• vom 29.09.2015, 16:17 Uhr

Kultur

Update: 29.09.2015, 21:59 Uhr

Zeitzeugin

"Auschwitz wurde zur Routine"




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Von Matthias Greuling

  • Zeitzeugin Greta Klingsberg hat das KZ überlebt und berichtet unermüdlich davon.

Sie erlebte die "Ausradierung der Menschlichkeit": Greta Klingsberg. - © M. Greuling

Sie erlebte die "Ausradierung der Menschlichkeit": Greta Klingsberg. © M. Greuling

Greta Klingsberg will erzählen, was ihr in ihrem Leben widerfuhr. Auch, wenn sie einräumt, sich an viele Dinge aus ihrer Zeit in Theresienstadt und Auschwitz nur noch durch Erzählungen zu erinnern. 1929 wurde sie in Wien geboren, 1938 floh sie mit ihrer Mutter und ihrer kleinen Schwester Trude illegal über die Grenze in die Tschechoslowakei, wohin ihr Vater schon geflohen war. Die Eltern ließen ihre Kinder in einem Waisenhaus in Brünn zurück und begaben sich auf eine gefährliche Reise nach Palästina, von wo sie die Kinder mit einem Immigrationszertifikat nachholen lassen wollten. Jedoch wurde das Waisenhaus 1942 geräumt, alle Kinder kamen nach Theresienstadt. Dort trat Greta Klingsberg fünfzig Mal in der Hauptrolle in der Kinderoper "Brundibár" von Hans Krása auf.

Am 23. Oktober 1944 wurde sie nach Auschwitz deportiert, wo sie Zwangsarbeit leistete. Ihre Schwester wurde ermordet. Nach dem Krieg zog sie 1946 nach Palästina und lebt seither in Israel. Sie traf ihre Eltern wieder, studierte Musik, arbeitete beim israelischen Rundfunk. In zwei Filmen, die in Wien aus Anlass ihres Besuches gezeigt werden, erinnert sich die Zeitzeugin an ihr Leid im Konzentrationslager. In Wien wird ihr am 1. Oktober die Ehrenmitgliedschaft in der Österreichischen Gesellschaft für Exilforschung verliehen.


"Wiener Zeitung": Wir sitzen im Hotel Stefanie im zweiten Wiener Gemeindebezirk, das war einmal der Bezirk, in dem viele Juden gelebt haben.

Greta Klingsberg: Ja, ich weiß das, meine Eltern haben hier gelebt, in der Ausstellungsstraße. Ich bin hier geboren.

Wien hat sich sehr verändert über die Jahrzehnte.

Man kann auch sagen: Wien bleibt Wien. Aber es ist viel sauberer geworden, sogar den Stephansdom haben sie sauber gemacht.

Verspüren Sie hier eine besondere Emotion?

Nein, Wien ist für mich eine ganz normale Stadt. Ich kam das erste Mal 1959 hierher, weil ich sehen wollte, wo ich geboren war und wo meine Eltern gelebt haben. Ich glaube, dass meine Erinnerungen nach dem Krieg viel schwerwiegender waren als alles zuvor. Denn ich will ganz ehrlich sein: Ich habe viele Erinnerungen, aber es sind nicht erlebte Erinnerungen, sondern erzählte. Von meinen Eltern, die ich nach acht Jahren wiedergesehen habe. Ich habe das KZ erlebt, aber nicht in Erinnerung.

Gibt es für Sie eine Heimat?

Heimat ist für mich Israel und Jerusalem. Nichts anderes. Wien hat mich 1959 auch nicht als Heimat angesprochen. Wissen Sie, ich bin nicht religiös, aber gläubig. Ich glaube an den Menschen, an die Zusammengehörigkeit des jüdischen Volkes. Das ist es, was Jerusalem zu meiner Heimat macht.

Sie leben seit seiner Gründung im Staat Israel. Können Sie den Konflikt, der dort seither schwelt, verstehen?

Nein, ich kann ihn weder erklären noch verstehen. Jeder will alles, und niemand ist bereit, nachzugeben. Das erstaunt mich sehr. Solche Konflikte entste-
hen, wo die Religion zur Politik wird. Ich habe arabische Freun-
de seit 50 Jahren. Ich hatte nie
damit Probleme, und habe auch
Arabisch gelernt, nicht nur He-
bräisch.

Kürzlich sah ich Amos Gitais Film "Rabin, the Last Day", der Rabin als Lichtgestalt feiert. Gitai selbst macht keinen Hehl aus seiner Unzufriedenheit mit der aktuellen israelischen Regierung.

Wir alle. Zumindest meine Freunde und ich. Ich bin nicht linksradikal, aber ich bin zumindest so links, dass ich mit dieser Politik nichts anfangen kann. Jitzchak Rabin war damals der festen Überzeugung, dass man Krieg vermeiden und Frieden schaffen muss. Aber zum Tangotanzen braucht es zwei, wie man so schön sagt. Sie wissen, dass es durch den radikalen Islam nicht so einfach ist, diese Konflikte zu überbrücken. Wir dürfen aber nie aufgeben, es zu versuchen.

Sie sind im Alter von acht Jah-
ren aus Wien geflohen. In Österreich kommen derzeit täglich tausende Flüchtlinge an. Welche Gefühle haben Sie, wenn Sie davon hören?

Angst. Und Verwirrung. Ich bin keine Politikerin und weiß nicht, wie man dieses Problem lösen kann. Gewiss ist nur,
dass man alle daran beteiligen muss. Nur ein Land kann das Problem nicht lösen. Die ganze Welt muss es lösen. Ich finde, ein wichtiger Aspekt dieses Problems ist, dass man als Mensch seine eigene Nationalität nicht auslöschen lassen möchte. Besonders extreme Islamisten wollen sich ja nicht in eine Gesellschaft eingliedern, sondern möchten, dass andere so leben, wie sie es wollen. Das ist grundfalsch, meiner Ansicht nach. Das ist, glaube ich, das Kern-
problem.

Gibt es eine Lösung?

Ich finde es unglaublich, dass die Menschen nichts aus der
Geschichte gelernt haben, sondern dass ihnen der Machtgedanke immer noch wichtiger ist. Die Lösung wäre, den anderen zu akzeptieren. Aber es muss einen auch der andere akzeptieren, das ist eben das Problem. Extremisten, egal ob politisch oder religiös motiviert, haben die Antwort, bevor sie fragen, und das verunmöglicht alles.

Wird man müde, über das Thema Holocaust zu sprechen? Oder ist das eine Lebensaufgabe für Sie?

Lebensaufgabe ist ein großes Wort. Ich bin jedenfalls eine der Letzten, die noch darüber sprechen kann. Ich bin 86 Jahre alt, und solange ich kann, werde ich das tun. Ich spreche vor allem mit Kindern und Jugendlichen, denn sie sind diejenigen, die man für die Geschichte sensibilisieren muss.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2016
Dokument erstellt am 2015-09-29 16:20:05
Letzte Änderung am 2015-09-29 21:59:06



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