• vom 28.11.2016, 16:14 Uhr

Kultur

Update: 29.11.2016, 14:59 Uhr

Sprachschätze

Süße Versuchung, saure Konsequenzen




  • Artikel
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Hilde Weiss

  • Sprachschätze
  • In unserem Denken und unserem Wortschatz ist süß eindeutig gut und sauer schlecht, aber ganz so einfach ist das gar nicht.

Hilde Weiss ist Journalistin und Übersetzerin. Veröffentlichungen auch in mehreren deutschen Zeitungen.

Hilde Weiss ist Journalistin und Übersetzerin. Veröffentlichungen auch in mehreren deutschen Zeitungen. Hilde Weiss ist Journalistin und Übersetzerin. Veröffentlichungen auch in mehreren deutschen Zeitungen.

Nicht alles ist Geschmacksache: Süß steht von jeher, wohl auch aufgrund der früher eingeschränkten Verfügbarkeit, für angenehm, erfreulich, hinreißend, zauberhaft, während zum Sauren Unangenehmes assoziiert wird: Sauer ist schlecht, verdorben, mühselig, anstrengend, beschwerlich, ärgerlich, mürrisch, verdrießlich (sauertöpfisch), entrüstet, erbost (stinksauer). Ähnlich steht auch das Bittere für schlimm (bitterernst, bitterböse), für unangenehm, betrüblich, herb, schmerzlich, für arg, streng, schwer, hantig - verbittert. Dass zu viel Süßes allmählich sauer aufstößt und sauer macht, indem es übersäuert, davon findet sich in unserem Wortschatz nichts, weil sich diese Erfahrung früher nur wenige leisten konnten. Sauer macht lustig, heißt es.

Das Saure, germanisch sura, kommt von einem indoeuropäischen Wort für saftig und war ein Wort für feucht, eng verwandt mit der Säure, "der Sauren", und dem Sammelsurium, "dem Sammelsaur", einem sauer zubereiteten Gericht aus Resten.


Alles sauer: Oxide gehen auf das griechische Wort oxys für sauer, bitter, scharf zurück. Sauerstoff ist eine Lehnübertragung dazu. Essig kommt vom lateinischen Wort acidus für sauer. Aber auch Ampfer heißt "der Saure", von einem germanischen Wort für sauer und einer indoeuropäischen Wurzel für sauer und bitter.

Bitter heißt, vom germanischen Wort bitra und einer Wurzel für beißen, "beißend", eng verwandt mit dem Beizen, "dem Beißen". Wermut, ein germanisches Wort, dürfte "der Bittere" bedeuten. Auch Myrrhe heißt, über das Griechische und das Arabische, "die Bittere". Und Amarelle und Amaretto führen zum lateinischen Wort amarus für bitter, herb, widerlich.

Sprachlich nicht viel Unterschied: Auch das Süße, germanisch swotu, kommt wie das Saure von einem indoeuropäischen Wort für saftig. Glykol, "das Süße", geht wie Glykogen und Glyzerin, das ursprünglich Ölsüß genannt wurde, eng verwandt mit der Lakritze, "der Süßwurzel", auf das griechische Wort glykys für süß zurück. Auch Zimt heißt "Süßholz", entlehnt über das Lateinische, das Griechische und das Hebräische aus dem Malaysischen, wo kayu Holz bedeutet und manis süß.

Konfetti war ursprünglich ein

Ausdruck für Karnevalssüßigkei-

ten, zurückgehend auf das lateini-sche Verb conficere für zuberei-

ten, verfertigen, eng verwandt

mit dem Konfekt, der Konfitüre und der Konfiserie. Auch Dulzinea, "die Süße" (die Liebliche), gehört hierher.

Weniger süß hingegen war ursprünglich das Betthupferl, denn es war ein Ausdruck für Floh. Auch der Pudding war ursprünglich nicht süß: Er geht über das Englische und das Altfranzösische (boudin, Wurst, Blutwurst) auf das lateinische Wort botulus für Wurst und Eingeweide zurück. Zucker war ursprünglich, zurückgehend auf das altindische Wort sárkara, ein Wort für Kies, Grieß. Und Desserts, "Abservierer", kommen vom französischen Verb desservir für Speisen abtragen, Tisch abräumen (lateinisch servire, dienen).

Der Advent ist meist die süßeste Zeit im Jahr: Was braucht man für ein gelungenes "Dolce Vita"? Arbeit - zumindest nach Gottlob Wilhelm Burmanns Gedicht "Arbeit" aus dem Jahr 1777, das mit den Worten beginnt "Arbeit macht das Leben süß".




Schlagwörter

Sprachschätze, Etymologie

Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2016
Dokument erstellt am 2016-11-28 16:18:06
Letzte nderung am 2016-11-29 14:59:04



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Der König mit der groben Klinge
  2. Kunstvolles Scheitern
  3. Alle Ehre dem Wortwitz
  4. "Wir sind viel mutiger,
    als es den Anschein hat"
  5. Auf der dunklen Seite der Welt
Meistkommentiert
  1. Allahs religiöser Supermarkt
  2. Der König mit der groben Klinge
  3. "Wir sind viel mutiger,
    als es den Anschein hat"
  4. Das Zeitalter der Einfälle
  5. "Abscheu vor dem Islam"

Werbung




Werbung