• vom 28.08.2017, 16:02 Uhr

Kultur

Update: 28.08.2017, 18:39 Uhr

Anthropozän

Der Mensch als Gott




  • Artikel
  • Kommentare (3)
  • Lesenswert (18)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Reinhard Göweil

  • Der Mensch hat sich die Erde untertan gemacht - und sie verändert. Gedanken zum Leben im Anthropozän.


© Fotolia/euthymia © Fotolia/euthymia

Der Astrophysiker Stephen Hawking hat eine ziemliche fundamentale Frage für sich beantwortet. Er gibt der Menschheit noch 100 Jahre und ruft dazu auf, fremde Planeten zu finden und zu besiedeln. Klimawandel, Bevölkerungswachstum, Epidemien und Asteroideneinschläge würden die Erde unbewohnbar machen wie den Mond, meint er. Die drei ersteren sind menschengemacht, und genau das treibt auch Geologen um.

Der Mensch verändert die Welt und alle irdischen Systeme so stark, dass vom "Anthropozän" gesprochen werden müsse, befand 2016 der Internationale Geologen-Kongress in Kapstadt. Der legte den Beginn dieses neuen Zeitalters an einen bis heute messbaren Knall: Am 16. Juli 1945 fand im Süden des US-Bundesstaates New Mexico der erste Atombombentest statt ("Manhattan-Projekt"). Seither - so die Geologen - macht sich der Mensch die Erde untertan wie nie zuvor seit dem Auftreten des Homo sapiens. Andere Forscher wollen dieses Zeitalter an den Beginn der Industriellen Revolution setzen, aber das ist wohl eher eine akademische Diskussion.


Ob der Mensch mit dieser Verantwortung vernünftig, geschweige denn weise umgeht, ist noch nicht beantwortet. Unser Plastikmüll zerstört die Ozeane; die USA steigen aus dem ohnehin spät beschlossenen Klimaabkommen aus; unsere Maschinen, Landwirtschaften und der Tourismus verändern Kohlenstoff-, Stickstoff- und Phosphor-Kreisläufe so gut wie irreversibel. Riesige Seen trocknen aus, in Afrika sind 43 Millionen Menschen von Dürre bedroht. Feinstaub und Luftverschmutzung bedrohen Millionenstädte, an den Küsten besorgt das der steigende Meeresspiegel.

Der Weg zurück ist versperrt
Zeit also für die Apokalypse? Nein, dem Konflikt kann die Kooperation entgegengestellt werden. Die erste Erkenntnis könnte lauten, das Anthropozän zu akzeptieren. Der Mensch griff und greift global so stark in alle Systeme ein, dass der Weg zurück wohl versperrt ist. Das nur als verbohrt zu bezeichnende Festhalten der deutschen Autoindustrie (und der ihr folgenden Politik) am Verbrennungsmotor kann stellvertretend für diese mangelnde Erkenntnisfähigkeit gelten.

Um die Welt zu retten, benötigt es neue, unbekannte und auch ungedachte Konzepte. Das aktuelle Wirtschaftssystem ist dafür völlig ungeeignet, die politischen Systeme unvorbereitet, die Regulierungsbehörden überfordert.

Der Mensch hat die Atomkraft entwickelt, aber wo bleibt die Kalte Fusion? Wir bauen Autobahnen, aber wo bleibt der Wasserstoffmotor? Wir bewässern Felder, aber wo bleiben die hitze- und wassersparenden Ackerfrüchte?

Das Anthropozän zu akzeptieren bedeutet, einer gezielten Forschung Vorrang einzuräumen. Gentechnik ist in Österreich praktisch ein Schimpfwort, aber ohne wird es nicht gehen. Nicht nur in der Landwirtschaft, auch im pharmazeutischen Bereich (Hawkings Beispiel globaler Epidemien). Das Anthropozän akzeptieren bedeutet aber auch - ganz im Sinne der laufenden Debatten in Alpbach -, den real existierenden Kapitalismus abzuschaffen. Auf den Devisenmärkten werden derzeit täglich und währungsbereinigt etwa 5000 Milliarden Dollar bewegt. Welchen Sinn soll das haben, wenn allein in Somalia sieben Millionen Menschen hungern? Welchen Sinn macht eine aktuelle Bitcoin-Marktkapitalisierung von 72 Milliarden Dollar, wenn heimische Start-ups keine Kredite bekommen?

Hemmungsloser Fortschritt
Um der Kooperation eine Chance zu geben ist es wohl notwendig, alles in Frage zu stellen, und das bald. Der Geschäftsführer des Europäischen Forum Alpbach, Philippe Narval, zitierte in einem Essay die Enzyklika "Laudato Si" von Papst Franziskus, in der das Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche vor einer "umfassenden Krise" warnte. Das war 2015. Der Papst verbindet dabei mehrere Entwicklungen, was nicht verwunderlich ist, da er doch von einem Gott als Schöpfer ausgeht. Er verbindet dabei ein auf Profit ausgelegtes Wirtschaftssystem, eine entsolidarisierte Moralvorstellung, in der das Ich Priorität genießt und hemmungslosen Fortschrittsglauben. Der Papst durfte sich dafür als Marxist beschimpfen lassen, was schon grundsätzlich absurd ist, aber das ist ein anderes Thema...

Blühen und verdorren
Wenn es das Zeitalter Anthropozän gibt, müsste eigentlich der hemmungslose Fortschrittsglaube vom Kapitalismus getrennt werden, das macht "Laudato Si" nicht. Das verwundert wenig, denn das Anthropozän übergibt dem Menschen das Schöpfungs-Monopol.

Die Weltreligionen gehen von Gott als Schöpfer aus. Im Buch Genesis, das gleichermaßen für Juden in der Tora und Christen in der Bibel gilt, erschafft Gott die Erde, wie wir sie kennen, in sechs Tagen. Im Koran ist es nicht ganz so deutlich formuliert, dessen Schöpfungsgeschichte schwankt zwischen vier und acht Tagen, aber das ist ein Detail. Sarkastisch angemerkt erschuf der Schöpfer - den Buchstaben des Buches Genesis folgend - den Menschen erst ganz am Schluss. Danach meinte er noch, wir könnten uns alles untertan machen, und gab den Tieren und uns Menschen die Pflanzen als Nahrung. So steht es im Buch Genesis.

weiterlesen auf Seite 2 von 2




3 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-08-28 16:06:07
Letzte nderung am 2017-08-28 18:39:40



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. steiermark
  2. "Fühle mich wie ein Partisan"
  3. "Minenfelder ohne Landkarte"
  4. In eigener Sache
  5. "Das ist es, wofür ich stehe"
Meistkommentiert
  1. Das Hosentürl zum Ruhm
  2. Menasse gewinnt den Deutschen Buchpreis
  3. Die Ära des geilen Mannes
  4. Schönheitskönigin
  5. "Das ist es, wofür ich stehe"

Werbung




Werbung



Werbung