• vom 21.03.2016, 16:18 Uhr

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Von Edwin Baumgartner

  • Kult ums Bier, Bier für den Kult - dem deutschen Reinheitsgebot wird ein 500-Jahr-Jubiläum zuerkannt.


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Wieder einmal die Chinesen! Wo waren sie eigentlich nicht die Ersten? Ausnahmsweise aber ist es beim Bier nicht ganz klar, was keineswegs mit dessen Alkoholgehalt und dem allfälligen übermäßigen Zuspruch der Geschichtsschreiber zu tun hat, sondern viel eher damit, dass Bier älter ist als die Geschichtsschreibung. Anzunehmen ist, dass irgendwann, als die Menschen den Ackerbau begannen, so an die 10.000 Jahre ist das her, sie auch das Bier entdeckten. In China ganz bestimmt sehr früh, möglicherweise gleichzeitig aber auch in der Region des sogenannten fruchtbaren Halbmonds, der sich in einem weiten bumerangähnlichen Bogen vom Nordufer des Roten Meeres zum Nordufer des Persischen Golfs erstreckt. In der frühneolithischen Tempelanlage von Göbekli Tepe in Südostanatolien sind Hinweise auf Brauvorgänge gefunden worden. Bier als Kultgetränk?

Getränk für Kult und Alltag
Je nun, was wird geschehen sein bei der Erfindung? Vielleicht hat man sich auf die Wettervorhersage des Schamanen verlassen, der sonnige Wochen ankündigte, und das Getreide in eine Grube geschüttet. Wetterberichte können irren, wie heute, so damals. Etwas Regen, der Wind trägt die Hefe herbei - zum Brotbacken eignet sich das gärende Gemisch jetzt nicht mehr so wirklich. Die Flüssigkeit muss der Schamane zur Strafe trinken. Und auf einmal hat er Visionen wie nie zuvor in seinem Leben.


Wenn man diese Vorzeiten im Gedächtnis behält und sich daran erinnert, dass die Sumerer, glaubt man ihren Reliefs, nicht nur tüchtig dem Bier zusprachen, sondern auch im Codex Hamurapi um 1700 vor Christus eine Bierschankordnung vorlegten (die mehr bier- als menschenfreundlich war: Bierpanscher wurden in ihrem Gebräu ertränkt, ebenso jede Wirtin, die minderwertiges Bier ausschenkte), erinnert man sich ferner daran, dass die Babylonier acht Biersorten kannten und dass die Ägypter ihren Pyramidenbauarbeitern zwei Krüge Bier täglich zahlten (hätten die Pyramiden in ursprünglicher Planung gar Kuben werden sollen und nicht Tetraeder?) und den Toten Bier ins Grab mitgaben - erinnert man sich also an all dies, so ist die als alte Tradition im deutschsprachigen Raum ausgegebene Braukunst ein neumodisches Zeug.

Aber eben nur in der Relation.

Zumal 500 Jahre Reinheitsgebot auch nicht gerade die Marotte von gestern sind.

Und jetzt kommen die Historiker, völlig unbezecht, und drohen, es gäbe nur noch amerikanisches Bier, schriebe ich nicht sofort die Wahrheit über dieses fünfhundertjährige Bierjubiläum, auf das nicht zuletzt in deutschen Feuilletons verbal angestoßen wurde.

Unterscheiden wir zuallererst einmal Bier und Wein: Bier ist, wenn die Stärke, Wein, wenn der Zucker vergoren wird. Eigentlich logisch - doch bisweilen kommt es zur Begriffsverwirrung: Sake zum Beispiel, der japanische Reiswein, genannt, ist nach der Definition Reisbier.

Geregelte Brauweisen
Womit wir zur historisch korrekten Wortklauberei kommen. Die Bezeichnung "Reinheitsgebot", also die Regel, Bier möge ausschließlich Hopfen, Malz, Hefe und Wasser enthalten, stammt aus dem heuer keineswegs jubiläumsverdächtigen Jahr 1918, und zwar aus der Sitzung des bayerischen Landtags vom 4. März. Was immerhin zeigt, dass man in München wichtigere Probleme wälzte als den langsam und keineswegs siegreich zu Ende gehenden Ersten Weltkrieg. Allerdings konnte sich der Abgeordnete Hans Rauch, landwirtschaftlicher Fachberater an der Hochschule für Landwirtschaft und Brauerei Weihenstephan, auf eine Vorschrift der bayerischen Landesordnung aus dem Jahr 1516 (Jubiläum, ick hör dir trapsen - das kann man bei bestem Willen nicht auf Bayerisch übersetzen) berufen. Das "deutsche Reinheitsgebot" gilt seither als Richtschnur für Biere, die sozusagen puristisch gebraut werden.

Wobei die Regelung des Brauwesens im deutschsprachigen Raum eine Tradition hat, die weiter zurückreicht als bis in jenes Jahr 1516. Mitunter drehte es sich nur um die Regel, kein schlechtes Bier, was immer darunter verstanden wurde, auszuschenken, wie im Stadtrecht, das Kaiser Friedrich Barbarossa 1156 an Augsburg verlieh. Da heißt es in der Rechtsverordnung: "Wenn ein Bierschenker schlechtes Bier macht oder ungerechtes Maß gibt, soll er gestraft werden."

In Weimar wird 1348 festgelegt, dass Brauer nur Malz und Hopfen beifügen dürften - immerhin; im Rheinland etwa war nämlich die Beifügung von Hopfen in jener Zeit noch verboten.

Die Vorreiterrolle in Hinblick auf unser heutiges Bier nach deutschem Reinheitsgebot hat freilich, niemand würde etwas anderes erwarten, München. 1447 verordnete der Stadtrat, dass die Brauer der Stadt nur Gerste, Hopfen und Wasser zur Bierherstellung verwenden dürfen. Daran ändert die bayerischen Landesordnung 1516 zwar nichts mehr, aber mit dem auch nicht ganz runden 600-Jahr-Jubiläum müsste man bis 2047 warten. Wo man doch das Bier am liebsten jedes Jahr feiern würde.

Dass dieses Reinheitsgebot tatsächlich nur sprachlich eine Erfindung des 4. März 1918 ist, kann man nicht zuletzt am chinesischen Tsingtao-Bier erkennen: Das wilhelminische Reich presste dem chinesischen Kaiser 1898 ein etwas mehr als 500 Quadratkilometer großes Gebiet ab. Was wäre eine deutsche Kolonie ohne deutsches Bier? - Eben. So braute man in der Germania-Brauerei von Tsingtau, wie man den Ort auf Deutsch schrieb, deutsches Bier. Das bestand aus Hopfen, Malz, Hefe und Wasser, als das Wort "Reinheitsgebot" noch nicht einmal in den Windeln lag. Es ist eben deutsche Braukunst, die nachträglich benannt wurde. Die österreichische kennt da übrigens keine Abweichung.

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Dokument erstellt am 2016-03-21 16:23:05



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