• vom 22.02.2017, 20:47 Uhr

Kultur

Update: 22.02.2017, 21:02 Uhr

Architektur

Als das Neue böse wurde




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Von Judith Belfkih

  • Über den Umgang mit dem Bauen in der Stadt - zwischen Abrisswut und Erhaltungswahn.



Wien. Die Neubaupläne für das Areal am Wiener Heumarkt erhitzen nach wie vor die Gemüter. Der geplante 66 Meter hohe Turm anstelle des Hotels Intercontinental ist der Welterbe-Kommission der Unesco zu hoch. Zudem ist der "Canaletto-Blick" vom Belvedere aus auf die Stadt in Gefahr, ein prominent besetztes Personenkomitee fordert sogar den absoluten Projektstopp. Wird der Neubau wie derzeit geplant realisiert, droht Wien der Verlust des Welterbe-Titels. Aktuell liegt der Unesco ein leicht überarbeiteter Entwurf der Neugestaltung vor.

Einige Häuser weiter erzürnen die Umbaupläne des Wien Museums Anrainer. Sie haben die Künstler-Initiative "Rettet die Karlskirche" hervorgebracht. Die Initiatoren sehen in der vorgesehenen "vertikalen Erschließung" des Museums und vor allem in der möglichen Aufstockung des benachbarten Versicherungsbaus eine optische Bedrohung für die angrenzende Kirche. Und in der Innenstadt wird (erneut) darüber debattiert, ob ein denkmalgeschütztes Barockhaus einen Ausbau des Dachstuhls durch Luxuswohnungen erhalten darf.

Was diesen drei Projekten gemein ist: Das Neue hat es nicht leicht derzeit in der Architektur. Erhalten, bewahren, konservieren und bitte nichts verändern oder gar modernisieren, scheint der Grundtenor einer breiten gesellschaftlichen Mehrheit zu sein, denen eine recht kleine Gruppe von Investoren und Politikern - mit nicht immer durchsichtigen oder für das Gemeinwohl zwingend nachvollziehbaren Intentionen - gegenübersteht.

Ob das Neue schlechthin als Bereicherung und Fortschritt oder als Bedrohung und Zerstörung empfunden wird, ist auch Charaktersache. Es sagt etwas darüber aus, wie offen jemand der Welt begegnet oder wie sehr eine Person in den eigenen Vorstellungen einbetoniert ist. Doch der in dieser Frage enthaltene Kampf zwischen Bewahrern und Erneuern ist auch ein kollektiver. Wie eine Gesellschaft generell zum Neuen steht, zeigt sich in vielen Bereichen - in der Musik, in der Mode. Am nachhaltigsten sieht man diese Einstellung mitunter jedoch in der Architektur. Oder genauer gesagt darin, wie mit vorhandener Bausubstanz umgegangen wird. Erhalten und pflegen versus abreißen und neu bauen - eine Frage, deren mehrheitliche Beantwortung immer wieder Veränderungen unterworfen war und die jede Zeit anders gesehen hat.

Angelika Fitz, Direktorin des Architekturzentrums Wien, will sich in die laufenden Debatten um Heumarkt und Karlsplatz nicht wertend einschalten, doch sie hält es für "spannend, wieder eine intensive Diskussion über Prozesse der Stadtentwicklung zu haben". Als Kulturtheoretikerin schätzt Fitz die Wiener generell als offen für das Neue ein, mit Einschränkungen: "Die Stadt darf sich verändern. Nur bitte nicht dort, wo ich bin." Die Gefahr, dass Wien im Bewahren erstarrt und wie einige italienische Städte zum touristischen Freilichtmuseum wird, sieht sie nicht - "solange die Stadt bespielt und genutzt wird".

Bestehende Bausubstanz abzureißen, um Platz für Neues zu schaffen, hatte bei weitem nicht immer einen so negativen Beigeschmack wie heute. Und rief auch nicht immer Kritiker auf den Plan, die den Verlust von kulturellem Erbe beklagten und gegen "Zerschönerer" wetterten. Das Neue ging vor allem im Bauen so lange mit dem Guten Hand in Hand, solange es mit einer klaren Verbesserung der technischen Möglichkeiten einherging. Ein modriges, kleines Heim ohne Sanitärräume und sonstigen Komfort gegen ein neues mit Fließwasser, Tageslicht und Elektrizität zu tauschen - da brauchte das Neue noch keine besonders starke Lobby. Es sprach für sich.

Das Neue in der Architektur wurde böse, als es seine absolute funktionale Logik verloren hatte und letztlich zum ästhetischen und geschmäcklerischen Zierrat wurde. In einem Gründerzeithaus oder einem Passivhaus zu wohnen - das ist heute vor allem Geschmacksache. Einen großen Unterschied an Lebensqualität bringt es nicht mit sich.

Einen ganz klaren Zeitpunkt, ab wann diese nostalgische Negativkonnotation des Neuen eingesetzt hat, möchte Angelika Fitz nicht festmachen, sie sieht jedoch eine Parallele zum Aufkommen eines Bewusstseins für den Wert von Bestehendem: "Transformation war immer ein Thema, spätestens seit dem 19. Jahrhundert, seit es eine Form von Geschichtsbewusstsein gibt."

Als Ausgangspunkt für die ewige Wien-Nostalgie, die aus diesem kontinuierlichen Wandel entstanden ist, benannte Wolfgang Kos, ehemaliger langjähriger Direktor des Wien Museums, in einem Interview ebenfalls das Biedermeier "als Publizisten sagten, ja dauernd wird uns ein Stück Seele weggerissen mit jedem Haus, das demoliert wurde". Im Rahmen der Ausstellung "Alt-Wien - Die Stadt, die niemals war" führte Kos 2004 eindrucksvoll vor Augen, wie sehr dieses verklärte Bild vom vermeintlich romantischen "Alten Wien" von Mythenbildung lebte und immer noch lebt.

Denn gerade die zweite Hälfte des 19.Jahrhunderts war in Wien von großen baulichen Veränderungen geprägt. Nach der Beseitigung der Stadtmauern um 1860 konnte die Stadt endlich expandieren, nicht nur die Ringstraße entstand, auch in der Innenstadt kam es zu großflächigen Demolierungen. Am Graben oder in der Kärntner Straße wurden fast alle Gebäude ersetzt, die Straßen wurden breiter. Was die Planer dieser Stadtveränderung "Regulierung" und "Verschönerung" nannten, war für andere Grund für Trauerreden auf das unwiederbringlich zerstörte Wien. Dieses Verlustgefühl hält sich bis heute, wie Kos im Rahmen der Ausstellung resümierte: Wenn in Wien irgendetwas Neues geplant werde, "im Weichbild der Innenstadt, das ein bisschen höher ist, ein bisschen moderner ist, kommt sofort die Diskussion, ja, eine Stadt, die so notorisch schön ist wie Wien, darf man die überhaupt verändern?"

In vielen anderen Bereichen, wie in der Technik oder der Mode hat das Neue in unserer Zeit eine beinahe geißelnde Hochkonjunktur. Da galt lange das Neue um des Neuen wegen als wünschenswert - auch wenn sich in vielen Sparten langsam ein Umdenken von Seiten der Konsumenten zeigt. Das Imageproblem, mit dem das Neue in der Architektur unserer Zeit kämpft, liegt oft in eben diesem Selbstzweck. Etwas (gutes) Bestehendes durch ein Neues zu ersetzen, nur weil es neu ist (und vielleicht einem Investor viel Geld bringt), reicht als Argument nicht mehr aus. Neues Bauen ist auf dem Weg und wird sich künftig noch stärker darum bemühen müssen, auch neue gesellschaftliche Legitimationen - seien es soziale Aspekte oder ein öffentlicher Mehrwert - zu kreieren, um gesellschaftliche Akzeptanz zu finden. Und um damit den guten Ruf des Neuen kollektiv wieder herzustellen.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-02-22 15:51:06
Letzte nderung am 2017-02-22 21:02:04



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