• vom 26.05.2017, 18:00 Uhr

Kultur

Update: 28.05.2017, 07:15 Uhr

Österreichische Sprache

Nur das "Hearst" ist manchmal traurig




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Von Christina Böck

  • Vom Saufkumpan zum Sprachsilikon: die erstaunliche Karriere des Wortes "Oida".





Wäre die vergangene Wien-Wahl ein bisschen anders ausgegangen, könnte auch der 15. Wiener Gemeindebezirk heute ein bisschen anders heißen. Der SPÖ-Neuling Bezirkowitsch, der mit dem so originellen wie ortsspezifischen Slogan "Gib Stimme, du Opfa!" für ein wenig Humor im Wahlkampf gesorgt hat, schlug nämlich in seinem bunten Forderungskatalog vor, den Bezirk in "Rudolfsheim, Oida!" umzubenennen. Das Rufzeichen ist selbstverständlich unerlässlicher Zusatz. Sonst versteht das ja keiner.

So kam es bekanntlich nicht. Aber sobald die Politik, auch wenn es sich hier um eine subkulturell verbrämte Satirevariante handelt, sich gewisser Slangausdrücke bemächtigt, ist es ein deutliches Zeichen, dass sie im Mainstream angekommen sind. Wer heute mit der U-Bahn fährt und junge Menschen unauffällig belauscht, wird erstaunt sein,
wie viele Oidas in eine Unterhaltung aus vielleicht zehn Sätzen passen. Nämlich mindestens zehn, Oida. Dabei muss dem Zweisilber nicht einmal eine bestimmte Semantik spendiert worden sein, er fungiert mitunter einfach nur als Satzbegrenzer. Also als Oida-gewordenes Frage- oder Rufzeichen. Oder als Füllwort. Sozusagen als Oida-gewordenes Sprachsilikon.

Ein Wort für alles

Im Internet ist das Wort folgerichtig zu einem beliebten Objekt für Sprachkurse aller Art geworden. Erst vor wenigen Tagen hat eine bezopfte Dirndlträgerin ein vielbeklatschtes Video veröffentlicht, in dem sie die vielfältige Einsetzbarkeit von Oida demonstriert. "How to speak Viennese using only one word" hat auf YouTube bereits etwa 300.000 Klicks und wurde in den Sozialen Medien eifrig bejubelt. Sie zeigt darin, dass man mit den vier Buchstaben nicht nur ausdrücken kann, dass man verwirrt ist, dass man überrascht ist oder dass man aufs Klo muss. Mit der entsprechenden Intonation lassen sich auch komplexere Inhalte vermitteln, von "Habe ich eh nicht vergessen, den Herd abzudrehen?" über "Was für einen Blödsinn redest du eigentlich?" bis hin zu "Hör auf, mir auf die Brüste zu starren!"

Der YouTube-Sprachlehrerin namens Ewa Placzynska ist dabei nur eine ausgefeiltere Variante von Oida-Witzwörterbüchern gelungen, die seit einigen Jahren regelmäßig im Internet kursieren. Das bekannteste schlüsselt die Universalfunktionen des Wortes kurz und bündig auf, kulminierend in dieser simplen, aber überzeugenden paradoxen Dualität: "Oiiiida?" - "Das ist eine positive Überraschung" gegenüber "Oiiida!" - "Das ist eine negative Überraschung".

Jetzt muss man schon sagen: In der deutschen Sprache gibt es zwar mitunter Wörter, die sehr unterschiedliche Bedeutungen in einem einzigen Begriff auffangen, aber eines, das Gegensätzliches vereint, ist dann doch eine Rarität. Oida hatte diese magische Eigenschaft eines Wendewortes schon, als es noch einzelnen Gesellschaftschichten vorbehalten und noch nicht sprachgentrifiziert war. Der "Alte" konnte da nämlich abschätzig gegenüber jenen gebraucht werden, mit denen man aber fix nicht befreundet sein wollte. Und gleichzeitig benannte der Oide auch einen ans Herz gewachsenen Kumpanen, vielleicht aus dem Wirtshaus am Eck. Spritzwein, Oida.

Eine Oide gibt es nicht mehr

Dem entspricht auch der Eintrag im Fachlexikon "Der kleine Wappler", der auf Wolfgang Teuschls "Wiener Dialektlexikon" von 1990 zurückgreift: "Alter Mann; Gatte, Vater, Geliebter, Freund; in der Anrede als Kamerad, Freund. Je nach Milieu wies der Begriff einen mehr oder weniger abwertenden Charakter auf." In dem aufschlussreichen gelben Büchlein von Astrid Wintersberger (es übersetzt auch die schöne Redewendung "Da scheißt der Hund aufs Feuerzeug") findet sich Oida übrigens zwischen "Aff, gselchter" und "angfressen sein".

In der Kultserie "Ein echter Wiener geht nicht unter", deren authentische Mundart aus der Favoritner Hasengasse nicht wenige konservative ORF-Seher einst verstört hat, wurde Oida übrigens vorrangig in seiner weiblichen Form verwendet. Da bezeichnete es eine Gattin oder auch eine Wilde-Ehe-Gespielin. Der Geringschätzigkeitsfaktor des Wortes konnte dabei von Edmund Sackbauer wendig variiert werden. Seine Toni nannte er jedenfalls kaum so, und schon gar nicht in ihrer Gegenwart. Die Ehefrauen anderer Männer hatten da schon weniger Glück, einmal ganz abgesehen von der "oidn Chwapil", der "oidn Schastrommel".

Tot, toter, bam

Die weibliche Form von Oida ist freilich praktisch ausgestorben. Heute gilt ein Oida - ganz im Trend des Gender-Mainstreamings - für alle erdenklichen Geschlechter. Auch ist ein beherztes "Hearst" nicht mehr notwendiger Begleiter des Wortes, beide leben ein durchaus emanzipiertes Leben ohne einander.

Wenn auch das "Hearst" manch wehmütigen Moment haben dürfte: Denn so ganz ohne Sekundanten glänzt Oida nur selten. Die Varianten sind auch hier mannigfaltig: Bereits würdig am Zentralfriedhof des verblichenen Jugendslangs bestattet ist das Beiwort "Bam" aus der nachgerade dadaistischen Phrase "Bam Oida". Mancher erinnert sich vielleicht mit leichtem Migräneflickern an die neonfarbenen Baseballkappen, unter denen sogenannte Krocha solche "Sätze" formulierten. Als verspäteten Widerhall in der Popmusik komponierten die beim Song Contest brachial erfolglosen Trackshittaz den Song "Oida taunz" dazu. Der glänzte mit Textzeilen wie "De erstn Kepf nickn/höhö, de Depf wippn" und entstieß auch nicht wenigen ein entnervtes Oida.


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-05-26 17:30:06
Letzte ─nderung am 2017-05-28 07:15:19



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