• vom 18.10.2016, 21:31 Uhr

Kultur


Symposion

Das große Umdenken




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Von Edwin Baumgartner

  • Uni-Tagung zum Thema, wo sich die ehemaligen NSDAP-Mitglieder nach 1945 positionierten.

Die zerstörte Juristenstiege der Universität Wien: Das Regime der Nationalsozialisten hinterließ auch geistig einen Trümmerhaufen. Was geschah mit den Tätern?

Die zerstörte Juristenstiege der Universität Wien: Das Regime der Nationalsozialisten hinterließ auch geistig einen Trümmerhaufen. Was geschah mit den Tätern?© apa/Bda/Uni-Archiv/HT Die zerstörte Juristenstiege der Universität Wien: Das Regime der Nationalsozialisten hinterließ auch geistig einen Trümmerhaufen. Was geschah mit den Tätern?© apa/Bda/Uni-Archiv/HT

Wien. Es ist das Denken. Es war damals, 1945, das Denken, und es ist heute das Denken. Verbote verändern es nicht. Das Denken findet seine Wege - auch solche, sich zu maskieren. Das sind die Lehren, die man aus der Nachkriegszeit für die Gegenwart ziehen muss. Denn auch heute glaubt man nur zu gerne, man könne das Denken von Radikalen allein schon mittels der Umarmung durch die Gesellschaft verändern.

Es hat freilich schon 1945 nicht wirklich funktioniert.


Zu extrem war der Schnitt von einem diktatorischen Regime, auf das man sich vielfach mehr volens als nolens eingelassen hatte, zu einer Demokratie, die nicht selbst erkämpft war und deren Mechanismen man erst erlernen oder zumindest sich wieder ins Gedächtnis rufen musste.

Eine Frage der Netzwerke?
Doch was geschah mit den Tätern? Wie effektiv waren die sogenannten Entnazifizierungsverfahren? Brachten sie ein grundlegendes Umdenken - oder nur scheindemokratische Lippenbekenntnisse? Vor allem aber die eine große Frage: Selbst wenn die Absage an das nationalsozialistische Denken vielfach eine pure Kulisse war - wie hätte man anders vorgehen können, ohne einen Kahlschlag in der Gesellschaft zu verursachen und jede Kontinuität zu unterbrechen?

Vielleicht gab es zuviel von dieser Kontinuität. Kunst und Kultur sind stets ein Seismograph der Gesellschaft. Wenn der mehrfach der NSDAP beigetretene Stardirigent Herbert von Karajan tief in demokratischen Zeiten meint, er würde der Karriere zuliebe wieder so handeln, dann scheint etwas im Denken nicht angekommen zu sein. Wenn der letzte Direktor der Wiener Staatsoper in der "Ostmark", der NS-sympathisierende Karl Böhm, der erste der wiedereröffneten Staatsoper im befreiten Österreich war, dann mag man von einer bewussten Zeichensetzung für Kontinuität sprechen, doch es ist zugleich auch eine, die Schauer über den Rücken jagt.

Die Frage, wie sich nach Kriegsende ehemalige Träger des NS-Regimes neu positionierten, ist Thema einer Tagung an der Uni Wien. Grundfragen sind, welche Wahl die ideologisch überzeugten ehemaligen Nationalsozialisten hatten und ob sie ihrer Gesinnung treu geblieben oder sich an die neuen Gegebenheiten angepasst haben. Auch den Fragen der Reorganisation und den Netzwerken der "Ehemaligen" werden die Referenten im Rahmen der Veranstaltung nachgehen, die im Rahmen des von Margit Reiter geleiteten Projektes "Antisemitismus nach der Shoah. Ideologische Kontinuitäten und politische Umorientierung im ,Ehemaligen‘-Milieu in Nachkriegsösterreich (1945-1960)" stattfindet.

Tatsächlich ist es ja den NS-Tätern und Mitläufern erstaunlich gut gelungen, ihre Vergangenheit abzustreifen, und sich demokratisch zu positionieren - und das sogar politisch und in allen damals zur Wahl stehenden Parteien, wie der Fall des Euthanasie-Arztes Heinrich Gross lehrte, dessen Reinigung von der braunen Vergangenheit der Bund Sozialistischer Akademiker bewerkstelligte. Es war nicht der einzige Fall. Das "profil" titelte 2005 "Die rote Nazi-Waschmaschine". Sogar dem ersten Kabinett Bruno Kreisky gehörten sechs Minister mit NS-Vergangenheit an.

Auch bei der ÖVP war eine NS-Vergangenheit keineswegs ein Karrierekiller - und es war die Vergangenheit des von der ÖVP erfolgreich nominierten Bundespräsidentschaftskandidaten Kurt Waldheim, die den Sumpf der braunen "Ehemaligen" in Österreich vor Augen führte. Erst jetzt setzt die Aufarbeitung ein - und sie hält an, wenngleich man vielfach den Eindruck gewinnt, dass die Fixierung auf die Rückschau blind macht für undemokratische Strömungen der Gegenwart, in der auch der Antisemitismus wieder, freilich in neuem Gewand, an Boden gewinnt und auf erstaunlich wenig Gegenwehr trifft.

Die "Ehemaligen" nach 1945: Wie ging es weiter? NS-Kontinuitäten - Transformationen - Netzwerke

Die Tagung findet statt am 20. (18 bis 20 Uhr) und 21. Oktober (9 bis

18.30 Uhr) an der Universität Wien ("Alte Kapelle", Uni-Campus, 9., Spitalgasse 2-4).




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Dokument erstellt am 2016-10-18 16:17:05



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