• vom 13.09.2016, 15:44 Uhr

Kultur

Update: 14.09.2016, 14:38 Uhr

China

Rettung wider Willen




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Von Wolfgang Liu Kuhn

  • Als vor 50 Jahren die Kulturrevolution über China hinwegfegte, zerstörten die Roten Garden auf Maos Geheiß das traditionelle Kulturerbe des Landes. Die Altstadt von Pingyao - heute Unesco-Weltkulturerbe - hatte kurioses Glück.

Eine leise Ahnung vom China der Ming-Dynastie: der Touristenmagnet Pingyao.

Eine leise Ahnung vom China der Ming-Dynastie: der Touristenmagnet Pingyao.© Michael Runkel/robertharding/picturedesk.com Eine leise Ahnung vom China der Ming-Dynastie: der Touristenmagnet Pingyao.© Michael Runkel/robertharding/picturedesk.com

Das einzige Problem mit den Stadtmauern von Pingyao ist: An manchen Tagen scheinen sie schlichtweg zu eng bemessen, um die bis zu 20.000 Touristen zu fassen, die täglich in die Altstadt strömen. In den Morgenstunden werden sie aus ihren Bussen gespuckt, man schubst sich durch die engen Gassen, kämpft in den pittoresken Teehäusern um die letzten Plätze, macht ein Selfie vor dem Glockenturm aus dem 14. Jahrhundert oder keucht über die 12 Meter hohe Stadtmauer. Keine andere Befestigungsanlage in China ist besser erhalten als jene von Pingyao, eine Mittelstadt in der Provinz Shanxi mit 42.000 Einwohnern. Seit 1988 steht sie auf der Liste der Denkmäler der Volksrepublik China, 1997 wurde das Ensemble mit den historischen Hofhäusern in das Unesco-Weltkulturerbe aufgenommen. Das chinesische Rothenburg ob der Tauber übermittelt eine leise Ahnung, wie das Reich der Mitte zur Zeit der Ming-Dynastie ausgesehen haben könnte, wie sich das Leben der Chinesen abspielte, bevor es die Kulturrevolution für immer auf den Kopf stellen sollte.

"Dies ist die größte, in der Geschichte der Menschheit noch nie dagewesene Umwälzung der Gesellschaft", kommentierte Mao Zedong die von ihm 1966 angestoßene Kulturrevolution - und sollte recht behalten. Mit den Worten "Zerschlagt die Vier Alten" rief der Große Vorsitzende seine Roten Garden zur Bekämpfung von alten Denkweisen, alten Kulturen, alten Gewohnheiten und alten Sitten auf. Kinder denunzierten ihre Eltern, Schüler schlugen ihre Lehrer, Arbeiter folterten ihre Funktionäre, Studenten trieben ihre Professoren in den Selbstmord. In den 40 Tagen des Spätsommers 1966, die auch als Roter August bekannt sind, wurden 1772 Menschen in Peking getötet oder begingen Selbstmord, 4922 historische Stätten wurden zerstört. Und auch in Pingyao sah die Situation zunächst nicht anders aus.


Was immer Mao befahl
"Der Vorsitzende Mao rief uns dazu auf, die Vier Alten zu zerstören, und was immer uns der Vorsitzende Mao befahl, wurde umgehend ausgeführt", erzählt der heute 68-jährige Suo Fenqi ungerührt. Kräftig und gut aussehend, wurde er mit 18 Jahren zu einem Anführer der Roten Garden von Pingyao. "Ich kam aus einer guten, kommunistischen Bauernfamilie, meine Eltern sangen rote Lieder und waren schon in der Partei, bevor die Volksrepublik 1949 gegründet wurde." 700 Kilometer südwestlich der Hauptstadt war Pingyao damals ein verstaubtes, isoliertes Provinznest, doch die antike Architektur und die alten Hofhäuser waren nach wie vor intakt. Daran änderte sich selbst dann wenig, als Suo mit seinem Mob losschlug, um Intellektuelle aus ihren Häusern zu werfen, verstecktes Gold und andere Schätze zu beschlagnahmen und den einen oder anderen Tempel zu brandschatzen. Allerdings währte die Zerstörungsorgie in der Altstadt relativ kurz, was weniger an Suos Einsehen lag als vielmehr an der Revolution selbst, die schon nach wenigen Wochen ihre eigenen Kinder fressen sollte.

Mao schickte seine Horden in erster Linie deshalb auf die Straße, um parteiinterne Rivalen auszuschalten und den Sozialismus zu revitalisieren. Doch schon nach wenigen Wochen geriet der entfesselte Mob völlig außer Kontrolle, und wie in vielen Landesteilen bildeten sich auch in der Provinz Shanxi rivalisierende Gruppen heraus. Dort standen sich im Wesentlichen zwei Fraktionen gegenüber: eine Gruppe mit Verbindungen zur Volksbefreiungsarmee und eine Allianz um Chen Yongui, einem bei Mao in Ungnade gefallenen Parteisekretär. Als Ironie der Geschichte verschanzte sich der Revolutionär im Chenghuang-Tempel, ein Bauwerk, das 1200 in der Nördlichen Song Dynastie errichtet wurde und bereits im Visier der Roten Garden um Suo Fenqi stand. Stattdessen schloss sich dieser nun dem abtrünnigen Chen an, dessen Truppen hoffnungslos unterlegen waren.

Leben in der Schlangengrube
Vor die Wahl gestellt, zu fliehen oder zu kämpfen, gewannen die bereits dem Untergang geweihten Befestigungsanlagen plötzlich wieder an Wert, was zu einer absurden Situation führte: Während in der gesamten Volksrepublik die Stadtmauern unter dem Gejohle der Massen abgerissen wurden, organisierte ausgerechnet Obergardist Suo Fenqi 300 seiner Getreuen, um das betagte Bauwerk für Verteidigungszwecke zu renovieren und zu verstärken. Die Mauer war zuvor nämlich bereits in einem desolaten Zustand, nachdem sich einheimische Bauern wie in einem Steinbruch an den Backsteinen bedient hatten, um ihre eigenen Höfe und Ställe damit auszubauen.

Den Welterbe-Rettern wider Willen sollte sich bald auch ein echter Denkmalschützer anschließen: Li Youhua, ein stiller Künstler und Kaligraph, der sich ebenfalls im Chenghuang-Tempel niederließ und kaum ein Wort sprach. Für ihn war es ein Leben in der Schlangengrube: Da sein Großvater beschuldigt wurde, während der japanischen Besatzung mit dem Feind kollaboriert zu haben, konnte er jederzeit auffliegen und selbst an die Wand gestellt werden. Als sich die Roten Garden eines Tages aufmachten, um den alten buddhistischen
Shuanglin-Tempel außerhalb der Stadt zu zerstören, riskierte Li sein Leben, als er ihnen zuvorkam und eine kostbare Skulptur aus der Halle der Eintausend Buddhas rettete. Jahre später sollte er die Statue in den Tempel zurückbringen. Ein anderes Mal überschüttete er ein antikes Wandgemälde mit wasserlöslicher, weißer Farbe, um es vor der Verwüstung zu bewahren.

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Schlagwörter

China, Kulturrevolution, Mao, Pingyao

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Dokument erstellt am 2016-09-13 15:47:13
Letzte ─nderung am 2016-09-14 14:38:09



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