• vom 13.05.2016, 16:34 Uhr

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Die Waisenkinder Gottes




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Von Judith Belfkih

  • Wer sich von der Religion abwendet, gewinnt an Freiheit und verliert an Sicherheit - als Einzelner und als Gesellschaft.





"Viele Menschen brauchen den Glauben, weil sie nicht genügend wissen", doziert Thilo Sarrazin in seinem neuen Buch. Philosoph Slavoj Žižek thematisierte jüngst die "obszöne Kehrseite der Religionen" und "göttliche Gewalt."

Religion hat keinen besonders guten Ruf derzeit. An einen Gott zu glauben und sich auch öffentlich dazu zu bekennen, ist nicht besonders populär. Eine der wenigen Einschätzungen, die Denker auf beiden Seiten der sich auflösenden politischen Mitte eint. Wer glaubt, der weiß nicht, wird hier suggeriert. Ist irgendwie naiv, begibt sich womöglich in Gefahr. Oder jedenfalls jenseits der aufgeklärten Vernunft. Wenn Religion dieser Tage Thema ist, dann in Kombination mit Extremismus oder als schwammiger christlicher Wert, mit dem es gilt, das untergehende Abendland zu verteidigen. Religiöse Rituale wie Ostern oder Weihnachten mitsamt den dazugehörigen Feiertagen sind zwar nach wie vor gern gesehener fixer Bestandteil jeder Jahresplanung - der individuellen Feriengestaltung und der Umsatzberechnung der Spielzeug- und Lebensmittelindustrie. Für echte religiöse Überzeugung, egal welcher Konfession, ist dabei jenseits des Konsums kein Platz mehr.


Denn trotz des steigenden Anteils an Muslimen in Europa ist die am stärksten wachsende Gruppe nach wie vor die der Konfessionslosen. Und so gilt in vielen Kreisen heute als Exot, wer sich zum Glauben bekennt. Nicht religiös zu sein, ist längst die Norm. Der Glaube ist suspekt geworden. Wer seine religiösen Überzeugungen lebt, vielleicht in die Kirche geht oder im Ramadan fastet, steht erst einmal unter Verdacht.

Der Vormarsch des Nicht-Glaubens hat Europa in den vergangenen Jahrzehnten mehr geprägt als alle beschnittenen Buben, Kruzifixe in Klassenzimmern und Kopftuch tragenden Frauen. Mehr noch: Die großflächige Säkularisierung der Gesellschaft hat einen Umbruch ausgelöst, der gerade seine ersten Schattenseiten aufwirft. Denn mit den Flüchtlingen, die meist aus Gesellschaften kommen, in denen Religion eine tragende öffentliche Rolle spielt, blicken wir auch ein Stück weit in die eigene Vergangenheit. Und wir sehen uns - neben jungen perspektivlosen Männern - mit einer in Zentraleuropa rar gewordenen Spezies konfrontiert: mit Gläubigen. So mancher aufgeklärte Europäer begegnet damit so manchem Moslem nicht skeptisch, weil dessen Gott einen anderen Namen hat, sondern weil er überhaupt an einen glaubt. Das macht ihn grundsätzlich verdächtig.

Die Sehnsucht, an etwas glauben zu können, sich gar zu etwas zu bekennen, ist eine zutiefst menschliche. In säkularen Zeiten haben daher auch sogenannte Ersatzreligionen Hochsaison. Aktuell finden sich in den meisten Bekanntenkreisen immer mehr bekennende Vegetarier, Impfgegner, Tierfreunde oder Weltverbesserer. Und immer weniger bekennende Christen. Nur bekennende Muslime trauen sich hie und da etwas eingeschüchtert aus der Deckung.

An etwas glauben zu können, ist eine Gabe. Eine, die sich nicht mit einem Lichtschalter anknipsen lässt. Sie bedeutet Zuversicht, Geborgenheit, Sinngebung, das Eingebunden-Sein in eine Gemeinschaft. Diese Gabe nicht mehr zu besitzen, bedeutet Gewinn und Verlust zugleich. Für jeden Einzelnen und seinen Lebensentwurf, und auch für die Gesellschaft selbst. Die Sehnsucht nach Transzendenz, nach der Verbindung zu einem höheren Sein kennen auch Nicht-Gläubige. In einem halb bedauernden Blick auf die eigene Großmutter vielleicht, die sich viele Fragen nicht stellen muss, weil sie die Antworten im Gebet findet, in der Bibel, in der Kirche. Bei manchen blitzt die Sehnsucht auch im Gespräch mit jüdischen oder muslimischen Freunden auf, wenn diese vom Vertrauen sprechen, das ihnen der Glaube gibt. Wenn sie von der Zufriedenheit erzählen, die für sie darin liegt, dass Gott letztlich groß und gerecht ist. Und alles im Sinne seiner Kinder regelt. In diesem Sinne sind die meisten Europäer heute wohl Waisenkinder.

Religion ist Privatsache, tönt es derzeit aus allen medialen Kanälen. In den eigenen vier Wänden kann jeder glauben, was er möchte. Solange er sich an die Gesetze hält, Deutsch mit seinen Kindern spricht, sich nicht missionarisch oder sonst öffentlich und schon gar nicht gewalttätig betätigt. Die Privatisierung des Glaubens ist der logische, nicht restlos unproblematische Folgeschritt der Säkularisierung. Und es ist die unkomplizierteste Form, in einer Gesellschaft Religionsfreiheit zu gewähren.

Doch mit dem Glauben verschwinden auch die moralischen Richtlinien und Bewertungen aus der Öffentlichkeit, die jede Religion mit sich bringt und die das Handeln des Einzelnen und damit den Kodex einer Gruppe prägen. Als kollektive Identität trägt Religion im Idealfall nicht nur zur Ordnung und Stabilität einer Gesellschaft bei, sondern hat einen großen Anteil an der Sinngebung der individuellen Lebensentwürfe ihrer Mitglieder. Für die Fragen des Einzelnen - vor allem jene nach dem Sinn des Lebens - halten Weltreligionen klare Antworten bereit, haben Bilder und Geschichten geschaffen, Gut und Böse fein säuberlich sortiert. Sie liefern kollektive, stets verfügbare Versatzstücke von Identität, die für den Einzelnen jederzeit abrufbar sind, Kraft geben und die so manche Leerstelle füllen.

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Schlagwörter

Gesellschaft, Religionen, Glauben

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Dokument erstellt am 2016-05-13 16:38:06



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