• vom 13.04.2017, 10:18 Uhr

Kultur

Update: 13.04.2017, 11:19 Uhr

Ludwik Lejzer Zamenhof

Machen wir uns eine Sprache!




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Von Edwin Baumgartner

  • Vor 100 Jahren starb Ludwik Lejzer Zamenhof, der Erfinder von Esperanto - wie konstruiert man eigentlich eine Sprache?

In welcher Sprache werden die alle wohl miteinander reden? : Irma Tulek, Fotos: getty/mondadori portfolio, dea picture library, creative commons

In welcher Sprache werden die alle wohl miteinander reden? : Irma Tulek, Fotos: getty/mondadori portfolio, dea picture library, creative commons

Ludwik Zamenhof konstruierte die Sprache Esperanto.

Ludwik Zamenhof konstruierte die Sprache Esperanto.© wikipedia Ludwik Zamenhof konstruierte die Sprache Esperanto.© wikipedia

- Glidis. Düp kinid binos-li?

- Mi ne komprenas.


- Esas kin kloki.

- No kapälob.

Von wegen Weltsprache. Einen Dolmetsch brauchen die drei! Einen, der vier Sprachen kann, nämlich Volapük, Esperanto, Ido und eine, in der sich alle verständigen können. Dann ist alles klar: Der Erste spricht Volapük, er grüßt und fragt nach der Uhrzeit. Der Zweite spricht leider kein Volapük, sondern Esperanto, und teilt dem Ersten mit, dass er ihn nicht versteht. Der Dritte spricht ebenfalls kein Volapük, hat aber gemerkt, dass der Erste bei seiner Frage auf das linke Handgelenk gezeigt hat - der, denkt er sich, will wissen, wie spät es ist, und antwortet ihm auf Ido, es sei fünf Uhr. Der Erste spricht fast alle gängigen Sprachen von Altgriechisch und Latein über Französisch, Englisch, Russisch, Chinesisch, Ungarisch und eben Volapük, sogar in Huzulisch könnte er sich unterhalten, nur gerade Esperanto und Ido spricht er nicht, und so entgegnet er auf Volapük, er verstehe nicht.

Der Esperanto-Volapük-Ido-Englisch-Dolmetsch hat das schnell übersetzt, ein paar kleine Verwirrungen später sagt er dann, es sei (mittlerweile halt) "six o’clock p.m.". Alle sind zufrieden und glücklich darüber, dass es Englisch gibt. Weil mit den Weltsprachen Esperanto, Ido und Volapük wären sie nicht weitergekommen.

Nur sollte man es sich jetzt nicht zu einfach machen und diese Kunstsprachen bloß belächeln.

Die Nashörner fliegen wieder
Die bekannteste dieser Plansprachen ist Esperanto, die "Hoffnungsfrohe", erfunden vom polnischen Augenarzt Ludwik Lejzer Zamenhof, der am 15. Dezember 1859 in Biaystok geboren wurde und vor fast genau 100 Jahren, am 14. April 1917, in Warschau starb. Diese hundertste Wiederkehr seines Todestages soll Anlass sein, dass wir uns die Philosophie hinter diesen Sprachen ansehen, aber auch überlegen, warum sie sich nicht durchgesetzt haben.

Prinzipiell kann man der Idee hinter den Plansprachen eine gewisse Eleganz schon zuerkennen: Die Weltsprache soll keine Nation bevorzugen und alle Sprecher auf dasselbe Niveau heben. Die herkömmlichen Sprachen bevorzugen naturgemäß eine Nation: Bei einer Konversation in Englisch werden Briten und Amerikaner im Vorteil sein, bei einer auf Französisch Franzosen, Kanadier und Marokkaner. Dolmetschirrtümer sind jederzeit möglich - so wie damals, als in einer Konferenz der UNO über Nahrungsmittelprobleme in Afrika die englischsprachigen Teilnehmer zu hören bekamen, Nashörner seien die schlimmsten Schädlinge. Horden von Nashörnern würden von Feld zu Feld fliegen und es kahlfressen. Der Dolmetsch verstand nämlich "Nashorn", wo "Nashornkäfer" gemeint war. Eine Universalsprache, sagt die Philosophie hinter ihr, hätte das Missverständnis verhindert.

Zweifellos trüge eine Plansprache dazu bei, dass Verhandlungspartner einander auf Augenhöhe begegnen könnten. Dass es zu kleinen Pannen kommen kann (was, um beim Beispiel zu bleiben, wenn nun die Teilnehmer wohl das Vokabel für Nashorn auf Esperanto, Ido oder Volapük gekannt hätten, nicht aber das für Nashornkäfer?), spricht nicht prinzipiell gegen sie. Schließlich können auch, wenn sich beispielsweise ein Russe und ein Franzose auf Englisch unterhalten, weil Englisch der kleinste gemeinsame sprachliche Nenner der beiden ist, Sprech- und Verständnisprobleme auftreten.

Dennoch vermochte sich keine Plansprache durchsetzen: Weder Zamenhofs Esperanto noch Volapük, 1880 vom deutschen Pfarrer Johann Martin Schleyer vorgestellt, noch Ido, 1907 vom französischen Mathematiker Louis Couturat aus Esperanto entwickelt, haben es geschafft, über einen Kreis von Anhängern hinauszukommen. Immerhin, so gibt der Esperanto-Weltverband an, gäbe es 1000 Personen mit Esperanto als Muttersprache (was wohl heißt, dass in ihren Elternhäusern Esperanto gesprochen wurde), rund 1 Million Menschen weltweit spricht Esperanto als Zweit- oder Drittsprache.

Konstruieren wir eine Sprache!
Prinzipiell ist es einfach, eine Sprache zu konstruieren. Nehmen wir beispielsweise den Satz: "Heute ist schönes Wetter." Man kann für die Kunstsprache, nennen wir sie Babbelsprak, festlegen, dass "heute" übersetzt wird mit "es dio" ("es" für "dieser", "dio" für "Tag"), "schön" mit "baja" und "Wetter" mit "muarg". "Ist" braucht man nicht, es entfällt. Der Satz lautet auf Babbelsprak also: "Es dio baja muarg." Oder wird das Eigenschaftswort mit dem Hauptwort übereingestimmt? Wenn es Geschlechter gibt (schnell die Regel aufgestellt: Hauptwörter, die mit einem Konsonanten enden, sind männlich, Hauptwörter, die auf einen Vokal enden, sind weiblich), wäre das von Vorteil. Dann heißt der Satz: "Es dio bajag muarg." Oder ist Wetter weiblich (man fange jetzt nicht an von wegen "launisch" - es bleibt eine hintergedankenlose Frage der Sprachkonstruktion)? "Wetter" heißt also ab sofort auf Babbelsprak "muargu". Somit lautet der Satz: "Es dio bajagu muargu."

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-04-13 10:24:08
Letzte ─nderung am 2017-04-13 11:19:10



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