• vom 11.03.2017, 16:51 Uhr

Kultur

Update: 11.03.2017, 18:23 Uhr

Feminismus

Die paradoxe Herrschaft




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Von Christa Hager

  • Arbeitsteilung einmal anders: Der Soziologe Pierre Bourdieu war einer der wenigen Wissenschafter, der sich auf das Terrain der Geschlechterforschung wagte.

"Unsere Geschichten gehören uns, Widerstand": Demonstration zum Frauentag in Belleville, Paris 2014.

"Unsere Geschichten gehören uns, Widerstand": Demonstration zum Frauentag in Belleville, Paris 2014.© APAweb/AFP, ANDRIEU "Unsere Geschichten gehören uns, Widerstand": Demonstration zum Frauentag in Belleville, Paris 2014.© APAweb/AFP, ANDRIEU

Man nehme: drei Köche. Der eine ist Chefkoch und lässt seine Kreationen in exquisiten Lokalen kredenzen. Der zweite verdingt sich in einer Nudelküche. Und Nummer drei ist eine Frau. Sie kocht zuhause und bekommt keinen Lohn. Warum ihre Arbeit nicht angemessen honoriert wird? Ihre Dienstleistung für die Gesellschaft wird als natürlich gesehen, als Erfüllung ihrer weiblichen Rolle, und – so würde Pierre Bourdieu vielleicht noch hinzufügen – als Behauptung dominanter männlicher Erwerbsarbeit.

Als einer der wenigen Männer im Wissenschaftsbetrieb wagte sich Pierre Bourdieu auf das Terrain der Geschlechterforschung. Der französische Soziologe war ein Kind der Arbeiterklasse, sein wissenschaftliches Interesse galt daher vor allem den Ursachen von Ungleichheit und Unterdrückung. In seinem 1979 erschienenen Werk "Die feinen Unterschiede" entwickelte er Werkzeuge, um Mechanismen der Abgrenzung zwischen gesellschaftlichen Schichten aufzuzeigen. Macht stand dabei im Mittelpunkt, die als materielles und symbolisches Kapital soziale Klassen gegeneinander abgrenzt und auch innerhalb der Klassen wirkt.

Seine empirischen wie theoretischen Werkzeuge verwendete er vier Jahre vor seinem Tod 2002 in seinem Buch "Die männliche Herrschaft" (auf Deutsch erschienen posthum 2005). Es folgte eine Welle der Entrüstung seitens französischer Feministinnen. Wie es ein Wissenschafter wagen könne, sich Frauenthemen anzunehmen und gender gar als "trivial" zu bezeichnen. In der Tat: Bourdieu konnte dem sozialen Geschlecht nicht viel abgewinnen. Er sah darin eine Verkehrung von Ursache und Wirkung.

Träger Wandel

Fast zwanzig Jahre später haben sich die Wogen geglättet und Bourdieus Arbeit wird als wichtiger Beitrag im politischen Kampf für Frauenrechte rezipiert. Das neue Interesse an seiner Arbeit liegt wohl auch darin begründet, dass Bourdieu in dem Buch vor allem den Ursachen für den trägen Wandel im Umgang zwischen den Geschlechtern nachgeht.

Sicherlich: Heutzutage ist die männliche Herrschaft nicht mehr in dem Maße selbstverständlich wie noch vor 50 Jahren. Frauenrechte sind nicht wirkungslos geblieben, aber in Stein gemeißelt sind sie auch nicht. Wie schnell es gehen kann, dass emanzipatorische Errungenschaften wieder in Frage gestellt werden, sieht man heute in aller Deutlichkeit.

Einen Grund dafür sieht Bourdieu darin, dass im Recht und in seiner Anwendung sich nur das Bewusstsein, sich nur Ideen einer Gesellschaft spiegeln. Doch die männliche Herrschaft geht tiefer. So sind ihm zufolge die Unterschiede zwischen den (biologischen) Geschlechtern kulturell erzeugt. Sie haben sich in einem langen Sozialisationsprozess verfestigt und werden unter anderem durch Institutionen wie Religion oder Schule aufrechterhalten.

Der Soziologie Pierre Bourdieu bei einer Diskussionsrunde kurz nach Erscheinen seines Buches "Die männliche Herrschaft" 1998 in Paris.

Der Soziologie Pierre Bourdieu bei einer Diskussionsrunde kurz nach Erscheinen seines Buches "Die männliche Herrschaft" 1998 in Paris.© APAweb/AFP, VERDY Der Soziologie Pierre Bourdieu bei einer Diskussionsrunde kurz nach Erscheinen seines Buches "Die männliche Herrschaft" 1998 in Paris.© APAweb/AFP, VERDY

Wertende Zuschreibungen wie etwa stark/schwach oder grob/sanft lassen das historisch Erzeugte als Natur erscheinen – als etwas Natürliches. Der Unterschied zwischen den biologischen Körpern wird damit zur Grundlage des Unterschieds zwischen den Geschlechtern, zwei "Wesensarten" werden dadurch konstruiert.Bourdieu nennt das die "willkürliche Konstruktion des Biologischen", die sich im Denken, Wahrnehmen und Handeln (Habitus) der Menschen verfestigt, in ihre Körper und in ihr Unbewusstes eingraviert hat, sodass sie sich als sehr resistent gegenüber jeglicher Versuche der Veränderungen erweisen. Als Beispiel nennt er die Instrumentalisierung der biologischen Reproduktion, "die der männlichen Sicht der Teilung der geschlechtlichen Arbeit … und darüber hinaus des ganzen Kosmos ein scheinbar natürliches Fundament liefert".

Ausweg aus der Sackgasse

Es ist also dieser Rückgriff auf den biologischen Unterschied, der laut Bourdieu die männliche Herrschaft so unerschütterlich macht. Mehr noch: Die männliche Herrschaft ist derart in unserem kollektiven Unbewussten verankert, dass wir sie gar nicht mehr sehen. Die Beherrschten können demzufolge die Welt – aber auch sich selbst - nur mit den Augen der Herrschenden betrachten. Denn Frauen wie Männer unterliegen den gleichen sozialen Strukturen, die unseren Habitus prägen. Das Paradoxe daran: Diejenigen, die der Herrschaft unterworfen sind, erkennen diese deshalb an und werden zu Komplizen der Macht. Die männliche Herrschaft schafft eine "Weiblichkeit", die oft nichts anderes ist als eine Form des Entgegenkommens gegenüber männlichen Erwartungen. Folglich wird ein Abhängigkeitsverhältnis geschaffen, in dem Frauen zu anderen (nicht nur den Männern) stehen - es wird "für ihr Sein konstitutiv."

Damit nicht genug: Selbst die Herrschenden sind Bourdieu zufolge in ihrer Herrschaft gefangen: Bestimmte Formen von Mut, schreibt er etwa, gründen paradoxerweise in der Angst, als weiblich und schwach zu gelten: "So wurzelt, was man ‚Mut‘ nennt, bisweilen in einer Form von Feigheit."
Dass diese Mechanismen von den Herrschenden und den Beherrschten nicht erkannt werden, das liegt für Bourdieu an einem Verblendungszusammenhang. Er fordert daher eine symbolische Revolution, damit dieser fatale Zusammenhang für alle durchschaubar wird. Erst wenn erkannt wird, folgert der Soziologe, dass geschlechtsspezifische Verhaltensweise zu Instrumenten männlicher Herrschaftssicherung gemacht wurden, also dass auch diese Herrschaftsform einen Ursprung hat und nichts Naturgegebenes ist, erst dann ist wirklicher Wandel möglich.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-03-11 16:37:12
Letzte nderung am 2017-03-11 18:23:47



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