• vom 01.08.2017, 20:46 Uhr

Kultur


Thor Heyerdahl

Der Archäologe als Abenteurer




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Von Edwin Baumgartner

  • Vor 70 Jahren endete Thor Heyerdahls "Kon-Tiki"-Expedition - seine verwegene Seefahrt sollte wissenschaftlicher Beweis sein.


© Keystone/Getty © Keystone/Getty

Der Wind bläht das Segel mit dem Abbild des Inka-Schöpfergottes Kon-Tiki, der dem Floß seinen Namen gibt, und treibt das Gefährt vor sich her. Es ist kaum manövrierbar. Der Rumpf aus Balsastämmen und die beiden Rahsegel am X-förmigen Mast lassen nur oberflächliche Kurskorrekturen zu. Am Atoll Puka-Puka ist das Floß vorbeigetrieben. Auch Fangatau war nicht erreichbar gewesen. Jetzt spülen Wind und Wellen das Floß auf ein Riff vor Raroia im Tuamotu-Archipel. Zum ersten Mal seit mehr als drei Monaten haben die sechs Männer wieder festen Boden unter den Füßen. Am 28. April 1947 hatten sie in Callao (Peru) abgelegt. 101 Tage ist das her. Der Expeditionsleiter jubelt: Er hat den Beweis für seine These erbracht. In seiner Heimat Norwegen wird er als Volksheld gefeiert: Fridtjof Nansen, Roald Amundsen - und nun er: Thor Heyerdahl.

War das ein Abenteuer! Und ein Geschäft war es obendrein und bleibt es. Das Buch verkauft sich als Besteller, und zumindest in der ganzen westlichen Welt will jeder die Filmdokumentation sehen: Der Forscher, der zum Abenteurer wurde - werden musste, um seine Thesen zu beweisen.


Der Streit der Wissenschafter
Worum ist es eigentlich gegangen? Die Anthropologen stritten über die Besiedelung Polynesiens. Die vorherrschende Meinung ist, die Inseln des Pazifiks seien von West nach Ost besiedelt worden, also von Asien aus über Mikronesien und Melanesien. Thor Heyerdahl, am 6. Oktober 1914 in der südnorwegischen Hafenstadt Larvik geborener Zoologe und Anthropologe, vertritt eine gegensätzliche Theorie. Er findet keine Übereinstimmung zwischen den Kulturen von Mikronesien und Melanesien auf der einen und Polynesien auf der anderen Seite. Die müsste es aber bei einer schrittweisen Besiedelung von Westen her geben. Eher sieht er kulturelle Parallelen zwischen dem Volk der Inkas in Südamerika und den Polynesiern. Obendrein wäre eine Besiedelung von Westen aus gegen Wind und Strömung erfolgt, während man von Osten aus vom Humboldtstrom getragen wird und vor dem Passatwind segelt. Also geht Heyerdahl von einer Besiedelung Polynesiens von Südamerika aus.


© Le Corre/Getty © Le Corre/Getty

Dem widerspricht freilich alles, was man über die Seefahrt der südamerikanischen Indigenen weiß: Es gab sie de facto nicht. Sie hatten keine Schiffe, sondern nützten, wenn sie sich auf ein Gewässer wagen mussten, Balsaflöße, bestenfalls mit notdürftiger Besegelung. Bilder und Beschreibungen solcher Flöße finden sich in den Berichten der spanischen Konquistadoren. Samuel Kirkland Lothrop schrieb über diese Balsaflöße eine ganze Abhandlung: Die Balsastämme würden sich mit Wasser vollsaugen, meinte der an der Harvard-University lehrende Archäologe, in zwei Wochen wäre solch ein Gefährt gesunken. Eine Besiedelung Polynesiens von Südamerika aus sei daher undenkbar.

"Na, mal sehen", dachte Heyerdahl. Wenn es ihm gelänge, mit dem Nachbau eines Balsafloßes die Strecke von immerhin rund 3800 Seemeilen (ungefähr 7040 km) zurückzulegen und dabei Wind und Wetter zu trotzen, hätte Heyerdahl den Beweis für seine Theorie erbracht. So sammelt Heyerdahl fünf Männer um sich. Knut Haugland war gelernter Funker, im Zweiten Weltkrieg hatte er im Widerstand gegen die deutsche Besatzung gekämpft. Auch der Ingenieur Torstein Raaby war im Widerstand gewesen, seine Berichte und Fotos hatten die Versenkung des Schlachtschiffes "Tirpitz" im Sandnessund ermöglicht. Herman Watzinger war ein in Deutschland geborener Ingenieur, der seit seiner Kindheit in Norwegen gelebt hatte. Seine Kontakte zum Pentagon ermöglichten die Ausrüstung und Verproviantierung der "Kon-Tiki". Heyerdahl ernennt ihn zum zweiten Kommandanten.

Ein Experiment auf hoher See
Der Anthropologe Bengt Danielsson, der sich für Heyerdahls Theorien interessiert, ist als Schwede der einzige Nicht-Norweger an Bord. Er ist der Koch der Expedition. Erik Hesselberg ist Künstler, er malt das Bild Kon-Tikis auf das Segel, aber nicht nur das: Er ist gelernter Steuermann. Wenigstens hat einer der sechs Männer Erfahrungen mit der Seefahrt. Heyerdahl selbst kann nicht einmal schwimmen.

Ein Funker mit Funkgerät ist an Bord der "Kon-Tiki"? Etwas Vergleichbares haben die Inkas zweifellos nicht gehabt. Verwässert Heyerdahl da nicht das Ergebnis seiner Expedition - sollte er sie überhaupt erfolgreich beenden?

Doch Heyerdahl geht es nicht darum, eine Seefahrt der Inkas 1:1 nachzustellen. Er will lediglich beweisen, dass man mit einem Balsafloß die Strecke von Peru nach Polynesien bewältigen kann.

Was auf das Ablegen folgt, könnte man als Seefahrt unter erschwerten Bedingungen beschönigen. Alles tritt ein, was man vorausgesagt hat - nur nicht, dass das Floß sinkt. Aber die Balsastämme saufen sich mit Wasser an, zwar imprägnieren sie sich damit gleichsam selbst, machen aber das Gefährt träge, mit dem Ruder und den Segeln kann es einen Kurs geradeaus halten, Steckkiele ermöglichen Kursabweichungen, aber an herkömmliche Segelmanöver ist nicht zu denken. Und die Seile, mit denen die Stämme verbunden sind, drohen immer wieder durchzuscheuern. Selbst der sehr gute norwegische Spielfilm aus dem Jahr 2012 lässt nur ansatzweise ahnen, in welcher permanenten Gefahr sich die sechs Männer befinden.

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Dokument erstellt am 2017-08-01 20:51:10



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