• vom 31.08.2015, 16:33 Uhr

Kultur

Update: 31.08.2015, 16:39 Uhr

Vergangenheitsaufarbeitung

Museum auf Herbergssuche




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Von Christina Höfferer

  • Die Fondazione Museo della Shoah plant in Rom den Bau eines Shoah-Museums bei der Mussolini-Villa Torlonia.

Das neue römische Shoah-Museum existiert vorerst nur als Architekturmodell. - © Lungoleno/wikipedia

Das neue römische Shoah-Museum existiert vorerst nur als Architekturmodell. © Lungoleno/wikipedia

"Wir stehen jetzt vor der Casina dei Vallati." Der österreichische Gedenkdiener Manuel Grander, deutet auf ein malerisches Steinhäuschen im römischen Ghetto, das älteste Haus in diesem Viertel von Rom. "Hier wird unsere Bibliothek, die größte Shoah-Bibliothek Europas, zugänglich gemacht werden, und hier werden wir auch temporäre Ausstellungen zeigen." Das Häuschen im Ghetto befindet sich gleich beim Portikus der Octavia, einer staunenswerten Säulenhalle aus der Antike und in unmittelbarer Nähe der 1904 eröffneten Synagoge. Die Adresse lautet "Largo 16. Oktober 1943". Das Datum gemahnt an die Massendeportation jüdischer Bürger aus Rom.

Der österreichische Auslandsdienst entsendet Gedenkdiener zu der Fondazione Museo della Shoah: Manuel Grander (l.), Stiftungsdirektor Marcello Pezzetti (r.) und der mittlerweile verstorbene Zeitzeuge Enzo Camerino.

Der österreichische Auslandsdienst entsendet Gedenkdiener zu der Fondazione Museo della Shoah: Manuel Grander (l.), Stiftungsdirektor Marcello Pezzetti (r.) und der mittlerweile verstorbene Zeitzeuge Enzo Camerino.© Höfferer Der österreichische Auslandsdienst entsendet Gedenkdiener zu der Fondazione Museo della Shoah: Manuel Grander (l.), Stiftungsdirektor Marcello Pezzetti (r.) und der mittlerweile verstorbene Zeitzeuge Enzo Camerino.© Höfferer

Recherchieren, archivieren, studieren wird es ab Herbst in der Casina dei Valati heißen, Shoah-Studenten aus aller Welt werden kommen, vor allem aus den USA und aus Israel. Vor kurzem wurde das Häuschen im Ghetto in einer öffentlichen Zeremonie vom Bürgermeister von Rom an den Präsidenten der römischen Shoah-Stiftung übergeben. Marcello Pezzetti ist der Direktor der Stiftung Museum der Shoah: "Vor etwa neun Jahren rief mich der damalige Bürgermeister von Rom an, damit ich über diese Aufgabe nachdenke."


Die Schuld der Faschisten
Die Idee für ein Shoah-Museum in Rom kam vom kulturaffinen Ex-Bürgermeister Walter Veltroni, der ein Komitee für das Museum der Shoah aufstellte. Das Komitee wurde dann in eine Stiftung umgewandelt. "Für mich ist das Konzept der Vergangenheitsbewältigung ein typisch deutsches. Die Deutschen haben es verwirklicht, die Österreicher etwas weniger, aber in den letzten Jahren hat Österreich diesbezüglich viel getan", sagt Marcello Pezzetti. Pezzettis Büro befindet sich zurzeit noch am Largo Argentina, dort wo die Überreste der ersten römischen Republik noch deutlich sichtbar sind. Der Historiker gilt als der weltweit am umfassendsten gebildete Experte in der Konzentrationslager-Forschung. "In allen internationalen Organisationen habe ich gesehen, dass die österreichischen Freunde sehr gut an der Vergangenheitsbewältigung mitarbeiten, weil sie die verlorene Zeit nachholen wollen", erzählt Marcello Pezzetti, "Italien will das nicht, weil es glaubt, dass es nie Gewalt angetan hat, nur Gewalt erlitten hat." Daher besteht eine der Aufgaben der Stiftung Museum der Shoah darin, deutlich zu machen, dass es die italienische Regierung war, die Rassegesetze einführte, unabhängig von anderen Regierungen. Die italienische Shoah muss innerhalb des Kontextes der europäischen Shoah gesehen werden. "Die Shoah war ein europäisches Phänomen. Italien hat kollaboriert, es hat antisemitische Gesetze und ein System von Lagern gemacht. All das muss gesagt werden," betont Pezzetti.

Ende des Jahres 1943 begann die italienische Regierung, Juden zu deportieren, den Krieg hatte sie damals bereits verloren. "Zu diesem Zeitpunkt weiß man in Italien schon ganz genau, dass in Osteuropa drei Viertel der Juden ermordet worden sind und dass mehr als die Hälfte des Judentums Westeuropas, in Frankreich, Holland, Belgien ermordet worden waren", sagt Marcello Pezzetti. Die Verantwortung ist schwerwiegend. Es geht darum, einen Teil der Geschichte bekannt zu machen, den Italien nicht kennt. Das soll in einem Museum gemacht werden, welches nicht altmodisch, aber auch nicht hypertechnologisiert ist. Fern vom amerikanischen und vom israelischen Modell der Holocaust-Vermittlung will man in Rom neue Wege gehen. "Wir sind Europa. Wir sind Diaspora. Hier sind die Geschichte und die Sensibilität anders. Die Shoah ist auch in den verschiedenen Staaten unterschiedlich verlaufen."

Die Stadt Rom, die Provinz Rom und die Region Latium stehen politisch hinter der Idee des Museums und finanzieren die fünfzehn Mitarbeiter für den Aufbau des Museums. Die jüdische Kultusgemeinde ist in alle Entscheidungen eingebunden, aber das Budget muss der Staat zur Verfügung stellen, sagt der Museumsdirektor. Jetzt fehlt nur noch ein repräsentativer Standort, welcher der Bedeutung des Themas gerecht wird. Das wäre neben der existierenden Villa Torlonia, in deren Park ein neu zu errichtendes Gebäude geplant ist. Mit einem Neubau bei der Villa Torlonia würde das Land ein Zeichen setzen, dass es sich seiner Verantwortung stellt. Die Villa Torlonia war die Residenz des faschistischen Staatsoberhauptes Benito Mussolini und ist heute teilweise zum Ziel eines fragwürdigen Duce-Tourismus geworden. Aber Italien muss sparen, und so sind auch andere Standorte im Gespräch, bereits existierende Orte, die adaptiert würden.

Schönheit ist kontraproduktiv
Es geht aber nicht um das Gebäude selbst, betont Marcello Pezzetti: "Die Architekten glauben an die Monumentalisierung. Wir sind gegen die Monumentalisierung der Shoah. Die Shoah ist das, was wir zeigen. Ein Museum der Shoah heute ist ein Ort, wo gearbeitet wird, wo junge Leute arbeiten, ein Ort für die Schulen, für die Universitäten und für die Gelehrten, die hier Archive vorfinden, wo sie arbeiten können." Wenn jemand aus dem zukünftigen Museum hinausgeht und sagt, das Museum wäre schön, weil es fantastische Stiegen und einen tollen Eingangsbereich hätte, so hieße das, dass Pezzetti und sein Team alles falsch gemacht haben. "Wenn einer hinausgeht, muss er etwas von der europäischen Geschichte verstanden haben und davon eine Idee bekommen haben, was in der Zukunft gemacht werden soll."

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Dokument erstellt am 2015-08-31 15:47:05
Letzte ńnderung am 2015-08-31 16:39:43



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