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Kultur

Update: 11.07.2016, 21:08 Uhr

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Die Furcht, dein Freund




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Von Heiner Boberski

  • Zwei Bücher gehen dem Phänomen Angst und dessen Beziehung zu unserem Gehirn auf den Grund.

Stets das Worst-Case-Szenario im Blick: Ängste können hochsubjektiv sein, sollten aber dennoch ernst genommen werden. - © Fotolia

Stets das Worst-Case-Szenario im Blick: Ängste können hochsubjektiv sein, sollten aber dennoch ernst genommen werden. © Fotolia

"Furchtsame, ängstliche Menschen sehen eine Zukunft voller Schwierigkeiten und schwelgen während ihres gesamten Lebens in Worst-Case-Szenarien, die sich in vielen Fällen niemals verwirklichen." Der renommierte US-amerikanische Neurowissenschafter Joseph LeDoux weiß, wovon er spricht, wenn er in seinem neuen Buch "Angst" schreibt: "Aber genau wie das Gehirn lernen kann, ängstlich zu sein, so kann es auch lernen, nicht ängstlich zu sein." Denn das Gehirn sei anpassungsfähig. Die Forschung auf diesem Gebiet habe jedoch trotz etlicher Fortschritte noch eine weite Strecke vor sich.

LeDoux, Professor an der New York University, hat mit seinem jüngst auf Deutsch veröffentlichten Buch ein alle Aspekte von Angst und Furcht ausführlich behandelndes wissenschaftliches Standardwerk geschaffen - mit einer Vielzahl von Fußnoten, einer umfangreichen Bibliografie und einem langen Personen- und Sachregister. Selbstkritisch merkt er bereits in der Einleitung an, dass er sich aufgrund früherer Veröffentlichungen mitverantwortlich für manche falsche Vorstellungen zu diesem Thema fühlt und seine Aufgabe darin sieht, "die Geschichte zurechtzurücken, bevor sie noch weiter aus der Bahn gerät".

Information

Angst
Joseph LeDoux
Ecowin Verlag, 632 Seiten, 26

Mut zur Angst
Lissa Rankin
Kösel Verlag, 368 Seiten, 20,60

Umlernen im Kopf - statt in der Konfrontation

Es sei eines der wichtigsten Ziele seines Buches, "eine neue Sichtweise für Furcht und Angst zu vermitteln, die genau zwischen dem unterscheidet, was wir von Tieren lernen können, und dem, was wir besser an Menschen untersuchen". Es bedürfe eines strengen begrifflichen Rahmens, "damit wir verstehen können, was Tierversuche für das Gehirn des Menschen bedeuten und was nicht". Bei einer Bedrohung durchlebt die Amygdala, die "Mandelkern"-Region in unserem Gehirn, Angst, die an den Hypothalamus übermittelt wird, was in der Folge zur Ausschüttung diverser Hormone führt, vor allem des Stresshormons Cortisol durch die Nebennierendrüsen. Pionierarbeit auf dem Gebiet dieser Alarm-Reaktion im Körper haben die Forscher Walter Cannon und Hans Selye geleistet.

Das Empfinden von Angst und Furcht hängt eng mit dem menschlichen Bewusstsein zusammen, damit, wie sich gravierende Erlebnisse im Gedächtnis verankert haben. LeDoux, den "Die Zeit" mit dem Titel "Herr über die Erinnerung" bedacht hat, widmet sich auch der Frage, ob und wie man stetig wiederkehrende Angstzustände bewältigen kann - etwa durch Konfrontation mit den Bedrohungen beziehungsweise durch Auslöschung traumatischer Erinnerungen. Für besser als die Auslöschung hält er dabei die "vorsorgende Vermeidung": Darunter versteht LeDoux "Verhaltensweisen und Gedanken, die sich unmittelbar mit Angstauslösern beschäftigen, um durch Lernen deren Auswirkungen abzuändern und damit den Organismus in die Lage zu verssetzen, Kontrolle über sie auszuüben". Vereinfacht gesagt: Reaktionen, wie jene von Tieren, die bei drohender Gefahr erstarren, kann sich der Mensch unter Umständen abtrainieren.

Wenn der "innere Leitstern" verblasst

"In der Angst steckt eine kostbare Botschaft - und wenn Sie bereit sind hinzuhören, statt vor der Angst davonzulaufen, kann sie Ihnen helfen, körperliche, geistige und seelische Heilung zu finden." Dies schreibt die amerikanische Ärztin Lissa Rankin, die in ihrem neuen Buch "Mut zur Angst" dafür plädiert, Freundschaft mit der Angst zu schließen. Dabei gelte es, "genau zwischen der Angst zu unterscheiden, die auf reale, gegenwärtige Gefahren hinweist, und einer Angst, die Ihnen blinde Flecken und Wachstumschancen in Ihrem Leben aufzuzeigen versucht".

Mit der Angst ist es offenbar ähnlich wie mit dem Schmerz. Wer kein Schmerzempfinden hat, entbehrt eines mitunter sogar lebenswichtigen Signals. Wer nie Angst hat, wird früher oder später durch Unvorsichtigkeit Schaden nehmen. Es gibt aber auch Ängste, die sich gar nicht auf konkrete, sondern auf eingebildete Gefahren beziehen - auch sie muss man ernst nehmen, denn sie haben dem Betroffenen etwas zu sagen. Im Prinzip sieht Rankin den Menschen von einem "inneren Leitstern" geführt, doch brenne dessen Licht mitunter schwach. Dann bestehe die Gefahr, dass Ängste krank machen. Rankin spürt nicht den biochemischen, sondern den "psychospirituellen" Ursachen von Krankheitsbildern nach, etwa schlimmen Erfahrungen in der Kindheit.

Angst und Stress lösen auch eine Hemmung des Immunsystems aus, die, so Rankin, in einer wirklich lebensbedrohlichen Situation sinnvoll ist. Dieser Mechanismus sei aber verhängnisvoll, wenn er zu häufig aktiviert wird: "Wir sind nicht dafür gemacht, allzu oft Angst zu haben. Punkt." Sind negative Erfahrungen einmal tief im Gehirn gespeichert - aus Tierversuchen weiß man, dass sie auch über Generationen vererbbar sind -, kann man "nicht willentlich beschließen, frei von Ängsten dieser Art zu sein, da die Angst auf unbewusste Prozesse zurückgeht und am urtümlichsten Teil des Nervensystems andockt". Während LeDoux den nicht immer leicht verständlichen Stand der Wissenschaft darstellt, ist Rankin mehr um Lebenshilfe bemüht. Sie bietet immer wieder Rezepte "zum Kultivieren von Mut" oder Listen von Ratschlägen an, die auch so manchen esoterischen Touch haben.





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Dokument erstellt am 2016-07-11 17:08:05
Letzte ńnderung am 2016-07-11 21:08:43



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