• vom 20.04.2017, 15:02 Uhr

Kultur

Update: 20.04.2017, 18:41 Uhr

Sachbuch

Österreich, zerrissenes Land?




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Von Christian Ortner

  • Deutscher Journalist hält Österreich für ein Laboratorium, in dem Weltuntergänge geprobt werden.

Repräsentant von "Dunkel-Österreich": FPÖ-Bundesparteichef Heinz-Christian Strache (M.), das Archivbild zeigt die Wahlkampf-Abschlussveranstaltung der FPÖ bei der Wien-Wahl 2015. - © apa/Roland Schlager

Repräsentant von "Dunkel-Österreich": FPÖ-Bundesparteichef Heinz-Christian Strache (M.), das Archivbild zeigt die Wahlkampf-Abschlussveranstaltung der FPÖ bei der Wien-Wahl 2015. © apa/Roland Schlager

Österreich, behauptet der deutsche Journalist Hans-Peter Siebenhaar in seinem jüngst erschienen gleichnamigen Buch, sei eine "zerrissene Republik". Der Riss, meint der langjährige Wien-Korrespondent der angesehenen deutschen Tageszeitung "Handelsblatt", teile sozusagen Hell-Österreich von Dunkel-Österreich. Hell-Österreich, das ist die weltoffene, demokratische und EU-freundliche Hälfte des Landes, hat Alexander Van der Bellen zum Bundespräsidenten gewählt und ist entsetzt über Donald Trump.

Dunkel-Österreich hingegen ist Islam- und migrationskritisch, hat eine Schwäche für Grenzen, ist EU-skeptisch, hält Trump nicht für einen Weltuntergang und hat - erraten - natürlich für Norbert Hofer votiert und wird demnächst H.C. Strache wählen. "Das Pack" eben, wie das im deutschen Polit-Establishment mitunter heißt.

Information

Österreich - Die zerrissene Republik
Hans-Peter Siebenhaar
Orell Füssli, 2017
272 Seiten, 19,95 Euro

Minderleister

Ein Motiv des Dichters Friedrich Hebbel aufnehmend - "Dies Oesterreich ist eine kleine Welt, / In der die große ihre Probe hält, / Und waltet erst bei uns das Gleichgewicht, / So wird’s auch in der andern wieder licht" - geht Siebenhaar noch einen Schritt weiter. "Österreich wird zum Testfall in Europa, an dem sich zeigen wird, ob am Ende Menschlichkeit, Aufrichtigkeit und Mut in einer lebendigen Demokratie siegen werden." Man kann das natürlich so sehen. Eher fraglich ist freilich, ob ein derart vereinfachender, schablonenhafter und undifferenzierter Blick auf die Republik tatsächlich die Wirklichkeit einigermaßen abbildet. Denn immerhin hat sogar der SPÖ-Chef und Bundeskanzler dem Führer von Dunkel-Österreich, H.C. Strache, in einer Podiumsdiskussion sinngemäß zugestanden, auch um das Wohlergehen der Österreicher bemüht zu sein. Ganz zu schweigen davon, dass seinerzeit schon Bruno Kreisky, heute eine Ikone des Hell-Österreich, mit der Partei der Finsternis koaliert hatte.

Ganz so einfach, wie Siebenhaar es sich macht, dürfte es mit dem Riss zwischen den Guten und den Bösen, der das Land teilt, doch nicht sein. Da scheint der Autor der alten journalistischen Weisheit zu folgen, wonach man sich eine gute Geschichte nicht von den Fakten ruinieren lassen soll.

Erfrischend klar und klug ist das Buch hingegen in jenem Teil, der sich den wirtschaftlichen Problemen des Landes widmet. Hier ist der "Handelsblatt"-Korrespondent sachkundig und beschreibt das Land völlig zutreffend als vom Abstieg bedrohten ökonomischen Minderleister, verursacht vor allem durch eine leistungsfeindliche, illiberale Wirtschaftspolitik. "Geheimer Exodus: Warum Österreich die Investoren aus dem Ausland verliert" heißt etwa ein Kapitel, das sich mit der abnehmenden Attraktivität des Landes für Unternehmen beschäftigt. "Wegen einer überbordenden Bürokratie, viel zu hohen Steuern und einer diffusen Wirtschaftsfeindlichkeit fällt der Standort Österreich zurück", diagnostiziert er. "Es ist ein offenes Geheimnis, dass insbesondere Hochqualifizierte wie Ingenieure, Ärzte, Chemiker und Informatiker um Österreich einen weiten Bogen machen" - vor allem wegen der absurd hohen Steuerbelastung.

Völlig zu Recht beklagt er auch die Art und Weise, wie wirtschaftliche Sachverhalte in der Öffentlichkeit erörtert werden. "Die Unwissenheit über ökonomische Zusammenhänge ist eines der Grundprobleme in der öffentlichen Meinungsbildung. Eine traurige Rolle spielt in diesem Zusammenhang der ORF, der mediale Teil der österreichischen Identität", urteilt der Autor, "Die enge Verquickung zwischen Parteien und der Rundfunkanstalt sind schlichtweg skandalös. Doch noch nie waren die Chancen auf einen Rückzug der Parteien schlechter." Einen Rückzug, den er dem Staat auch sonst ans Herz legt: "Damit das Land im Herzen Europas wirtschaftlich richtig in Tritt kommt, muss sich der Staat aus der Wirtschaft zurückziehen. Dazu gehört die Privatisierung von teilstaatlichen Unternehmen." In diesem Punkt zeigt sich die Nation wenig zerrissen: Davon, dass Privatisierungen des Teufels sind, ist die große Mehrheit im Lande felsenfest überzeugt. Egal, ob Hell-Österreicher oder Dunkel-Österreicher.





Schlagwörter

Sachbuch, Österreich, Republik

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-04-20 15:06:05
Letzte nderung am 2017-04-20 18:41:56



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