• vom 29.01.2016, 17:13 Uhr

Kultur

Update: 29.01.2016, 20:42 Uhr

österreichisches Deutsch

Baba, Paradeiser!




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Von Christoph Irrgeher

  • Die Tage des österreichischen Deutsch scheinen, vor allem in Wien, gezählt. Von den Medienorgeln Deutschlands bedröhnt, droht der große Gleichklang. Und der Verlust regionaler Sprachidentität.

Die Tomaten sind nun auch in Ostösterreich heimisch; die Menschen finden sie lecker.

Die Tomaten sind nun auch in Ostösterreich heimisch; die Menschen finden sie lecker.© apa/Stratenschulte Die Tomaten sind nun auch in Ostösterreich heimisch; die Menschen finden sie lecker.© apa/Stratenschulte

Diese Melodie hat die "Wickie, Slime & Paiper"-Nostalgie nicht wiederbelebt: 1983 brachten DÖF ein Lied namens "Deutsches Mädel" heraus. DÖF, das war die Abkürzung für "Deutsch-Österreichisches Feingefühl", die Band selbst entsprechend länderübergreifend besetzt. Keine Selbstverständlichkeit in Zeiten, da ein deutsches Deutsch hierzulande Irritationen hervorrief. Genau darum ging es auch in dem Lied. "Er liebt ein deutsches Mädel", hieß es in dem Refrain, und zuvor: "Ich sag Servus, sie sagt Tschüss".

"Tschüss"? Das war in den 80er Jahren hierzulande ein Unwort. Ein Übel. Ein Missklang in der Symphonie des Österreichischen.


Mehr als 30 Jahre später sagt in Wien fast jeder "Tschüss" und noch so manches andere, was germanophoben Ohren einst ein Gräuel war. Essen ist lecker, der Bub ein Junge, der (ostösterreichische) Paradeiser so gut wie ausgerottet. Dafür steckt fast in jedem Satz ein "mal", sei es auch völlig sinnlos beigefügt ("immer wieder mal"). Seltsames Teil, das! Früher wäre es "der" Teil gewesen, und der Keks "das". Und statt "außen vor" hätte man die Dinge beiseite gelassen. Hätte auch Sinn "gemacht".

Der Markt macht keine Extrawürste
Nun wäre es Beckmesserei, im Alltag an jedem Wort-Import Anstoß zu nehmen. Wem das Österreichische Deutsch lieb ist, für den ergibt sich in Summe aber ein bedrückender Befund. Man denke allein an das Begriffsfeld Weihnachten: Es ist da noch ein Geringes, dass Geschäfte heute Adventskalender (statt Adventkalender) verkaufen. Gefeiert wird nicht mehr zu, sondern an Weihnachten; und das Synonym ist nicht mehr der Heilige, sondern Heiligabend. Und der Monat danach? Heißt nicht mehr Jänner, sondern Januar.

So heißt er nun schon in Kinderliedern, die an Volksschulen erklingen. Vermutlich nicht zuletzt darum, weil sich auf "Januar" besser reimen lässt. Vor allem aber wohl, weil man die Lehrmaterialien heute nicht mehr nach den Vorlagen der älteren Kollegen zusammenstellt, sondern dafür auch in den Weiten des Internets fischt.

Solcherart wird nun also schon Volksschülern eine Sprache eingetrichtert, die das Österreichische Wörterbuch künftig wohl obsolet macht. Ein Deutsch, das die Kinder auf Schritt und Tritt prägt. In Büchern, Hörspielen, im Fernsehen, Kino. Warum war das in den 80ern dermaßen anders?

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-01-29 17:17:05
Letzte ─nderung am 2016-01-29 20:42:11



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