• vom 21.03.2017, 12:20 Uhr

Kultur

Update: 22.03.2017, 12:32 Uhr

Gesellschaft

Ästhetik in der Todeszone




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Von Adrian Lobe

  • Donald Trumps Mauer zu Mexiko soll nicht nur groß, sondern auch schön sein.

Einst Auslöser menschlicher Tragödien, heute Kultobjekt: die Berliner Mauer. - © reuters/Tobias Schwarz

Einst Auslöser menschlicher Tragödien, heute Kultobjekt: die Berliner Mauer. © reuters/Tobias Schwarz

Was im Wahlkampf noch ein Luftschloss zu sein schien, nimmt allmählich Konturen an: US-Präsident Donald Trump macht mit dem Bau der Mauer zur mexikanischen Grenze Ernst - die Planung läuft auf Hochtouren. Trump hatte mit der ihm eigenen Rhetorik von Superlativen versprochen, dass die Mauer "groß und schön" werde. In der öffentlichen Ausschreibung der für den Mauerbau zuständigen Grenzschutzbehörde Homeland Security, Customs and Border Protection (CBP) soll neben Sicherheits- auch ausdrücklich "ästhetischen" Kriterien Rechnung getragen werden, was die bürokratische Übersetzung von Trumps Worten ist.

Hat der US-Präsident seinen Sinn für Ästhetik entdeckt? Können Mauern schön sein? Es ist ja grundsätzlich die Frage, ob Politik und Ästhetik zusammengehören, ob Ästhetik überhaupt eine politische Kategorie sein kann. Mauern sind in ihrer fantasielosen Bauweise zunächst etwas völlig Unästhetisches, ja Hässliches: Betonplatten, Stacheldrahtrollen, spanische Reiter - derlei Bauelemente assoziiert man mit eher politischen Konflikten und als mit architektonischer Schönheit. Die Fratze der politischen Gewalt bleckt ihre Zähne. Mauern verbinden nicht, sie trennen. Wo ein Staat seine Außengrenzen zum militärischen Sperrgebiet, zur No-Go-Zone erklärt, ist für ästhetische Kriterien schlicht kein Platz.


Und doch besitzen Mauern eine Ästhetik. Franz Kafka notierte in seiner handschriftlichen Erzählung "Beim Bau der Chinesischen Mauer", die erst nach seinem Tod publiziert wurde: "Fünfzig Jahre vor Beginn des Baues hatte man im ganzen China, das ummauert werden sollte, die Baukunst, insbesondere das Maurerhandwerk, zur wichtigsten Wissenschaft erklärt und alles andere nur anerkannt, soweit es damit in Beziehung stand. Ich erinnere mich noch sehr wohl, wie wir als kleine Kinder, kaum unserer Beine sicher, im Gärtchen unseres Lehrers standen, aus Kieselsteinen eine Art Mauer bauen mussten, wie der Lehrer den Rock schützte, gegen die Mauer rannte, natürlich alles zusammenwarf, und uns wegen der Schwäche unseres Baues solche Vorwürfe machte, dass wir heulend uns nach allen Seiten zu unseren Eltern verliefen." Kafka erhob den Mauerbau zur Baukunst. Er kontrastiert den Mythos der Chinesischen Mauer mit dem Turmbau zu Babel, den er gleichsam dekonstruiert.

Während der Babel-Turm die vertikale - verbotene - Begierde der Menschen, den Himmel zu berühren, symbolisiere (und damit die Hybris der Menschheit), stehe die Mauer lediglich für die Grenzziehung zwischen dem Endlichen und Unendlichen. Und schließlich, merkt die Designtheoretikerin Hyun Kang Kim in ihrem Buch "Ästhetik der Paradoxie: Kafka im Kontext der Philosophie der Moderne" an, stellen sowohl der Turm als auch die Mauer Kunstwerke im weitesten Sinn dar, die die Grenzen der menschlichen Fähigkeit markieren.

Tatsächlich ist es so, dass die mehr als 8000 Kilometer lange Chinesische Mauer, die als Bollwerk gegen die Invasoren aus dem Norden errichtet wurde, auf Luftaufnahmen eine besondere Schönheit ausstrahlt: Wie der Schlussstein eines Gebäudes wirkt die auf- und abgehende Mauer auf den schroffen Bergrücken, eine militaristische Verteidigungsanlage mit Wallgräben, Wachtürmen, Festungen und Basteien, aber doch auch ein Gesamtkunstwerk, das in die Natur gemeißelt wurde - und heute Touristen aus aller Welt anzieht.

So wie auch die Berliner Mauer, deren Überreste heute vor allem US-Touristen bestaunen und zuweilen zum Kultobjekt verklären - als hätte es die Mauertoten nie gegeben. Die Berliner Mauerkunst gilt als eigenes Genre, vor dem ikonischen Bruderkuss der East Side Gallery, dem längsten noch erhaltenen Teilstück der Mauer, lässt sich jeder Berlin-Tourist ablichten. Doch machen die Graffitis etwas zu Kunst, was ein politisches Verbrechen war.

Der deutsche Kulturwissenschafter Olaf Briese schreibt in seinem Essay "Wartungsarm und formschön - Zur Ästhetik der Berliner Mauer", dass sich der erste Mauerfall bereits 1962 ereignete, als an zwei Stellen der Grenze von Berlin-Mitte zwei Mauerteile auf einer Länge von zirka 20 Meter einstürzten - "oben aufliegende Betonpfeiler einschließlich der Metall-Y-Träger mit Stacheldraht". Die Mauer fiel sozusagen schon vor dem Fall, und sie war streckenweise gar nicht existent. Brieses These: Es handelte sich nur bedingt um eine Mauer. "Kurz bevor das architektonische "achte Weltwunder" endgültig fallen sollte, bestand es also an abgelegenen Ecken noch immer aus überkommenen und baufälligen Provisorien, aus Elementen ganz unterschiedlicher Bauphasen.

Und woraus hatte es anfangs bestanden? Mitte September und Mitte November 1961, also wenige Wochen nach dem Mauerbau, wanderten zwei Chronisten die gesamte, 46 Kilometer lange innerstädtische Grenze westlicherseits ab und hinterließen ihre Beobachtungen: "Maroder Mauermurks aus Stacheldraht, bröckelnden Fabrik- und Friedhofsmauern und grotesk vermauerte, kriegszerfressene Hausfassaden."

Auch im Verfall zeigt sich so etwas wie eine "Ästhetik des Ruinösen". Für Briese war die Mauer Herrschaftsarchitektur und Todesarchitektur zugleich. Und eine Machtarchitektur, die mit dem Wechsel von Kleinheit und Größe operiert: "Große Architektur, kleiner Betrachter, machtvolle Architektur, machtloser Betrachter."

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-03-21 16:12:05
Letzte nderung am 2017-03-22 12:32:43



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