• vom 15.07.2017, 09:00 Uhr

Kultur

Update: 15.07.2017, 09:04 Uhr

Philosophie

Gebt endlich Ruhe!




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Von Petra Paterno

  • Der Philosoph Ralf Konersmann über die Frage, warum die Unruhe unser Leben im Griff hat.

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Ralf Konersmann, 62, ist deutscher Philosoph und Professor an der Universität Kiel. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören Begriffsgeschichte und Kulturphilosophie.

Ralf Konersmann, 62, ist deutscher Philosoph und Professor an der Universität Kiel. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören Begriffsgeschichte und Kulturphilosophie. Ralf Konersmann, 62, ist deutscher Philosoph und Professor an der Universität Kiel. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören Begriffsgeschichte und Kulturphilosophie.

Die Unruhe, sagt Ralf Konersmann, sei ein Fluch, der seit der Vertreibung aus dem Paradies auf der Menschheit lastet. Zugleich ist sie aber auch Antrieb menschlichen Tuns und damit Motor der Zivilisation.

Der deutsche Philosoph hat sich in mehreren Publikationen mit dem Phänomen der Unruhe auseinandergesetzt - zuletzt erschien das "Wörterbuch der Unruhe". Er spürt dem Gefühl der Rastlosigkeit im Alltag nach, versucht eine Theorie dieses Gemütszustands zu entwickeln und will erfassen, wie es dazu kam, dass die Unruhe positiv besetzt, während die Ruhe mit Stillstand und Lethargie gleichgesetzt wurde. Mit der "Wiener Zeitung" sprach Ralf Konersmann über die Ambivalenz der Unruhe und mögliche Auswege.

"Wiener Zeitung":Folgt man Ihren Ausführungen zu einer Kulturgeschichte der Unruhe, scheint dieser Gemütszustand so etwas wie die DNA westlicher Lebensweise geworden zu sein. Kann man in einer Kultur der Rastlosigkeit überhaupt noch zur Ruhe kommen?

Ralf Konersmann: Ja, natürlich. Wir organisieren Erholungszeiten, machen Urlaub, nehmen Auszeiten. Interessant ist dabei, welchen Status die Ruhe hat.

Wie meinen Sie das?

Die Unruhe vergibt Konzessionen für die Erholung. Wer Ruhe sucht, braucht eine Begründung. Vollkommen anders verhielt es sich etwa in der Antike: Kontemplation galt als Idealzustand, Rastlosigkeit stand unter Legitimationsdruck, das Glück fand man in Ruhe und Sorglosigkeit. Auch Adam und Eva mussten sich fürs Nichtstun im Paradies noch nicht rechtfertigen. Das änderte sich im Lauf der Jahrtausende. Bei Kant heißt es unmissverständlich, dass man sich die Ruhe verdienen müsse. Mittlerweile ist dieser Gedanke in der Alltagssprache fest verankert. Heute erwarten wir das Glück von Momenten der Unruhe, der Ekstase, des Exzesses, der Begeisterung. Daran erkennt man, dass sich das Verhältnis von Ruhe zu Unruhe im Lauf der europäischen Geschichte ins Gegenteil verkehrte. Es kam zu einer Umwertung der Werte.

Wie ist das gelungen? Worin liegt die Faszination der Unruhe?

So etwas lässt sich nicht verordnen oder argumentativ herbeiführen, das geht ganz allmählich vor sich, in tausend kleinen Schritten, die eine Richtung vorgeben. In der menschlichen Vorstellung existiert das alttestamentarische Paradies noch immer als Ort der Vollkommenheit. Seit Menschengedenken haben wir maximale Erwartungen, aber die Welt, in der wir leben, ist alles andere als perfekt. Daher geben wir keine Ruhe, bis ein optimierter Zustand erreicht ist. Dazu kommt, dass unser Selbstverständnis komparativ ist, es geht darum, schneller, besser, stärker zu werden. Weltanschaulich unterfüttert wird das alles durch die Unruhe, sodass sie uns im Lauf der Jahrhunderte in Fleisch und Blut übergegangen ist, ohne dass wir uns hätten anstrengen müssen. Um in die Unruhe hineinzufinden, reicht es schon aus, sich nicht zu widersetzen. Es ist äußerst schwer, sich dieses Zustands bewusst zu werden, da wir ihn in der Normalität fraglos und arglos leben.

"Niemand wird mehr als wir die Ruhe ersehnt und die Unruhe geliebt haben", heißt es bei André Gide. Woher kommt die Hassliebe?

Unser Verhältnis zur Unruhe ist zweideutig. Wir leiden darunter, beschweren uns, wie zerrissen unser Leben ist, zugleich möchten wir sie um nichts in der Welt missen. Ich sehe mich nicht als Kulturkritiker, ich will die Unruhe nicht verdammen. In vielen Momenten sehnen wir uns nach Unruhe, weil wir Langeweile so schwer ertragen, weil die Unruhe uns von uns selbst und dem, was wir als unerträglich empfinden, ablenkt. Sie präsentiert sich dann als ideale Alternative, weist uns einen Weg vom Wirklichen hin zum Möglichen.

Maßgeblicher Unruhefaktor ist die Lohnarbeit. Wieso gehen wir bereitwillig in der Arbeit auf?

Auch die Geschichte der Arbeit ist eine grandiose Umdeutung. Der Idealzustand ist das Paradies, ein Zustand, in dem man nichts muss und alles hat, in dem man ausschließlich seinen Neigungen folgt. Diesen Gedanken gibt es nicht nur in der Bibel, sondern auch in linker wie in rechter Ausprägung, siehe: Karl Marx und Ernst Jünger. In der Realität ist Arbeiten für die allermeisten alternativlos. Man muss arbeiten, um zu überleben. So ist es seit Menschengedenken, aber spätestens seit der Neuzeit wird Arbeit nicht mehr nur als Notwendigkeit empfunden, um mit eigenen Händen die Welt mitzugestalten, sondern sie wird als Selbstbestätigung betrachtet. Nun gibt es kein Halten mehr. Die Arbeit wird zum Lebensmittelpunkt, zu dem Ort, an dem über den Sinn entschieden wird. Es geht mir aber gar nicht darum, ständig Gegensätze zwischen Ruhe und Unruhe festzumachen. Ich will darauf hinweisen, dass es eine Unruhe gibt, die den Menschen zuträglich ist, und eine, die schädlich ist.

Was wäre "schädliche Unruhe"?

Wenn wir unbewusst einwilligen in ein ewiges Schneller, Höher, Besser, wenn wir substanzarmen Forderungen nachhängen, obwohl wir bereits am Limit sind. Ich kritisiere Übertreibung und weltanschauliche Überhöhung.

Ist Burnout eine Auswirkung der "schädlichen Unruhe"?

Ich bin kein Mediziner, in diese Debatte würde ich allenfalls einwerfen, dass die Unruhe komplexer ist, als die klinische Psychologie gemeinhin annimmt. Wer nur den Blick auf die innere Unruhe lenkt, übersieht, dass Unruhe ein Symptom ist, das unsere gesamte Kultur durchdringt. Es ist nicht so einfach, aus der Unruhe auszusteigen.

Wie könnte ein anderer Umgang mit der Unruhe aussehen?

Die Unruhe dosieren, es aber auch mit der Ruhe nicht übertreiben. Es geht um überlegtes Handeln, darum, Gewohnheiten in Frage zu stellen, hinter Routinen zurückzutreten, um eine gewisse Distanz zwischen sich und der Unruhe herzustellen.

Wie könnte das gelingen?

Als Philosoph würde ich sagen: mit Hilfe der Theorie. Wie ein Maler von seinem Bild zurücktritt, um aus der Distanz heraus mehr zu erkennen, als beim Vorgang des Malens selbst, nimmt auch die Theorie die Welt in den Blick und gestattet es, die notorisch unauffällige Normalität zu befragen.





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Dokument erstellt am 2017-07-14 16:39:08
Letzte Änderung am 2017-07-15 09:04:25



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