• vom 21.11.2016, 15:57 Uhr

Kultur

Update: 22.11.2016, 10:35 Uhr

Sprachschätze

Das Zeitalter der Einfälle




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Von Hilde Weiss

  • Sprachschätze
  • Zu genialen Einfällen gibt es einiges anzumerken, auch aus etymologischer Sicht.

Hilde Weiss ist Journalistin und Übersetzerin. Veröffentlichungen auch in mehreren deutschen Zeitungen.

Hilde Weiss ist Journalistin und Übersetzerin. Veröffentlichungen auch in mehreren deutschen Zeitungen. Hilde Weiss ist Journalistin und Übersetzerin. Veröffentlichungen auch in mehreren deutschen Zeitungen.

Auf Erfindungen und ihre Namen fällt im Sprachalltag wenig Licht. Esperanto zum Beispiel, "das Hoffende", heißt nach dem Pseudonym Dr. Esperanto seines Erfinders, des polnischen Augenarztes Ludwik Zamenhof (vom lateinischen Verb sperare für erwarten, vermuten, hoffen). Und Morsen, "walrösseln", ist nach dem US-amerikanischen Erfinder und Maler Samuel Finley Morse benannt, im Englischen "das Walross".

Der Colt heißt nach dem US-amerikanischen Industriellen Samuel Colt, dessen Name "der Grünschnabel" (das Fohlen) bedeutet. Strass ist nach dem französischen Juwelier G. F. Stras aus Straßburg benannt. Kissen gehen über das lateinische Wort culcita für Polster auf das Keltische zurück, da die Gallier als Erfinder des Federkissens gelten. Troubadour heißt "der Erfinder" ("der Dichter"), vom altfranzösischen Verb trover für finden und dichten. Und Heuristik, vom griechischen Verb heurískein für finden, war vor dem Auffinden neuer Erkenntnisse die Kunst, den Hafen zu finden.


Klar und deutlich und doch wenig bedacht: Aus sprachlicher Sicht ist das Erfinden einfaches Finden, auch die Findigkeit. Glorreiche Erfindungen, geniale Eingebungen, rettende Einfälle, das alles ist reizvoll, erweist sich aber bei näherem Hinsehen als etwas anderes als erwartet.

In manchen Wörtern steckt viel Weisheit. So geht der Einfall auf die Mystik zurück und war ein Ausdruck für nicht beeinflussbares Eindringen von Gedanken. Einfallen bedeutete und bedeutet auch eindringen, einbrechen, überfallen, über jemand herfallen - Invasion. Ebenso heißt es, dass einem etwas durch den Kopf schießt - einfallsreich.

Mehr denn je ist unser Alltag voller Erfindungen und Erfinder. Viel davon ist, wie im Wortschatz angedeutet, frei erfunden, von A bis Z. Diese Erfinder haben meist sprichwörtlich weder die Arbeit noch das Pulver erfunden und buchstäblich Einfälle wie ein baufälliges Haus. Oft lassen im Lauf der Zeit die rettenden Einfälle immer mehr auf sich warten, wie bei Goethes "Zauberlehrling", dem die Zauberformel zur Beendigung der Überschwemmung nicht rechtzeitig einfällt: "Die ich rief, die Geister, werd ich nun nicht los."

Manch weitere Warnung findet sich in unserem Wortschatz. So heißt Fantasie im Griechischen Einbildung, Erscheinung, Vorstellung, eng verwandt mit dem Phantom. Inspiration heißt, vom lateinischen Verb spirare für blasen, wehen, hauchen, "Einhauchung", eng verwandt mit
der Konspiration, "dem Zusammenatmen", und dem Transpirieren, "dem Hindurchatmen", von dem noch die Rede sein wird.

Not macht erfinderisch, heißt es. Dann lässt man sich eben, oft ohne den nötigen Einsatz aufzubringen, einfach etwas einfallen. Von woher genau? Wenn man gerade keine Eingebung hat (oder sicherheitshalber darauf verzichtet), klügelt, "klugelt", man sich besser selbst etwas aus. Das Meiste wird, wie sich im Nachhinein zeigt, ent-deckt, hervorgebracht. Und auch das gelingt meist nur, wenn man neben dem - laut Thomas Alva Edison, einem der produktivsten Erfinder - nötigen
1 Prozent Inspiration, auch zu den restlichen 99 Prozent Transpiration bereit ist. Bis man das Benötigte gefunden, herausgefunden - erfunden - hat.




Schlagwörter

Sprachschätze, Etymologie

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-11-21 16:02:04
Letzte nderung am 2016-11-22 10:35:09



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