• vom 17.07.2017, 16:19 Uhr

Kultur

Update: 17.07.2017, 20:21 Uhr

Rom

Erlebte Fremde, erhoffte Heimat




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Von Hans Haider

  • Im alten Stützpunkt der "Deutschen" in Rom, Santa Maria dell’Anima, ist die Renovierung unter österreichischer Leitung abgeschlossen.

Joseph Ratzinger im Doppelporträt als Papst und Theologe in der Sakristei. - © Hans Haider

Joseph Ratzinger im Doppelporträt als Papst und Theologe in der Sakristei. © Hans Haider

In den Innenhof der Anima sind Fundstücke aus 2000 Jahren römischer Archäologie eingemauert.

In den Innenhof der Anima sind Fundstücke aus 2000 Jahren römischer Archäologie eingemauert. In den Innenhof der Anima sind Fundstücke aus 2000 Jahren römischer Archäologie eingemauert.

Sehr-Neu setzt sich in der medialen Wahrnehmung leicht gegen Sehr-Alt durch. Anima: So nennt André Heller den 2016 bei Marrakesch eröffneten Garten, wo er ein "Retour du Paradis" verheißt. Die Anima in Rom entdecken Touristen von der Piazza Navona aus. Stehen sie dort am Neptun-Brunnen - in Dan Browns Klerikoschocker "Illuminati" wird hier ein greiser Kardinal versenkt -, öffnet sich durch die schmale Via dei Lorenesi der Blick nur auf den Campanile der Animakirche. Grün-gelb-weiß dreht sich das Zierziegelmuster zum Turmknauf hinauf. Darüber ein Vogelnest, drei Wetterhähne, zuoberst ein Kreuz. Unauffällig auch der Eingang ins Anima-Kolleg neben dem mächtigen Säulenrund von Bramantes Kirche Maria della Pace. Der Name am Türschild: Istituto Pontificio Teutonico Santa Maria dell’Anima.

Seit 1350 führte hier eine Bruderschaft ein Pilgerhospital. 1406 wurde es von Innozenz VII. unter päpstlichen Schutz gestellt, 1518 erhob es Maximilian I. in die Reichsunmittelbarkeit. Unter Franz Joseph I. mutierte es zum "Deutschen Nationalinstitut", gewidmet als Herberge für 24 Kleriker während ihrer Postgraduate-Studien. Auch hoher Klerus bereitet sich hier auf Termine im Vatikan vor. Hier versammelt sich die deutschsprachige katholische Gemeinde von Rom, betreut von einem "Kuraten". Und hier sitzt von alters her die Anima-Bruderschaft. Seit dem 14. Jahrhundert tragen sich neue Mitglieder ins Bruderschaftsbuch ein.


Der vorletzte deutsche Papst
Im Hof des Kollegs bauen die Restauratoren ihre Gerüste ab. In die Wände eingemauertes antikes Fundgut, Tafeln mit Inschriften und zwei Wappensteine Friedrichs III., der ältere Adler mit einem, der jüngere mit zwei Köpfen, leuchten wieder marmorweiß. Eine so sorgsame wie aufwendige Erneuerungskampagne geht zu Ende. In der Kirche steuert ein Computer die Illumination, die Gemälde über den neun Altären atmen frischen Glanz. "Ausgerechnet das Bild des Venezianers Carlo Saraceni mit dem Benno-Wunder loben viele Besucher", schmunzelt Franz Xaver Brandmayr, Anima-Rektor seit 2008. "Aber es ist nur eine Reproduktion. Das Original hängt heuer in der Benno-Gedenkausstellung in Meißen." Benno, gestorben 1106, war dort Bischof und wurde als erster Sachse 1523 heiliggesprochen. Von Hadrian VI., dem bis zu Joseph Ratzinger letzten deutschen Papst.

Hadrian/Adrian aus Utrecht starb nach nur zwei Jahren auf der Santa Sedia 1523, während Luthers Reformbewegung schon Kirche und Reich erschütterte. Ludwig von Pastor nennt ihn 1907 in seiner "Geschichte der Päpste" den "friedliebendsten aller Päpste". Ging er doch auf die Reformatoren mit einem Einbekenntnis kirchlicher Missstände zu. Sein Sarkophag krönt sein Grabdenkmal im Chor. Müde entschlafen: So hat ihn Baldassare Peruzzi modelliert. Den Neu- und Ausbau der vordem gotischen Anima-Kirche richtete der ebenfalls als "Deutscher" geltende Kardinal Enkevoirt aus Brabant auf das Gedenken an den päpstlichen Freund und Gönner aus. Auch sich selbst bereitete er an der Hinterwand der Kirche einen prachtvollen Ruheplatz. Daneben das Grab von Kardinal Andreas von Österreich (1558-1600), einem Sohn Erzherzog Ferdinands II. von Tirol und Philippine Welser.

Das Papst-Grab und Giulio Romanos Hochaltarbild "Heilige Familie", 1521/22 von einem Fugger aus Augsburg in Auftrag gegeben, bewahrten die Anima-Kirche im überreichen römischen Adressbuch für Kunstfreunde. Obwohl kaum einer das Glück hatte, sie offen zu finden. Den "Animalen" genügte sie für ihre Messfeiern morgens und abends. Nun steht sie, bis auf eine Mittagspause, den ganzen Tag offen. Sogar spätabends von neun bis elf.

Drei Selige
Im fernen Rom als Pilgrim verstorben, aus päpstlichem Dienst nicht mehr heimgekehrt, als Handwerker zugewandert (viele als Bäcker!) und sich dennoch einander verbunden wissen in der Una Sancta Ecclesia: Die Stiftungsaltäre, Gedenktafeln, Büsten und Totenschilde machen die Spannung zwischen erlebter Fremde und erhoffter Heimat zugleich bedrückend und erhebend spürbar. Drei Reliquiare jüngst Seliggesprochener stehen auf einem Seitenaltar unter einer Michelangelos Vaticana nachempfundenen Pietà: Carl Lampert, 1930/35 in der Anima, dann Provikar von Feldkirch, 1944 von den Nazis in Sachsen hingerichtet; János Scheffler, Bischof von Satu Mare, österreichisch-ungarisch, später rumänisch, 1952 von den Kommunisten umgebracht; und der Habsburger Kaiser Karl I., in der Verbannung 1922 verstorben, erst 34 Jahre alt.

Sterbliche Überreste ruhen auch unter der Kriegergedächtniskapelle, die 1937 auf Initiative des damaligen Rektors Bischof Alois Hudal als Monument für österreichische und deutsche Gefallene des Ersten Weltkriegs eingerichtet wurde. Der Grazer Hudal (1885-1963) ist, wie auch der Prager Dichter Johannes Urzidil, auf dem Campo Teutonico im Vatikan bestattet - doch noch immer eine Leiche im Keller wegen seiner Begeisterung für den Nationalsozialismus und der Fluchthilfe für NS-Verbrecher ("Rattenlinie") Richtung Naher Osten und Südamerika. Rektor Brandmayr befreite die Kapelle vom vaterländischen Bombast und revitalisierte sie als Beichtkapelle.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-07-17 16:24:09
Letzte nderung am 2017-07-17 20:21:47



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