• vom 13.03.2017, 16:17 Uhr

Kultur

Update: 29.04.2017, 22:40 Uhr

Matera

Wellness in der Höhlenstadt




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Von Sigrid Mölck-Del Giudice

  • In der italienischen Stadt Matera kann man in Höhlen übernachten. 2019 wird Matera Kulturhauptstadt Europas.

Vorne Fassaden, dahinter Felshöhlen: Matera ist eine Stadt im Berg. Schon in der Steinzeit bewohnten Menschen die Höhlen. - © S. Mölck-Del Giudice

Vorne Fassaden, dahinter Felshöhlen: Matera ist eine Stadt im Berg. Schon in der Steinzeit bewohnten Menschen die Höhlen. © S. Mölck-Del Giudice

Baden in den Höhlen: Moderne Designer-Wannen kontrastieren das antike Wohngefühl in Matera.

Baden in den Höhlen: Moderne Designer-Wannen kontrastieren das antike Wohngefühl in Matera.© Sigrid Mölck-Del Giudice Baden in den Höhlen: Moderne Designer-Wannen kontrastieren das antike Wohngefühl in Matera.© Sigrid Mölck-Del Giudice

Schon nach wenigen Schritten ist eines klar: In den "Sassi" braucht man bequeme, rutschfeste Schuhe. Es ist ein ständiges Auf und Ab auf blankgeputztem Kopfsteinpflaster, das sich mehr für die Hufen geübter Maultiere eignet als für an Asphalt gewöhnte Großstadtfüße. Holprige, enge Treppen enden plötzlich vor einem Eisengitter, vor einer von Unkraut überwucherten Mauer - oder ganz einfach im Nirgendwo. Ein endloses Wirrwarr aus Gassen und winzigen Plätzen, die in Wirklichkeit den darunter liegenden Behausungen als Decke dienen. Vor einer offenen Fenstertür hocken Teens auf bunten Plastikstühlen und hören Rap. Bis endlich der Grund erreicht ist.

"Sassi", die Steine, das sind der Sasso Caveoso und der Sasso Barisano, zwei Mulden am Rand der Gravina-Schlucht, die das Wasser über die Jahrtausende in den weichen Kalkstein gewaschen hat.


Bereits in der Steinzeit sollen die natürlichen Höhlen von den Menschen der Gegend bewohnt gewesen sein. Der weiche Tuffstein erlaubte es, die vorgefundenen Unterkünfte immer tiefer zu schaben und mit dem abgetragenen Gestein zu verschließen. Dann mauerte man Vorbauten. Renaissancefassaden, barocke Verzierungen und an die 150 Felsenkirchen vermitteln eine Vorstellung von der damaligen Kultur in den Höhlen. Bis durch die Ausdehnung der neuen Stadtviertel immer mehr Menschen aus den ärmsten Bevölkerungsschichten in den Grotten, in denen Malaria und Typhus grassierten, Unterschlupf suchten. Und die "Steine" zum Höhlenslum verkamen.

Einst waren die Höhlen die "Schande Italiens"
Das Elend, das der Turiner Schriftsteller, Maler und Arzt, Carlo Levi, der als aktiver Antifaschist in den 1930er Jahren in die Basilikata verbannt wurde, mit seinem 1945 veröffentlichten Buch "Christus kam nur bis Eboli" in den Fokus der Weltöffentlichkeit rückte, ist Vergangenheit. Vor den einst "schwarzen Löchern", in denen die Menschen zwischen Lumpen und elendem Hausrat mit dem Vieh in einem Raum vegetierten, rappeln heute die Rollkoffer der Touristen, auf der Suche nach dem Eingang ihrer Hotelzimmer. Levis wirksame Anklagen gegen die Rückständigkeit des Mezzogiorno hatten zu Parlamentsdebatten und zu einer ersten Anteilnahme des Staates geführt. Die "Sassi" galten plötzlich als "vergogna d’Italia", als Schande Italiens. So wurden die Höhlen 1952 zwangsgeräumt und mehr als 15.000 Menschen in moderne Unterkünfte umgesiedelt. "Um das Risiko zu vermeiden, dass das einmalige Kulturerbe ein zweites Pompeji oder Venedig wurde oder gar in die Hände skrupelloser Immobilienspekulanten geriet, gründeten wir Ende der 50er Jahre die historisch-umweltorientierte Vereinigung La Scaletta", erklärt Raffaello De Ruggieri, gegenwärtiger Bürgermeister von Matera, der die Bildungsschicht der Stadt geladen hat, um in einer ehemaligen Felsenkirche eine Kunstausstellung einzuweihen. Studenten brachten nach und nach Kulturveranstaltungen in die "Sassi". Kleine Ausstellungs- und Theaterräume wurden eingerichtet.

1964 kam Pier Paolo Pasolini und drehte dort sein "Matthäus-Evangelium". Sah es doch in der Höhlenstadt weitaus biblischer aus als im antiken Jerusalem! Ein paar Jahrzehnte später wählte auch Mel Gibson die "Sassi" für seine "Passion Christi". Doch da hatte längst die Neubelebung der 1993 von der Unesco zum Weltkulturerbe erhobenen Altstadt angefangen.

In den 80er Jahren begann der Staat, Mieter und lokale Investoren mit günstigen Krediten und Subventionen in den geschmähten Stadtteil zu locken. 38 Prozent des Territoriums wurden der Kommune dafür zur Verfügung gestellt, die restlichen 62 Prozent sind Staatseigentum.

Heute ist der Ort ein großes Wellness-Center
Die Bedingung war, dass die Gebäude nach bestimmten Vorgaben saniert wurden. Restaurants, Läden und Hotels wurden eröffnet, Zisternen zu Wellness-Centern mit einem Touch antiker, römischer Badekultur umfunktioniert. Eines der attraktivsten unter den inzwischen zahlreichen, überwiegend kleinen Hotels ist das "Sextantio Le Grotte della Civita". In den 16 Höhlenräumen mit bis zu sechs Meter hohen Wänden wurde alles nach dem Konzept der "arte povera" ausgestattet. Die von Dorfhandwerkern hergestellten Holz- und Eisenbetten sind mit feinster Leinenwäsche bezogen. Die Zimmertüren und Schränke wurden in alten Häusern in der Umgebung zusammengesucht. Auf den Waschbecken liegen säuberlich handgefertigte Seifen aus Veilchenblüten und Olivenöl - neben Zahnbürsten aus biologisch abbaubarem Bambus. Einziges Zugeständnis an die Moderne sind Designer-Badewannen - in irgendeiner Zimmerecke.

Der "Höhlentourismus" boomt. In manchen Restaurants ist während der Hauptreisezeit schon am späten Nachmittag kein Platz mehr frei. Stolz erzählt Sara Cotugno, Mitinhaberin des "Oi Mari", dass sie die Ersten waren, die 1999 in den "Sassi" eine echte neapolitanische Pizzeria eröffneten - die allerdings längst nicht mehr auf Laufkundschaft angewiesen ist. Inzwischen leben wieder 2200 Menschen in den "Steinen". In den ockerfarbenen Tuffsteinnischen der einstigen Grottenkirche, mit altmodischen Kredenzen und gigantischen Keramikvasen, duftet es einladend nach Pizza alla Margherita und gegrilltem Fisch. Ein paar Treppen weiter werden auf einer romantisch erleuchteten Terrasse apulische Spezialitäten serviert. Mittlerweile ist in der historischen Altstadt nicht nur jede Variante der süditalienischen Küche vertreten, sondern es gibt auch immer mehr Schnellimbisse, Eiscafés und Pubs.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-03-13 16:21:07
Letzte nderung am 2017-04-29 22:40:58



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