• vom 29.01.2016, 17:12 Uhr

Kultur

Update: 29.01.2016, 20:44 Uhr

österreichisches Deutsch

Illoyal mit uns selbst




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Von Judith Belfkih

  • Das österreichische Deutsch als Fall für die Wissenschaft.

Wien. Das Verhältnis der Österreicherinnen und Österreicher zu ihrer Muttersprache beschäftigt auch die Wissenschaft. Ist das Österreichische ein Dialekt? Oder doch eine eigenständige, mit andren Formen gleichwertige Variante der deutschen Sprache? Im Sinne einer innersprachlichen Mehrsprachigkeit? Und wie beeinflusst diese Unsicherheit den Alltag der Anwender? Einigkeit herrscht unter den Sprachwissenschaftlern in diesen Fragen keineswegs.

In einem mit Jänner 2016 gestarteten Forschungsprojekt soll nun dem Deutsch in Österreich auf den Grund gegangen werden. Von Wissenschaftern der Unis Wien, Graz und Salzburg im Forschungsverband. Dabei sollen etwa Mikrofone bei Probanden ganze Tage sprachlich aufzeichnen, um zu analysieren, wann sie welche Sprachform verwenden und wem gegenüber - vom Dialekt bis zu sogenannten Deutschlandismen.


Dazu gilt es natürlich bisherige Forschungsergebnisse und Tendenzen zu überprüfen. Diese legen nahe, dass ein Großteil österreichisches Deutsch für einen Dialekt hält. Dass es einen österreichischen Standard gibt, sieht man zwar in der Praxis, es ist jedoch nicht umfassend festgeschrieben.

Es ist also kaum jemandem klar, wie korrektes Deutsch in Österreich aussieht. Für Forscher auch ein Grund für den sprachlichen Minderwertigkeitskomplex, der sich gegenüber bundesdeutschen Sprechern beobachten lässt. Zugespitzt formulierte es Rudolf Muhr von der Uni Graz: "Wir sind Österreicher, aber sprachlich wissen wir nicht, wer wir sind." Das führe zu sprachlichen Unsicherheiten, zu mangelnder Sprachloyalität und letztlich zu sprachlichem Identitätsverlust.

Die Rolle des österreichischen Deutsch an heimischen Schulen hat die Uni Wien in einer 2015 abgeschlossenen Studie erforscht. Das wenig überraschende Ergebnis: Österreichisches Deutsch ist in heimischen Lehrplänen sowie in der Lehrer-Ausbildung kaum ein Thema. Auch das Konzept von Deutsch als plurizentristischer Sprache mit gleichwertigen Formen ist kaum bekannt. Dass deutsches Deutsch korrekter sei als österreichisches, glauben immerhin 67 Prozent der Schüler und gut die Hälfte der Lehrer. Studienleiter Rudolf de Cillia von der Uni Wien schlägt vor, das Thema in Schulen stärker zu behandeln. Und das Bewusstsein zu schärfen, dass es unterschiedliche, aber gleichwertige und somit korrekte Varianten des Deutschen gibt.

Bei Sprache geht es jedoch nicht nur darum, zu entscheiden, was richtig oder falsch ist. Sprache ist auch ein Spiegel für das nationale Selbstverständnis einer Gruppe, für die Identität einer Nation. Kein nebensächlicher Aspekt in Zeiten der Wertediskussionen und der Forderung an Zuwanderer, richtig Deutsch zu lernen. Die Ergebnisse bisheriger Forschung halten uns hier jedenfalls ein sehr zerrüttetes Spiegelbild vor.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-01-29 17:17:06
Letzte Änderung am 2016-01-29 20:44:05



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