• vom 12.10.2015, 16:25 Uhr

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Von Edwin Baumgartner

  • Weltuntergänge haben Konjunktur - eben gingen zwei vorüber, schon stehen zwei weitere bevor.

Wenn der Komet kommt, kann die Welt zu Ende gehen. Doch welche Art von Welt - und wie wird das Ende aussehen? - © Monsignor Ronald Royer/Science Photo Library/Corbis

Wenn der Komet kommt, kann die Welt zu Ende gehen. Doch welche Art von Welt - und wie wird das Ende aussehen? © Monsignor Ronald Royer/Science Photo Library/Corbis

Am 7. Oktober war Weltuntergang. Bis jetzt haben wir davon nichts gemerkt. Und auch der vom 24. September dürfte allem bisherigen Anschein nach vorübergegangen sein, ohne mehr Schaden verursacht zu haben, als jene, die ihn ausgerufen hatten, der Lächerlichkeit preiszugeben.

Aber mit dem Weltende verhält es sich wie mit dem abgebrauchtesten Satz, der Wahlen begleitet: Nachher ist vorher. Ein wenig Zeit haben wir freilich noch, und zwar, so hat das Mr. Mir gechannelt, bis 29. März 2016. Dann geht die Welt zum nächsten Mal unter. Das nächste Weltende lässt dann bis 31. Juli 2017 auf sich warten, das haben Eingeweihte berechnet. Und für Jehovas Zeugen kann unsere Welt ohnedies sozusagen jede Minute im Armageddon, der finalen Schlacht zwischen Jehova und Satan, untergehen.


Man merkt schon, Weltuntergänge können eine gewisse religiöse Komponente haben. Zwangsläufig ist das aber nicht. Denn nicht jeder Apokalyptiker, der fürchtet, dass ihm zu einem bestimmten Termin ein Komet auf den Kopf fällt, groß genug Kopf und in der Folge Welt zu zerschmettern, ist auch ein religiöser Fanatiker.

Was ist ein Weltuntergang?
Und überhaupt: Was ist denn eigentlich ein Weltuntergang?

Und überhaupt zweitens: Haben nicht sogar schon Weltuntergänge stattgefunden?

Die deutsche Sprache spielt uns da einen Streich. "Welt" kann nämlich mancherlei bedeuten: Vom Sonnensystem über die Erde bis zu einer bestimmten Umgebung und einem Gesellschaftsmodell ist alles drin. (So gesehen könnten die bereits angesprochenen Wahlen auch einen Weltuntergang bedeuten, aber es ist ein Segen, um gleich die religiöse Komponente auch zu bemühen, dass sie das in demokratischen Systemen in der Regel nicht tun. Das aber nur am Rande angemerkt.)

Nehmen wir, um den Weltuntergang in den Griff zu bekommen, etwa Johnny und Frankie. Johnny ist ein Ankylosaurus. Mit Fug und Recht könnte Johnny uns vom Weltuntergang berichten, hätte er ihn denn überlebt - wobei, genau genommen, Johnny selbst aus rein biologischen Gründen nicht mehr viel erzählen könnte, aber seine Ur- (ich erspare dem Leser ein paar Millionen Ur- hinzuzufügen), also seine Urenkel würden vom Weltuntergang berichten, den ihr Ahnl erlebt hat. Und dieser Weltuntergang hätte dann sogar einen Kometen als Auslöser zu bieten. Solche Asteroiden standen stets für Umbrüche, schon in der Antike, und selbst zu Nestroys Zeiten bedeutete es für den Abergläubischen Unheil, "wenn der Komet kommt".

"Globale Killer" nennt man solche Asteroiden, die, schlagen sie auf der Erde ein, durch Druckwellen, Erdbeben, Tsunamis, Verschiebungen in der Erdkruste und schließlich durch eine für das Sonnenlicht undurchdringliche Staubwolke ausgelöste Klimaveränderung den größten Teil des Lebens auslöschen.

Frankie hingegen ist eine Ratte. Seine Nachfahren erzählen, dass da "einmal etwas war", es sei aber "nicht der Rede wert" gewesen, weil es ohnedies nur "die fetten Echsen" betroffen habe.

Ein Weltuntergang kann also durchaus rein subjektiv als solcher gewertet werden.

So haben die Karthager zweifellos das Zerstörungswerk der Römer als "Weltuntergang" empfunden, während die Römer es als Weltuntergang empfunden haben dürften, als die Völkerwanderung auf ein dekadenzgeschwächtes Reich traf, und als die Osmanen Konstantinopel einnahmen und die Bevölkerung massakrierten, war das tatsächlich ein Weltuntergang, nämlich jener der christlich geprägten oströmischen Welt.

Doch immer noch folgt auf die eine Welt eine andere.

Verschwörungstheoretiker etwa glauben, in der Gegenwart vergleichbare Weltuntergangsszenarien erkennen zu können: Doch ob Bilderberger oder die (im islamischen Raum zunehmend favorisierte) jüdische Weltverschwörung - in diesen Fällen geht es stets um das mehr oder minder schleichende Ende eines gewohnten Systems, das als Katastrophe empfunden wird, nicht um die Reduzierung der bekannten Zahl der belebten Planeten auf null.

Das absolute Ende
Dieser Weltuntergang, also der totale, der einer Vernichtung des Lebens auf der Erde gleichkommt, hat in der Fantasie der Apokalyptiker naturgemäß den höchsten Stellenwert. Denn dieser Weltuntergang stellt durch seine Totalität alle gewohnten Abläufe in Frage - nicht nur jene des Lebens, sondern paradoxerweise auch die des Todes.

Denn auf gewisse Weise sind wir gewohnt, über unseren Tod hinauszudenken, und zwar ganz unreligiös diesseitig: Wir machen Testamente oder gehen davon aus, dass unser Hab und Gut unter den gesetzlich vorgesehenen Erben aufgeteilt wird. Künstlerisch tätige Menschen schreiben sich mit ihren Werken der Menschheitsgeschichte unabhängig davon ein, ob diese Werke nun gelesen, aufgeführt oder ausgestellt werden. Allein ihre Existenz kündet davon, dass es einmal einen gegeben hat, der sie geschaffen hat. Manche Menschen stellen sich auch vor, wer zu ihrem Begräbnis kommt, und wer um sie mehr und wer um sie weniger trauern wird.

Das alles wird durch ein Weltende über den Haufen geworfen, denn nichts davon hat in einer Welt ohne Erben, ohne Trauergäste, ohne Zuschauer, ohne Betrachter, ohne Leser noch irgendeinen Sinn. Das absolute Weltende stellt den Menschen vor die letzte metaphysische Frage: Überlebt eine wie auch immer geartete Seele in einem wie auch immer gearteten Himmel, oder ist die Existenz auf die Materie beschränkt? Im ersten Fall kann man sich in die alte Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod retten, der zweite Fall indessen bedeutet das absolute Ende, die völlige Auslöschung über die eigene Existenz hinaus. Kann man sich schon die zukünftige Welt ohne die eigene Existenz kaum vorstellen, ist es völlig unmöglich, sich eine Welt auszumalen, in der es nicht einmal die eigene Art mehr gibt, wahrscheinlich, sieht man von ein paar Insekten ab, nicht einmal irgendeine Art, mit der wir heute vertraut sind.

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Dokument erstellt am 2015-10-12 16:29:06



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