• vom 22.03.2017, 21:00 Uhr

Kultur

Update: 23.03.2017, 15:36 Uhr

Ernährung

Ein Gefühl wie Mohr im Hemd




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Beim Essen sind die Menschen also wie Pavlovsche Hunde, die beim Signal der Glocke in Erwartung ihres Herrchens zu speicheln beginnen. Ob jedoch Fotos von Lieblingsgerichten diätwirksam sind, mag bezweifelt werden.

Essen und Sexualität
Jens Blechert und seine Kollegen vom Fachbereich für Psychologie Universität Salzburg nutzen Abbildungen von Nahrungsmitteln, um zu erforschen, wie die Stimmungslage mit ungesundem Essen zusammenhängt. In einem vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Projekt will das Team zunächst dem Frust-Gusto bei Frauen auf die Spur kommen.

Gesunde Probandinnen notieren dazu emotional anstrengende oder belastende Situationen und Abweichungen im Essverhalten in einer Smartphone-App. Aufgrund dessen werden sie in die Gruppe der hoch-emotionalen Esserinnen, niedrig-emotional motivierten Esserinnen oder ins Mittelfeld eingeordnet. Die Einteilung wird mit Hirnstrommessungen überprüft und unterdessen werden die Probandinnen gebeten, sich eine negativ belastende, traurig machende Situation in Erinnerung zu rufen. Nach dem Stimmungsreiz wird mittels Elektro-Enzephalogramm gemessen, welche Hirnareale als Reaktion auf Fotos von g’schmackigen Snacks aktiv werden. "Daraus kann man dann Rückschlüsse auf die Mechanismen von emotionalem Essen ziehen", so Blechert.

Die Forschenden untersuchen, wie Essensbilder unter traurigen Eindrücken verarbeitet werden. Bekommen die Snacks mehr Aufmerksamkeit oder weniger? Wird die Aufmerksamkeit unterdrückt aus Angst vor Kontrollverlust, und wo im Gehirn sind Reaktionspotenziale auf die Bilder messbar?

Kognitive Bremse
Beim Betrachten von Essensbildern erwarten die Forscher Hirnströme im visuellen Kortex und im Belohnungszentrum. Müssen gleichzeitig Emotionen durch Speisen reguliert werden, müsste bei negativer Stimmung der Frontallappen die Aufmerksamkeit auf die Bilder steuern. Wenn dabei auch das Kontrollsystem aufleuchtet, könnte dies mit einer Entgleisung der "kognitiven Bremse" zu tun haben. "Die Person könnte zwar beschlossen haben, nichts Ungesundes auf den Tisch zu stellen - bei großem Stress wäre diese Bremse jedoch überlastet", sagt der Psychologe.

Der Mensch will Leid mit Belohnung, negative mit positiven Emotionen ausgleichen. Früher musste der Bauer dazu auf die Ernte warten. Heute kann sich nahezu jeder Mensch in der westlichen Welt fast jederzeit mit ein paar Bissen trösten. Daher müssen wir die Nahrungsaufnahme kontrollieren. "Bei Menschen spielen äußere Signale eine wesentlich größere Rolle als bei Tieren. Anders als sie wissen wir nicht immer, wann wir satt sind" sagt Jürgen König.

Viele Menschen haben verlernt, auf ihre physiologischen Signale zu hören. Ausschlaggebend sind Zeit und Überfluss. Wer im Stress schnell etwas hinunterwürgt, lässt den Satt-Signalen des Magens keine Zeit, im Gehirn anzukommen. Und wer den Teller zu voll hat, gewinnt eine falsche Vorstellung vom Aufessen. Um die Hürden angesammelter Essgewohnheiten zu überwinden, müssen Willige etwa ein Jahr einberechnen. So lange braucht der Körper, um ein antrainiertes Ernährungsverhalten durch ein neues, gesünderes zu ersetzen. Wer sich diese Zeit nicht gibt, bei dem funktionieren Diäten, Fastenkuren & Co nur kurz. "Es lohnt sich, Verantwortung zu übernehmen für was man isst", sagt König, "denn keine Bereiche des Lebens unterliegen so stark der ureigenen Entscheidungsfreudigkeit wie das Essen und die Sexualität."

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-03-22 17:36:05
Letzte nderung am 2017-03-23 15:36:05



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