• vom 06.07.2016, 10:00 Uhr

Kultur

Update: 06.07.2016, 10:05 Uhr

Silvesternacht

Zwei unerhörte Nächte




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Von Jérôme Segal

  • Übergriffe wie in der Kölner Silvesternacht sind leider kein neues Phänomen. Die fragwürdigen Parallelen zu Wien 1907.

Skandal-Silvester 1907: Titelseite "Die Neue Zeitung" vom 2. Jänner 1908

Skandal-Silvester 1907: Titelseite "Die Neue Zeitung" vom 2. Jänner 1908© WZ-Montage, Fotolia/giorgiomtb Skandal-Silvester 1907: Titelseite "Die Neue Zeitung" vom 2. Jänner 1908© WZ-Montage, Fotolia/giorgiomtb

"Das, was in der Neujahrsnacht geduldet wurde, stand einfach unter dem Zeichen tierischer Schweinerei. Ganze Rudel Söhne besserer Familien, wie verlauste Platten (Proletarier), stürmten unter ohrenzerreißendem Gebrüll auf Frauen und Mädchen los - auch auf anständige, die sich in Begleitung ihrer Männer oder Verwandten den Bummel anschauen wollten - und praktizierten die ‚Methode Caruso‘ (mit der Schulter drängen) in mehr als brutaler Form. Es waren durchwegs junge Männer aus den äußeren Bezirken, die mit klingendem Spiele die Stadt durchzogen. Vielfach haben sich auch ‚Platten‘ unter die Menge gemischt, die durch Zudringlichkeiten unangenehm werden oder wurden."

So berichtete "Die Neue Zeitung" am 2. Jänner 1908, nachdem in der Silvesternacht viele Frauen belästigt und manche sogar vergewaltigt worden waren. Die "Innsbrucker Nachrichten" schilderten einen ähnlichen Verlauf der Nacht: "So vergnügten sich einige Rowdies damit, Feuerwehrskörper abzubrennen, deren Funken die Kleider der Umstehenden in Flammen zu setzen drohten. Frauen und Mädchen wurden umringt und hatten Mühe, sich der derben Fäuste, die nach ihnen griffen, zu erwehren. Wieder hörte man das Kreischen von Frauen, die sich vergebens Mühe gaben, aus dem Gedränge herauszukommen."


Politisch gefärbte Berichterstattung
Der schweizerische Architekturstudent, der später als "Le Corbusier" bekannt wurde, weilte zu diesem Zeitpunkt in Wien. Er war erst 20 Jahre alt und hoffte, mit den berühmten Vertretern der Sezession in Kontakt treten zu können. Er beschrieb die Ereignisse der Silvesternacht folgendermaßen in einem Brief an seine Eltern: "Diese Nacht war unerhört. Sobald eine Frau das Unglück hatte, einen Fuß auf die Straße zu setzen, gingen Schurken Hände so weit, dass Horror entstand. Die Arme war erst erleichtert, als sie in Ohnmacht fiel oder als drei vier Gendarmen sie befreiten."

Aus diesen Quellen geht hervor, wie junge Männer aus den Außenbezirken aufgrund ihrer armseligen Lebensbedingungen frustriert waren und die Bewohner der luxuriösen Innenstadt, wo alle sich amüsierten, beneideten. Besteht ein großer Unterschied zwischen ihnen und den 49 jungen Männern aus Algerien, Marokko und Tunesien, gegen die, mit zehn anderen, in Köln als Tatverdächtige für die sexuellen Übergriffe in der Silvesternacht 2016 ermittelt wird? "Es ist unsere lebensfeindliche Gesellschaftsordnung, die die sexuelle Misere erzeugt", schrieb 1948 der Psychiater und Soziologe Wilhelm Reich (1897-1957), der in Wien studiert hatte. Das Problem ist eben, diese sexuelle Misere anzusprechen. Schutzmechanismen tauchten sofort auf, um verfolgte Minderheiten zu verteidigen. Die Reaktion der "Arbeiterzeitung" Anfang 1908, am selben Tag wie "Die Neue Zeitung" und die "Innsbrucker Nachrichten", stellte die Geschehnisse etwas anders dar: "Die Tatsache, dass die Welt wieder um ein Jahr an Alter zugewonnen hat, war wieder für viele gut aufgelegte Leute der Anlass, sich in der Silvesternacht in der Kärntner Straße, Rotenturmstraße, am Stephansplatz und Graben zusammenzufinden und dort die seit einigen Jahren üblichen lärmenden Allotria (Tumult) zu treiben." Der oder die Journalist/in versuchte die Leser zu beruhigen, die eventuell andere Berichte gelesen oder Gerüchte gehört hatten: "Man darf aber überzeugt sein, dass die gute Laune dieser Nacht doch manchen guten Witz gebar. Zu bemerken ist, dass Exzesse nicht vorkamen." Es wird lediglich am Ende angemerkt: "Gleichwohl war die Sicherheitswache, die in großer Zahl mitten im Trubel war, gezwungen, einige Arretierungen vorzunehmen."

Fatale gesellschaftliche Schutzmechanismen
Die Ereignisse von 1907/08 wurden von der "Arbeiterzeitung" verharmlost, man wollte nichts Schlechtes über die eigenen Genossen - die "Plattenbrüder" aus den Außenbezirken - schreiben.

Ein ähnlicher Mechanismus wird heutzutage Journalistinnen und Journalisten vorgeworfen: Um eine Gruppe zu schützen, genauer um die bereits gegen sie vorhandenen Unmut nicht weiter zu schüren, wird die Berichterstattung gefiltert. So geschehen auch in der Silvesternacht in Köln. Über die Geschehnisse dieser Nacht und vor allem die Tatsache, dass es sich um arabischstämmige Männer handelte, wurde anfangs der Mantel des Schweigens gebreitet.

Doch nicht nur die Presse muss sich aktuell diesen Vorwurf gefallen lassen. Der gesamten politischen Linken wird vorgehalten, den Islam mit einer rosaroten Brille zu betrachten. Was die beiden Übergriffe eint, ist, dass eine soziale Randgruppe - vor gut hundert Jahren die Proletarier der Außenbezirke, heute muslimische Zuwanderer - aus Frustration eine gewalttätige Form der Machtdemonstration ausübte. Kritische Äußerungen zum Islam sind zudem nicht unproblematisch heute. Und bergen immer die Gefahr, von beiden Seiten des politischen Spektrums instrumentalisiert zu werden. Sobald man sich traut zu behaupten, dass es vielleicht in manchen arabischen Kulturen, wo Islam als Staatsreligion gilt, ein Problem mit der Sexualität gibt, schwingt man die Keule der "Islamophobie".

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-07-05 16:08:06
Letzte nderung am 2016-07-06 10:05:04



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