• vom 11.07.2017, 15:05 Uhr

Kultur

Update: 11.07.2017, 16:32 Uhr

Rezension

Ein Schreckgespenst namens Kommunismus




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Von Bettina Figl aus Berlin

  • Kommunismus – das ist doch nichts für Kinder! Das Buch "Communism for Kids" erzürnt die amerikanische Alt Right.

- © Unrast Verlag, Bini Adamczak

© Unrast Verlag, Bini Adamczak

Berlin. "In diesem Buch lernen Kinder, wie sie Gulags einrichten, Satan anbeten und die westliche Zivilisation zerstören können – und all das für nur 12 Dollar und 95 Cent!" scherzt die "New York Times" (NYT). Doch die NYT-Rezension liegt trotz satirischer Spitzen nahe an der Realität.

User fordern die Verbrennung des Buches

Andere US-Medien, darunter das rechtsaußen-Medium "Breitbart" oder das liberalere "The Daily Beast", zerfleischen das Buch der Berliner Autorin Bini Adamczak regelrecht: "Die pure Existenz dieses Buches beweist, dass Marxisten noch nicht erkannt haben, dass ihre Ideologie zu nichts als Verderben führt", schreibt ein "Breitbart"-Autor. In tausenden Onlinekommentaren und fast 150 negativen Rezensionen wird der Autorin Indoktrination, Verharmlosung und Propaganda vorgeworfen. In sozialen Netzwerken wie Twitter forderten Nutzer das Verbot und gar die Verbrennung des Buches.

Übersetzung beim renommierten MIT-Verlag

Ein Bild aus 1968 mit Arbeiterinnen und Arbeitern. 

Ein Bild aus 1968 mit Arbeiterinnen und Arbeitern. © Flickr Creative Commons, Thomas Fisher Rare Book Library, University of Toronto Ein Bild aus 1968 mit Arbeiterinnen und Arbeitern. © Flickr Creative Commons, Thomas Fisher Rare Book Library, University of Toronto

Viele der Hass-Poster, aber auch der Journalistinnen und Journalisten, haben da etwas missverstanden: Das Buch ist keine Propaganda, sondern eine kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und Zukunft des Kommunismus. Hätten sie das Buch gelesen, wüssten sie, dass in diesem in einfacher Sprache erklärt wird, was Kommunismus ist, was er sein könnte, und warum man ihn neu erfinden sollte. Gleich zu Beginn beschreibt die Autorin, warum der Wurzel des Übels im Kapitalismus liegt – aber das wollen die Rezensentinnen und Rezensenten, die wohl zum Großteil der Alt Right zuzuordnen sind, wahrscheinlich auch nicht hören.

Als das 112 Seiten fassende Büchlein 2004 auf Deutsch erschienen ist, wurde kaum Aufhebens darum gemacht. Doch als im April 2017 die englische Übersetzung mit dem Titel "Communism for Kids" auf den Markt kam, noch dazu bei MIT Press, dem renommierten Verlag der Elite-Uni Massachusetts Institute of Technology (MIT), war die Empörung groß.

"Kommunismus für Dummies" trifft es eher

Zum einen war es der Titel "Communism for Kids", der die amerikanische Alt Right auf die Barrikaden brachte. Und dieser führt tatsächlich in die Irre: auf Deutsch heißt das Buch ja auch nicht "Kommunismus für Kinder" sondern "Kommunismus: Kleine Geschichte, wie endlich alles anders wird". Angesichts der einfachen Sprache und Erklärungen, welche Theorie auch Leserinnen und Lesern ohne Hintergrundwissen der Ökonomie oder politischen Theorie näherbringt, hätte es "Kommunismus für Dummies" vielleicht eher getroffen.

Die Autorin selbst hatte bezüglich des Titels "Communism for Kids", der ihr vom MIT-Verlag vorgeschlagen wurde, Bedenken. Doch der MIT-Verlag argumentierte, dass niemand, der in das Buch hineinschaut, auf die Idee kommen würde, es sei für Kinder geschrieben.

Ein Shitstorm, genutzt zu Forschungszwecken

"Bedrohlich und beängstigend" beschreibt die Autorin den Shitstorm, der in den vergangenen Wochen und Monaten über sie hineingebrochen ist. Einige User fordern dazu auf, sich zu bewaffnen und Kommunisten zu erschießen, und auch persönlich wurde die Autorin in E-Mails beschimpft. Oft war der Absender blockiert, sodass Adamczak nicht auf die Vorwürfe antworten konnte – "dabei hätte ich gerne ein Gespräch begonnen", wie sie sagt, und fügt hinzu: "Ich finde es erstaunlich, dass die Menschen vor etwas Angst haben, das ihnen eigentlich die Angst nehmen soll."

2000 von 6000 Kommentaren habe sie gelesen, sagt Adamczak. Wie ging sie mit der Flut an Hass um, die ihr da entgegenrollte? Ihr habe geholfen, die Kommentare mit Neugier zu beobachten, als wissenschaftliches Analysematerial. Ich dachte ja eigentlich, Antikommunismus sei ein historisches Thema", sagt sie.

Information

Autorin, Künstlerin und Aktivistin Bini Adamczak (37) wurde nahe Rüsselsheim im deutschen Rhein-Main-Gebiet geboren. Dort gab es ein kommunales Kino, einen Bauwagenplatz und einen Infoladen, und so kam sie früh mit dem Leben im Kollektiv in Berührung. Aktuell schreibt sie mit anderen das Musikrevuetheater "Endlich wird die Arbeit knapp!", das am 22. September um 20 Uhr im Wiener Fluc im Rahmen der WIENWOCHE-Eröffnung uraufgeführt wird. Im Oktober (wann sonst) 2017 erscheint ihr neues Buch über die Revolutionen von 1917 und 1968 bei Suhrkamp. Sie lebt und arbeitet in Berlin.

Das Buch "Kommunismus: Kleine Geschichte, wie endlich alles anders wird" ist erstmals 2004 beim deutschen Unrast Verlag erschienen. Mittlerweile wurde es auf Englisch und Griechisch übersetzt und wird demnächst auf Spanisch, Koreanisch, Chinesisch, Russisch und Dänisch erscheinen. 

Die englische Übersetzung "Communism of Kids", die im April 2017 beim MIT-Verlag erschienen ist, hat einen Aufschrei auf Twitter ausgelöst, hier die Antwort des MIT-Verlags. Die New York Times, Die ZeitDeutsche Welle, Analyse & Kritik, Jungle World und Neues Deutschland haben über "Communism for Kids" berichtet.

Das alte Feindbild Kommunismus

Der Titel alleine ist also nicht für den Sturm der Entrüstung verantwortlich. Wie erklärt sich Adamczak, die bereits extensiv zu Kommunismus geforscht und publiziert hat, dass Antikommunismus noch Jahrzehnte nach dem Kalten Krieg so verbreitet ist? "Die US-AmerikanerInnen identifizieren ihre Nation stärker mit dem Kapitalismus, in den USA gilt Kommunismus immer noch als anti-amerikanisch. Die Amerikanische Rechte ist außerdem sehr gespalten, und der Hass auf den US-Präsidenten Barack Obama war eine Art Bindeglied. Seit Obama nicht mehr Präsident ist, drohen sie auseinanderzufallen. Sie brauchten ein neues Feindbild, und fanden es in einem altem Feindbild, dem Kommunismus."

Rote Fahnen wehen über Kinderspielplätzen

Unter den vielen Online-Kommentaren finden sich Perlen wie diese hier: "Ich habe dieses Buch unabsichtlich für mein Kind gekauft, weil ich dachte, dass es ihm die Schrecken des Kommunismus lehren würde. Und auf einmal trägt sie, als sie von der Schule heimkommt, eine schwarze Baskenmütze, trinkt Wodka und raucht eine kubanische Zigarre. Zwei Wochen schwingt eine rote Fahne über dem Spielplatz, sie und ihre Freundinnen haben es zu ihrem Hauptquartier gemacht, sie patrouillieren die Straßen und sammeln die Erwachsenen ein, um sie in ein ‚Umerziehungs-Camp‘ zu stecken" - dieser Leser beweist nicht nur Humor, sondern gibt dem Buch fünf von fünf Sternen. Anders als die 72 Prozent der 135 Bewertungen negativen Amazon-Bewertungen. Aber so viel Öffentlichkeit ist doch auch eine gute Werbung? Adamczak ist sich da nicht so sicher.

Gelebte Utopie in Berlin

Wie kann man eigentlich als Kommunistin leben und trotzdem Bücher verkaufen? "Kommunistinnen und Kommunisten müssen nicht die Armut umverteilen, sondern den gesellschaftlichen Reichtum gemeinschaftlich aneignen. Sie glauben nicht an eine Position der Reinheit und Unschuld, sondern bewegen sich in gesellschaftlichen Widersprüchen. Das Versprechen der neoliberalen Flexibilisierung hat gegenüber der Enge der fordistischen Ordnung Freiheit gebracht, aber zugleich den allgemeinen Stress erhöht. Deshalb brauchen wir weder Fordismus, noch Neoliberalismus, sondern Kommunismus."

"Wo sonst sollte die Autorin leben als in Berlin", lautete ein patziger Kommentar in "The Daily Beast". Da ist was dran: Seit zehn Jahren lebt Adamczak in Berlin, in "einer Art Utopie", wie sie sagt: "Seit Jahrzehnten haben Menschen hier kollektives Leben möglich gemacht. Und schaffen und verteidigen es weiterhin. Das hat auch materielle Gründe: Solange die Mieten günstig sind, hast du mehr Möglichkeiten."

Als die "Wiener Zeitung" Adamczak in einem Café in ihrem Kiez Berlin-Kreuzberg trifft, ist die Autorin etwas verkatert. Dass sie sich am Vorabend mit Freundinnen über den Durst getrunken hat, hatte keinen erfreulichen Anlass: Am Mittwoch vergangener Woche wurde der linke Nachbarschafts-Treff Friedel geräumt – ein herber Schlag in das Gesicht der Berliner Linken und der Neuköllner Nachbarschaft.

Das Leben in Freiräumen ist bedroht

Die Autorin Bini Adamczak bei einer Besprechung. 

Die Autorin Bini Adamczak bei einer Besprechung. © Kornelia Kugler Die Autorin Bini Adamczak bei einer Besprechung. © Kornelia Kugler

Die Queer-Feministin Adamczak wohnt in einer WG und arbeitet gemeinsam mit JournalistInnen, KünstlerInen und FilmemacherInnen in der Lause, einem weiteren bedrohtem Projekt: das Haus in der Lausitzer Straße 10 in Kreuzberg soll verkauft werden – doch der Verdrängungsprozess trifft hier auf vehementen Widerstand, denn die "Lause 10" ist ein Hotspot linker Kollektive und AktivistInnen.

Es sei ein ständiger Kampf, dieses Leben, das mehr Freiräume verspricht, fortzuführen, sagt Adamczak, und beschreibt: "Man lebt nicht in dem ständigen Verwertungsdruck, sondern kann sich auch mal frei nehmen, um FreundInnen zu helfen, wenn es ihnen schlecht geht. Hier ist ein menschlicherer Umgang möglich." Sie fügt aber auch hinzu: "Ich will das prekäre Leben aber nicht romantisieren. Ich kenne kaum jemanden, der eine unbefristete Stelle mit Sozialversicherung hat."





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-07-05 15:06:34
Letzte ─nderung am 2017-07-11 16:32:56



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