• vom 28.04.2017, 15:54 Uhr

Kultur

Update: 28.04.2017, 16:18 Uhr

Hamed Abdel-Samad

"Der Islam hat einen Geburtsfehler"




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Von Judith Belfkih

  • Die Angst vor dem Islam grassiert in Europa. Zu Recht, meint der streitbare Islamkritiker Hamed Abdel-Samad. Ein Gespräch.

Hamed Abdel-Samad: Der 1972 geborene Politikwissenschaftler hat mehrere islamkritische Bücher veröffentlicht, die für heftige Diskussionen sorgten: Der Untergang der islamischen Welt. Eine Prognose (2010), Der islamische Faschismus: Eine Analyse (2014), Mohammed - eine Abrechnung (2015), Der Koran: Botschaft der Liebe. Botschaft des Hasses (2016).

Hamed Abdel-Samad: Der 1972 geborene Politikwissenschaftler hat mehrere islamkritische Bücher veröffentlicht, die für heftige Diskussionen sorgten: Der Untergang der islamischen Welt. Eine Prognose (2010), Der islamische Faschismus: Eine Analyse (2014), Mohammed - eine Abrechnung (2015), Der Koran: Botschaft der Liebe. Botschaft des Hasses (2016).© Antje Berghaeuser/laif/picturedesk.com Hamed Abdel-Samad: Der 1972 geborene Politikwissenschaftler hat mehrere islamkritische Bücher veröffentlicht, die für heftige Diskussionen sorgten: Der Untergang der islamischen Welt. Eine Prognose (2010), Der islamische Faschismus: Eine Analyse (2014), Mohammed - eine Abrechnung (2015), Der Koran: Botschaft der Liebe. Botschaft des Hasses (2016).© Antje Berghaeuser/laif/picturedesk.com

Wien. "Sind Sie der 16.30-Uhr-Termin?", fragt einer der beiden Herren in Schwarz und mit Knopf im Ohr. Sie werden sich für das Interview, bei dem Hamed Abdel-Samad mit dem Rücken zu Wand sitzen soll, dezent an den Nebentisch zurückziehen. Die Frage, ob der deutsch-ägyptische Islam- und Gesellschaftskritiker, der immer wieder Morddrohungen erhält, noch immer unter Polizeischutz steht, erübrigt sich damit.

Mit Büchern wie "Mohammed - eine Abrechnung" und "Der islamische Faschismus" hat Abdel-Samad in den vergangenen Jahren immer wieder für Aufsehen und Kritik gesorgt. Er spricht religiöse Tabuthemen an, setzt sich für ein starkes Islamgesetz ein und hält den Islam für unreformierbar - was ihm den Vorwurf einbringt, Islamophobie zu schüren. In seinem neuen Buch, das am 2. Mai erscheint, stellt er die Frage "Ist der Islam noch zu retten?" und widmet sich dem Dialog. Mit dem Theologen Mouhanad Khorchide, der für einen liberalen Islam als Religion der Barmherzigkeit eintritt, ist dabei eine höchst kontroverse und lesenswerte Streitschrift entstanden.


Ein Gespräch über die Realität in heimischen Moscheen, das Islamgesetz und warum der Islam in Europa keine Glaubensgemeinschaft ist, sondern eine Ansammlung ethnische-nationaler Vereine.

"Wiener Zeitung": In Ihren Büchern zeichnen Sie ein sehr düsteres Bild vom Islam. Immun gegen Reformen, radikal, gewalttätig...

Hamed Abdel-Samad: ...es ist kein düsteres Bild, es ist ein realistisches. Eines, mit dem sich viele nicht auseinandersetzen wollen. Ich kann nichts beschönigen. Wir haben ernsthafte Probleme mit der Religion des Islam. Er hat Hass zu einer Tugend gemacht, indem er im Koran gelobt wird, indem Krieg zum Gottesdienst erklärt wird. Das sind Konzepte, die für die heutige Misere verantwortlich sind.

Womit hat diese Misere begonnen?

Der Islam hat einen Geburtsfehler, die Vermischung von Religion und Staat. Mohammed war nicht nur Prophet wie Jesus, sondern Staatsoberhaupt, Richter, Armeeführer und Polizist. Daraus ist ein Konzept entstanden, in dem Alltag und Politik, Gesetzgebung und Gesellschaft zusammengehören. Davon hat sich der Islam bis heute nicht gelöst. Wenn man über Reformen spricht, muss man diese Krankheit benennen, einen chirurgischen Eingriff vornehmen und auch an der Behebung arbeiten. Einfach nur ein schöneres Bild des Islam in der Öffentlichkeit darzustellen, was leider viele Reformer machen, ist nicht die Lösung.

Ihr Buch-Dialogpartner Mouhanad Khorchide predigt einen liberalen und barmherzigen Islam. Wie war diese Zusammenarbeit für Sie?

Sein Vorschlag, gemeinsam über Reformen nachzudenken, war mutig. Ich sehe mich ja nicht als Reformer, sondern als Gesellschaftskritiker. Ich finde sein Konzept der Barmherzigkeit natürlich hervorragend. Aber es entspricht nicht der Realität, sondern ist eine Vorstellung, die sich auch im Mainstream-Islam erst durchsetzen muss. In klimatisierten Räumen ist der Islam längst reformiert, aber im Alltag der Muslime, in den Schulen und Moscheen kommen diese Konzepte nicht an.

Zeichnet Constantin Schreibers gerade erschienener Moscheenbericht "Inside Islam", der von Abschottung und Ablehnung berichtet, also ein repräsentatives Bild?

Islamverbände und Prediger bieten sich als Alternative zur deutschen oder österreichischen Gesellschaft an. Es ist eine Illusion, dass das Anliegen dieser Glaubensgemeinschaften darin liegt, dass Muslime sich als Österreicher wohlfühlen. Dann hätten sie ihre Existenzberechtigung verloren, die genau in den Gräben zwischen den Muslimen und der Gesellschaft liegt. Da bieten sie ihr Identitätsangebot an. Aber auch wirtschaftliche Hilfe mit Pilgerfahrten, Halal-Essen oder Islamic Banking.

Sie beschreiben den Koran als einen religiösen Supermarkt, in dem man alles findet - von Liebe bis Hass. Wie soll daraus ein "Islam light" entstehen, für den Sie ja plädieren?

Wir können nicht ein paar positive Passagen aus dem Koran nehmen und sagen: Das ist der wahre Islam. Das ist so selektiv wie die Argumentation der Fundamentalisten. Eine Neuinterpretation des Koran ist nicht die Lösung, die liegt in der Emanzipation von der Macht der Texte. Dass man erkennt, dass sie nicht für unsere Zeit gedacht sind. Sie haben Lösungen für das siebente Jahrhundert gesucht und gefunden. Reform bedeutet nicht, die verrostete Kette der Tradition, die das Denken der Muslime fesselt, in einer schönen Farbe zu lackieren, sondern sie zu sprengen. Das braucht Mut, Bildung und dass man am Denken der Menschen arbeitet und nicht an den Texten schraubt.

Wer sollte das leisten?

Da ist der Staat gefordert. Er macht den Fehler, den Islam wie jede andere Religion zu behandeln. Das Ergebnis davon sind die aktuellen Wahlergebnisse in Europa. Die gehen auf Kosten des organisierten Islam. Europa ist hier zu lasch, zu tolerant und zu naiv.

Sie befürworten das österreichische Islam-Gesetz und fordern für Deutschland ein noch umfassenderes. Wie sollte das aussehen?

Wir haben im Islam keine Kirche. Es ist ein Fehler, die islamischen Glaubensgemeinschaften als solche zu behandeln, denn das sind sie nicht. Sie sind ethnisch-nationale Vereine. Sie dürfen den Status der Glaubensgemeinschaft nicht haben, weil sie keine zentrale Kirche haben, die die Theologie bestimmt, die Lehrkräfte und Imame ausbildet. Deshalb muss der Staat all das regeln. Das heißt, der Staat vergibt offizielle Lizenzen für Moscheen, kontrolliert deren Finanzierung, bildet die Imame aus und teilt sie den verpflichtend Moscheen zu.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-04-28 16:00:09
Letzte ─nderung am 2017-04-28 16:18:50



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