• vom 06.03.2017, 16:52 Uhr

Kultur

Update: 13.03.2017, 16:12 Uhr

Sprachschätze

Zur Stärkung der Seele




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Von Hilde Weiss

  • Sprachschätze
  • Alles sollte im Frühjahr zu neuem Leben erwachen - ein kleiner etymologischer Ausflug, in der Fastenzeit.

Hilde Weiss ist Journalistin und Übersetzerin. Veröffentlichungen auch in mehreren deutschen Zeitungen.

Hilde Weiss ist Journalistin und Übersetzerin. Veröffentlichungen auch in mehreren deutschen Zeitungen. Hilde Weiss ist Journalistin und Übersetzerin. Veröffentlichungen auch in mehreren deutschen Zeitungen.

Der Ernst des Lebens: Wo es in unserem Wortschatz ums Leben geht, taucht meist auch der Tod auf. Leben in Saus und Braus zum Beispiel bezieht sich auf einen Lebensstil, der so wild und gewaltig ist wie das Sausen des Windes und das Brausen der Wellen. Und das Buch des Lebens, das in der Bibel sowohl im Alten als auch im Neuen Testament vorkommt, auch als "Buch der Lebendigen", "die im Himmel aufgeschrieben sind", ist ein Schicksalsbuch über das Leben und Wirken jedes Einzelnen. Sünder werden daraus gelöscht. Wer gestrichen wird, stirbt.

Auch das Lebenslicht wird meist nur dann erwähnt, wenn es erlischt. Es wird also offenbar nicht sehr gern daran gedacht, dass laut Volksglaube unser Leben mit Licht verbunden ist. Im Grimm-Märchen "Gevatter Tod" ist von unzähligen brennenden Kerzen die Rede - jede steht für einen Menschen. Erlischt die Kerze, stirbt man. Seit der Antike gibt es diesen Glauben, ursprünglich als Fackel dargestellt, später als Funke oder, mangels Elektrizität, als Kerze.


Ähnlich der Lebensfaden: Hier sind es die Schicksalsgöttinnen, die jedem Menschen einen Lebensfaden spinnen und diesen bei seinem Tod durchschneiden. Eine besondere Art von Lebensfaden stellt der Faden dar, an dem das Damoklesschwert hängt, das darauf zurückgeht, dass der Höfling Damokles Glück und Güter des Tyrannen Dionysios I. von Syrakus pries, worauf ihm dieser seinen Platz an der Tafel überließ, aber ein Schwert über ihm aufhängte, an einem Pferdehaar - der Lebensfaden kann jeden Moment reißen, der Tod kann jederzeit alles beenden, zumindest wenn man sein Leben für Position, Ruhm und Reichtum gegeben hat.

Leben heißt "leiben" (bleiben), fortbestehen, eng verwandt mit dem Leib, "der besteht", und den Hinterbliebenen. Leib und Leben riskieren, diese Paarformel ist als Verstärkung gemeint (das ganze Leben), denn Leib bedeutete ursprünglich Leben, erhalten auch in der Leibrente, der lebenslangen Rente. Und das Leben aufs Spiel setzen heißt ganz konkret, es als Spieleinsatz anzubieten.

Voll Leben hingegen ist das Kecke, vom germanischen Adjektiv kwiku für lebendig, ebenso das englische Wort quick (lebendig und daher schnell, quicklebendig), das Erquickende, "das (wieder) lebendig macht", und das Quecksilber, "das Quicksilber", eine Lehnübersetzung des lateinischen Begriffs argentum vivum. Das Lebendige wurde übrigens früher wie das Leben auf der ersten Silbe betont.

Es von den Lebenden nehmen heißt, es vor der Zeit, also schon zu Lebzeiten zu nehmen, vermutlich bezogen auf einen alten Rechtsbrauch, wonach der Lehnsherr nach dem Tod des Vasallen Anspruch auf Teile des Besitzes hatte, die er sich manchmal schon vor dessen Tod holte.

Bleibt noch der Lebensbrunnen, der Paradiesbrunnen, der ursprünglich zur Stärkung der Seelen im Paradies gedacht war. Im 16. Jahrhundert ist daraus der Jungbrunnen entstanden, auf alten Abbildungen dargestellt als ein besonders schöner Brunnen, in dem Menschen baden, wie in einer Heilquelle - zum Zweck der Lebensverlängerung. "Der, den der Tod nicht weiser macht", heißt es bei Christian Fürchtegott Gellert, "hat nie mit Ernst an ihn gedacht". Das lässt sich auch vom Leben sagen.




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Sprachschätze, Etymologie

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-03-06 16:56:05
Letzte nderung am 2017-03-13 16:12:04



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