• vom 22.09.2016, 07:40 Uhr

Kultur

Update: 22.09.2016, 07:49 Uhr

Dritter Viktor Frankl Weltkongress

Das Leben fragt




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Von Edwin Baumgartner

  • In Wien findet der dritte Viktor Frankl Weltkongress zu Verunsicherung und Sinnverlust statt.

Viktor Frankl definierte die Sinnfrage neu und entwickelte daraus die Logotherapie.

Viktor Frankl definierte die Sinnfrage neu und entwickelte daraus die Logotherapie.© apa/Barbara Gindl Viktor Frankl definierte die Sinnfrage neu und entwickelte daraus die Logotherapie.© apa/Barbara Gindl

Wien. Sinnsuche in Wien: An der Universität der österreichischen Hauptstadt findet der dritte Viktor Frankl Weltkongress statt. Rund 450 Wissenschafter aus 35 Ländern, überwiegend Psychologen und Psychiater, werden von Donnerstag bis Sonntag, 25. September, die großen Themen der Gegenwart untersuchen: gesellschaftliche Verunsicherung, Sinnverlust und, nicht zuletzt auch mit beidem in Zusammenhang, seelische Gesundheit. Organisator des Kongresses ist Alexander Batthyany, Vorstand des Viktor Frankl Instituts.

Der österreichische Neurologe und Psychiater Viktor Frankl (1905 bis 1997) begründete die Logotherapie, die durch ihren gedanklichen Überbau an der Grenze zwischen Philosophie und Psychologie steht. Vielleicht ist sie am besten als angewandte Philosophie beschreibbar. Dass Frankl schon bei seiner Matura einen Aufsatz unter dem Titel "Die Psychologie des philosophischen Denkens" vorlegte, mag man durchaus als richtungsweisend verstehen.

Information

Der dritte Viktor Frankl Kongress findet von 23. bis 25. September auf dem Campus der Universität Wien (9., Spitalgasse 2) statt. Beginn um 9 Uhr.

Im Web: viktorfrankl.info

Verantwortung übernehmen

In Zusammenhang mit der Logotherapie verwendet Frankl den griechischen Begriff "Logos" nicht in der Übersetzung "Wort", sondern im gesamten Bedeutungskomplex von Sinn. In der Logotherapie geht also darum, einer bestimmten Lebenslage oder einer bestimmten Tätigkeit einen Sinn abzugewinnen. In seinem Buch "Ärztliche Seelsorge" schreibt Frankl, dass die Frage nach dem Sinn des Lebens falsch gestellt sei, denn nicht der Mensch habe zu fragen, sondern das Leben stelle die Fragen, auf die der Mensch antworten müsse. Dadurch übernähme der Mensch die Verantwortung für sein eigenes Dasein.

Niedergeschrieben hat Frankl diese Grundlagen der Logotherapie 1942 im Ghetto Theresienstadt. Frankls Vater starb dort 1943, seine Mutter und sein Bruder wurden in Auschwitz ermordet, seine Frau starb im KZ Bergen-Belsen. Frankl selbst wurde am 19. Oktober 1944 von Theresienstadt nach Auschwitz verschleppt, von dort in das KZ-Kommando Kaufering III, dann in das Lager Türkheim, ein Außenlager des KZ Dachau. Am 27. April 1945 wurde er in Türkheim von der US-Armee befreit. Trotz der am eigenen Leib erlebten NS-Gräuel blieb Viktor Frankls Einstellung so, wie der Titel einer Vortragssammlung lautet: "... trotzdem Ja zum Leben sagen".

Tatsächlich hatte Frankl schon 1930 gezeigt, wie wirksam der logotherapeutische Ansatz war: Zwei Jahre zuvor hatte er in Wien Jugendberatungsstellen gegründet - jetzt organisierte er für die Zeit der Zeugnisausgabe, in der Schüler-Suizide häufig waren, eine Sonderaktion. Er erreichte, dass kein einziger Schüler Hand an sich legte.

Doch auch in der heutigen Arbeitswelt funktioniert der logotherapeutische Ansatz. So ist nachgewiesen, dass Mitarbeiterleistungen in dem Moment steigen, in dem man den Betreffenden den Sinn ihrer Tätigkeit vermittelt.

Der Gegenwart begegnen

Auf dem Wiener Frankl-Kongress werden nun nicht nur neue Forschungsergebnisse vorgestellt, sondern es werden vor allem Möglichkeiten erörtert, wie man mit der Logotherapie den großen Herausforderungen der Gegenwart begegnen kann, speziell dem Werte- und Sinnverlust. "Unser Kongress hat sich zur Aufgabe gestellt, konkrete Auswirkungen und ebenso konkrete Auswege zu diskutieren und Initiativen vorzustellen, die zeigen, dass und wie es auch anders geht", sagt Batthyany. Unmut, Unzufriedenheit und diffuse Ablehnung, so Batthyany, nehmen auch bei jungen Menschen alarmierend zu. Frankl selbst führte Aggression und Resignation auf Verunsicherung und Sinndefizit zurück.

Entmutigung und Sinnlosigkeit erzeugen ein existenzielles Vakuum, das für psychische Fehlentwicklungen und letzten Endes Aggression Raum bietet. Gerade die Logotherapie kann hier auf der Basis der Sinnfindung gegensteuern. "Denn ein gelingendes Leben", so Batthyany, "hängt nicht so sehr davon ab, dass ich weiß, was und wen ich nicht will. Es hängt vielmehr davon ab, dass ich weiß, wozu ich gut bin, wo ich meinen persönlichen positiven und konstruktiven Beitrag leisten kann und wofür ich Verantwortung trage."





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2016
Dokument erstellt am 2016-09-21 16:14:06
Letzte ńnderung am 2016-09-22 07:49:16



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