• vom 05.04.2017, 16:04 Uhr

Kultur

Update: 11.04.2017, 16:30 Uhr

Sachbuch

"Zuhause liegt in der Zukunft"




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Von Wolfgang Taus

  • Ein lesenswertes Sachbuch beleuchtet die Schrecken des syrischen Bürgerkriegs.

Das Leid endet nicht: Ein Foto des Spitals, das jüngst beschossen wurde, als es die Opfer eines mutmaßlichen Giftgasangriffs behandelte.

Das Leid endet nicht: Ein Foto des Spitals, das jüngst beschossen wurde, als es die Opfer eines mutmaßlichen Giftgasangriffs behandelte.© afp Das Leid endet nicht: Ein Foto des Spitals, das jüngst beschossen wurde, als es die Opfer eines mutmaßlichen Giftgasangriffs behandelte.© afp

Die entscheidende Front im syrischen Bürgerkrieg verläuft zwischen den Konfliktparteien und der Zivilbevölkerung. Die renommierte Kriegsberichterstatterin Petra Ramsauer schildert in ihrem aufrüttelnden neuen Buch von den Gräueln des Krieges. Wer nach Syrien fährt, kommt verändert zurück, meint sie. Das Buch gibt einen Überblick über die menschlichen, sozioökonomischen, politisch-religiösen Verwerfungen in einer komplexen geopolitischen Gemengelage im Kriegsgebiet.

Ramsauers Berichte basieren weitgehend auf ihren Recherchen im Bürgerkriegsland und in den Grenzregionen von 2012 bis 2016. Der Krieg in Syrien (und auch im Irak) ist in vielerlei Hinsicht ein Stellvertreterkrieg externer Mächte wie Russland und Iran (auf Seiten des syrischen säkular-alewitischen Regimes von Präsident Baschar al-Assad, zusammen mit der schiitischen Hisbollah des Libanons), während insbesondere die sunnitischen Golfstaaten und die Türkei unter anderem auch sunnitisch-islamistische Milizen gegen das Assad-Regime unterstützen. Die USA wiederum haben die kurdischen YPG-Volksverteidigungseinheiten im syrischen Grenzgebiet zur Türkei als zwischenzeitlich effektivste Speerspitze am Boden in einem Bündnis mit gemäßigt sunnitisch-arabischen Milizen im Kampf gegen die seit Sommer 2014 massiv ausgebreitete Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) auserwählt. Zum Ärger des Nato-Landes Türkei, das unter allen Umständen einen kurdischen Staat an seiner Südgrenze verhindern will und 2016 selbst mit Bodentruppen in Nordsyrien eingerückt ist. In dieser äußerst komplexen Interessenslage hat der IS 2014 das Machtvakuum in weiten Teilen Syriens und des Nordiraks ausgenützt, um mit brutaler Gewalt gegen alle Andersgläubigen (auch Schiiten) sein "Kalifat" auszuweiten.


"Unser Körper ist das eigentliche Schlachtfeld." Dieses Zitat einer misshandelten Syrerin, die in Jordanien behandelt wurde, fasst die frontenübergreifende Wahrheit zusammen. Syriens kollektive Tragödie besteht aus Millionen individueller Schicksale. Mindestens 450.000 Opfer forderte der Krieg nach sechs Jahren, bis zu einer Million könnten es schlussendlich sein, betont die Autorin. Neben den Gräueltaten des IS ist zu einem großen Teil auch die brachiale Kriegführung des Assad-Regimes und seiner Verbündeten schuld: Die Fassbombenabwürfe und Chlorgasangriffe auf die Bevölkerung Aleppos geben ein schreckliches Zeugnis. Mit Füßen werden Menschenrechte und Völkerrecht getreten, von allen Konfliktparteien. Versuche des UNO-Sicherheitsrates, dem Morden, Bomben, Foltern und Aushungern Einhalt zu gebieten, versandeten immer wieder. Die Hälfte der 21 Millionen Syrer, die 2011 in dem Land lebten, ist auf der Flucht - unter anderem nach Europa.

"Mein Zuhause, das liegt in der Zukunft. Meine Gegenwart ist zerstört", zitiert die Autorin eine junge Syrerin. Bei all dem Leid zeige sich aber auch, wie viel Durchhaltevermögen in Menschen stecken kann. Das würden jene beweisen, die auch nach sechs Jahren Krieg weiterhin an eine demokratische Zukunft in dem Land glauben. "Siegen heißt, den Tag überleben", so syrische Aktivisten im Herbst 2016. Lesenswert.

Sachbuch

Siegen heißt, den Tag überleben

Petra Ramsauer

K&S 2017, 208 Seiten, 22,50 Euro




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-04-05 16:09:06
Letzte ─nderung am 2017-04-11 16:30:15



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