• vom 26.12.2016, 16:12 Uhr

Kultur

Update: 27.12.2016, 12:26 Uhr

Sprachschätze

Vom Glück, kein Glück zu brauchen




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Von Hilde Weiss

  • Sprachschätze
  • Unser Wortschatz macht es möglich: Glück haben alle, immer - man sollte nur vorsichtig damit umgehen.

Hilde Weiss ist Journalistin und Übersetzerin. Veröffentlichungen auch in mehreren deutschen Zeitungen.

Hilde Weiss ist Journalistin und Übersetzerin. Veröffentlichungen auch in mehreren deutschen Zeitungen. Hilde Weiss ist Journalistin und Übersetzerin. Veröffentlichungen auch in mehreren deutschen Zeitungen.

Glück hat man eigentlich immer, denn Glück, "Luck", bedeutete ursprünglich Geschick, Schicksal, welcher Art auch immer, eng verwandt mit dem englischen Wort luck, das heute noch in good luck und bad luck unterteilt wird. Auch im Deutschen wünschte man sich und einander früher, das Glück möge gut werden und böses Glück ausbleiben. Auf gut Glück, diese Redensart erinnert an die ursprüngliche Bedeutung, wie aufs Geratewohl, "es gerate wohl". Fortuna ist nicht die Glücks-, sondern die Schicksalsgöttin, die Göttin des Glücks und des Unglücks, vom lateinischen Wort fortuna für Schicksal, Geschick, Zufall, Glück, auch Unglück (vom Verb ferre für tragen, bringen).

Ist man happy, kommt das, ganz ähnlich, vom mittelenglischen Wort hap für Zufall, Glück und dieses vom gleichbedeutenden altnordischen Wort happ, auf das auch das Verb happen für geschehen, sich ereignen zurückgeht. Und Unfall, "das Unglück", geht auf das mittelniederdeutsche Wort geval für Glück zurück.


Seit das Glück einseitig gesehen wird, gilt es als äußerst wechselhaft und brüchig: Das Glück ist, wie wir heute sagen, ein Vogerl. "Das Glück hat Flügel", sagt man früher. Und es kursierten viele Darstellungen des Glücksrads, auf dem die Menschen (ohne Kabinen oder Sitze) erst nach oben befördert werden und dann - unausweichlich - nach unten. "Mäßiges Glück währt am längsten", lehrt ein altes Sprichwort.

Vom Glück im Unglück ist oft die Rede, vom Unglück im Glück in unserer Kultur aber kaum. Früher waren viele, nicht nur in fernöstlichen Philosophien, davon überzeugt, dass Glück oft Unglück sein kann und Unglück Glück.

Hals- und Beinbruch, wünschen wir einander heute noch. Die Redensart soll auf den hebräischen Wunsch hazlóche un bróche, Glück und Segen zurückgehen, beeinflusst davon, dass offen ausgesprochene Wünsche früher gemieden wurden, weil missgünstige Geister, so die Erfahrung, sie vereiteln.

Vor zu viel Glück wurde früher gewarnt: "Glück betört mehr Leute als Unglück", heißt es bei Luther. Und bei Schiller: "Mit des Geschickes Mächten ist kein ew’ger Bund zu flechten". "Und das Unglück schreitet schnell" (Lied von der Glocke). "Wer besitzt, der lerne verlieren, wer im Glück ist, der lerne den Schmerz" (Braut von Messina). "Noch keinen sah ich fröhlich enden, auf den mit immer vollen Händen, die Götter ihre Gaben streun" ("Ring des Polykrates"). Sprichwörtlich zusammengefasst: "Das Glück schenkt nichts, es leiht nur".

Das Glück des Tüchtigen ist seit der Antike Thema: Glück ist Können, heißt es. Das geht über Goethes Faust II ("Wie sich Verdienst und Glück verketten, das fällt den Toren niemals ein") auf Aristoteles zurück, in dessen "Nikomachischer Ethik" es heißt, dass Können das Glück und Glück das Können begleitet.

Viel Neid ist meist in unser Glück verwoben. Der Anakreontiker Gleim gab schon im 18. Jahrhundert zu bedenken: "Wer glücklich ist, kann glücklich machen". Auch nicht wegzudenken, seit Jahrhunderten, sind die Ratschläge, das Glück in sich selbst, nicht in der Welt zu suchen - gipfelnd in William Saroyans Feststellung "Glück ist das Wissen darum, dass du nicht notwendigerweise Glück brauchst".




Schlagwörter

Sprachschätze, Etymologie, Glück

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-12-26 16:17:16
Letzte nderung am 2016-12-27 12:26:12



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