• vom 05.12.2016, 16:33 Uhr

Kultur

Update: 07.12.2016, 12:14 Uhr

Sprachschätze

Alle Jahre wieder neu erbaut




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Von Hilde Weiss

  • Sprachschätze
  • Das vorweihnachtliche Treiben ergibt meist eine ziemlich heftige Mischung. Eine kleine etymologische Einstimmung auf den Advent.

Hilde Weiss ist Journalistin und Übersetzerin. Veröffentlichungen auch in mehreren deutschen Zeitungen.

Hilde Weiss ist Journalistin und Übersetzerin. Veröffentlichungen auch in mehreren deutschen Zeitungen. Hilde Weiss ist Journalistin und Übersetzerin. Veröffentlichungen auch in mehreren deutschen Zeitungen.

Der Advent, "was auf einen zukommt", "die Ankunft" (Christi), geht auf das lateinische Verb venire für kommen zurück, wie auch die Konvention, "die Übereinkunft" ("das Zusammenkommen"), und die Inventur, "die Inventarisation des Bekommenen" (Erworbenen).

Zeit für Punsch, Zeit für "den Fünfer", der auf eine angloindische Bezeichnung für fünf (hindi: pantsch) zurückgeht, als Anspielung auf die ursprünglichen Grundbestandteile - im Englischen punch, was gleichzeitig auch schlagen, boxen, stanzen, lochen, Kasperl und Hanswurst bedeutet. Punchy (oder punschig) ist man dann, wie vom Grog groggy.


Zeit auch des Aufputzens und des Verputzens, "den Teller sauber machen". Zeit des Putzens, "den Butzen entfernen" (Kerngehäuse, Klumpen), ursprünglich ein Begriff für Dochte und Bärte putzen, vom lateinischen Verb putare für schneiden, ausschneiden, putzen, reinigen. Und die Zeit erhöhten Rechnungsaufkommens, von einem germanischen Wort für rechnen, im Sinn von richten, in Ordnung bringen, ins Reine.

Zeit für Nostalgie, "Heimweh", bestehend aus den griechischen Wörtern nóstos für Rückkehr, Heimkehr und álgos für Schmerz, Trauer. Zeit für Lametta, im Italienischen ein Wort für kleine Klinge, Rasierklinge (vom lateinischen Begriff lamina für Blech, Platte). Damit alles glänzt, "glanzt". Mit Schleifen, "Schlaufen".

Zeit für Eis und Schnee? Eis kommt vom germanischen Wort isa und dieses von einer Wurzel für sprühen. Kristalle kommen vom griechischen Wort krýos für Eis, Frost. Schnee heißt, vom germanischen Wort snaiwa, "der kleben bleibt" (liegen bleibt). Und Flocke, vom vordeutschen Wort flukkon, war ursprünglich ein männliches Wort.

Zeit, Licht ins Dunkel zu bringen. Bei Düsternis und Finsternis hat man es mit der Wurzel temos- für dunkel zu tun. Die Helligkeit hingegen kommt, eng verwandt mit dem Hallen, vom althochdeutschen Verb hellan für tönen, klingen und war ursprünglich ein Wort für schallend, laut, dann für helle Farben, "die schreien".

Zeit des Schenkens, von einem germanischen Verb für einschenken, "schräg halten" (der Gefäße). Und Zeit des Naschens, aus sprachlicher Sicht "des Nagens". Zeit der Engel, vom griechischen Wort ángelos für Bote, und des Evangeliums, "der guten Botschaft" (der Heilsbotschaft), die gleicher Herkunft ist. Von der gnadenbringenden Zeit ist die Rede, das kommt von einem germanischen Wort für Wohlwollen, Vergünstigung. Eine segensreiche Zeit, eine Zeit "des Bezeichnens" (mit dem Kreuz), vom lateinischen Wort signum für Zeichen.

Es könnte die Zeit der Beschaulichkeit sein, die Zeit, alles in Ruhe zu beschauen. Die Zeit der Kontemplation, vom lateinischen Verb contemplare für betrachten, bedenken. Die Zeit des Erbaulichen, um fürs nächste Jahr neu "erbaut" zu sein, ursprünglich ein Ausdruck für zu Ende gebaut, wobei das Bauen, "das Entstehenlassen", von einer Wurzel für entstehen, sein kommt.

Zeit, sich zu sammeln. Zeit der Besinnung, um bei Sinnen (und Gesinnung) zu sein, sprachlich eine Mischung aus dem althochdeutschen Verb sinnan für trachten, beabsichtigen, reisen und dem lateinischen Verb sentire für empfinden, wahrnehmen. Erst besinn’s, dann beginn’s, sagte man früher.




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Sprachschätze, Etymologie

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-12-05 16:38:05
Letzte ─nderung am 2016-12-07 12:14:12



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