffael gebrauchen?

Ich selbst liebe Raffael, für mich ist er der größte Künstler aller Zeiten. Er ist ein universeller Künstler, er verkörpert die große Harmonie, die Ordnung, das Strahlen. Raffael ist das komplette Gegenteil von Michelangelo. Die beiden finden sich nur durch wenige Meter getrennt hier in den Vatikanischen Museen. In dieser Hinsicht sind die Vatikanischen Museen grundlegend, exemplarisch und unverzichtbar.

In Rom wurden dieses Jahr sechzig Museen geschlossen. Wie sehen Sie die Lage der Kultur außerhalb der Mauern des Vatikan?

Ich wünsche mir, dass die Stadtverwaltung von Rom sich rechtzeitig in Bewegung versetzt, um das Heilige Jahr 2016 zu bewältigen. Das beunruhigt uns alle derzeit. Wir haben den Eindruck, dass bisher ziemlich wenig gemacht worden ist, um die Stadt für diese wichtige Verabredung vorzubereiten. Wir als Vatikanische Museen tragen unseren Teil dazu bei, aber wir sind ja hier im Ausland.

Was muss getan werden?

Es gibt riesige Probleme in Rom, die öffentlichen Verkehrsmittel, die U-Bahn von Rom ist eine der desaströsesten von ganz Europa.

Immerhin funktioniert die U-Bahn-Linie A noch besser als die anderen, wohl, weil sie am Vatikan liegt.

Hoffen wir, dass das der
Grund ist.

Was ist Ihr wichtigster Beitrag zum Erfolg der Vatikanischen Museen?

Am meisten stolz bin ich darauf, der Sixtinischen Kapelle eine neue Beleuchtung, neues Licht, gegeben zu haben und eine neue Klimaanlage. Diese Arbeiten haben etwas mehr als drei Millionen Euro gekostet, sie wurden uns von den Firmen geschenkt, die die Arbeiten durchgeführt haben. Der Vatikan als Staat hat nichts bezahlt.

Die Päpste haben in der Vergangenheit ihre Macht auch dafür verwendet, große Kunst zu verwirklichen.

Für die Sixtinische Kapelle wurden an Michelangelo 3000 Golddukaten bezahlt. Das war der Gegenwert von ungefähr einer Million Euro heute. Das ist gar nichts, wenn man bedenkt, dass jeder einzelne dieser Golddukaten seinen Wert auf eine Million erhöht hat, denkt man an all die Leute, die hierherkommen. Das zeigt, dass die langfristig fruchtbarsten Investitionen jene sind, die nicht gemacht werden, weil man etwas verdienen will, sondern aus anderen Gründen.

Sie haben einmal gesagt: "Die Kulturgüter sind nicht dazu da, einen wirtschaftlichen Nutzen zu produzieren, sondern um die Plebs, den Mob, die Ignoranten, auch die mit Universitätsabschluss, zu zivilisieren."

Die großen Museen wurden genau dafür geschaffen, um die Menschen zu zivilisieren, um sie bewusster zu machen, stolz auf ihre Geschichte. Die Museen sind nicht nur ein ökonomischer Vorteil, sondern sie sind eine Investition in ethischer und spiritueller Hinsicht.

Was gefällt uns so gut an den Vatikanischen Museen?

Die Kirche besaß die große Intelligenz, dass sie nie eine ästhetische Doktrin erlassen hat. Im Unterschied zu dem, was die großen Regimes des 20. Jahrhunderts gemacht haben, denken wir an den Faschismus, an den Kommunismus. Sie haben einen Stil erfunden. Die Kirche nicht. Die Kirche hat zugelassen, dass die Künstler wirklich ihr Talent entfaltete haben. Wenn das nicht so gewesen wäre, hätten wir heute keinen Caravaggio und keinen Guido Reni, keinen Rubens. Wer heute die Vatikanischen Museen betritt, findet kein Konfessions-Museum vor, er findet die Kunst der Welt, die hier herinnen erzählt wird, mit extremer Freiheit, das ist eines der Dinge, die die Museen des Papstes so faszinierend machen.

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Dokument erstellt am 2015-08-03 16:11:06
Letzte nderung am 2015-08-03 16:26:04



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