• vom 01.09.2017, 18:00 Uhr

Kultur

Update: 01.09.2017, 19:49 Uhr

Religion

Das Opferlamm als Beifahrer




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Von Judith Belfkih

  • Hausschlachtung und Bunsenbrenner: Das muslimische Opferfest prägt (auch) die arabische Welt.

- © Lisa Schmitzberger

© Lisa Schmitzberger

Geschlossene Verwertungskette: vom Häuten über das Ausbrennen der Schädel zum Abtransport der Felle.

Geschlossene Verwertungskette: vom Häuten über das Ausbrennen der Schädel zum Abtransport der Felle. Geschlossene Verwertungskette: vom Häuten über das Ausbrennen der Schädel zum Abtransport der Felle.

Marrakesch. Der erste Schnitt ist dem König vorbehalten. Zeitgemäß live im Fernsehen. Mohammed VI. steht im Hof seines Palastes in der marokkanischen Hauptstadt Rabat, umringt vom geschäftigen Hofstaat. Die Männer - und es sind ausschließlich Männer anwesend - tragen weiße bodenlange Gewänder und leuchtend rote Kappen. Nur der König setzt sich mit seinem hellgelben Djellaba mit Kapuze von ihnen ab. Ein Schaf wird hereingebracht und vor dem König auf den Boden gedrückt, die Kehle des Tieres dem königlichen Messer dargeboten. Bedienstete spannen ein Tuch zwischen M6, wie die Marokkaner ihren Monarchen nennen, und das Tier. Das königliche Kleid soll keine Blutspritzer abbekommen. Mohammed VI. beugt sich über das Tuch, öffnet mit einem schnellen Schnitt die Kehle des Schafes, Leintuch und Opfertier verschwinden. Der König bahnt sich seinen Weg durch eine Gruppe von - seine Hände untertänig küssenden - Männern.

Muslime begehen dieses Wochenende das Opferfest, neben dem Ende des Ramadan das wichtigste Fest im muslimischen Kalender. Grundlage ist eine - auch alttestamentarische - Geschichte. Gedacht wird des Propheten Ibrahim (Abraham), der bereit war, seinen Sohn Ismael (Isaak) zu opfern, als Gott ihm Einhalt gebietet. Aus Dankbarkeit opferten die beiden daraufhin einen Widder. Neun Millionen Tiere, großteils Schafe, aber auch Ziegen, Kälber und Kamele standen 2017 laut Regierung alleine in Marokko für das Opferfest bereit. Bei einer Einwohnerzahl von 35 Millionen eine durchaus realistische Zahl. Ein Ereignis, das das gesellschaftliche Leben des ganzen Landes für Wochen prägt.



Während in Österreich Aufregung um die behördliche Anweisung an Bauern herrscht, keine Schafe an Muslime zu verkaufen, ist Tierschutz kein Thema in einer Gesellschaft, die kein soziales Netz hat, und in der Armut und Hunger für viele auf der Tagesordnung stehen. Dass Tiere in Haus- oder auch Straßenschlachtungen geschächtet und teilweise auch zerlegt werden, ist eine Selbstverständlichkeit. Rund um das Tieropfer selbst hat sich eine Unzahl an kleinen Traditionen und fein abgestimmten Abläufen eingespielt, die das ganze Land prägen - bis hin zu speziellen Kreditangeboten für den Kauf von Tieren und Gefriertruhen.


Das Schaf auf dem Moped



In den Tagen vor dem Fest dominieren Schaftransorte das Straßenbild. Vom Handkarren über kleine Laster, Autobusse und Kofferräume ist alles möglich. Gekauft werden die Tiere auf brach liegenden Flächen, die als vorübergehende Tiermärkte fungieren. Die Bauern der Umgebung kommen mit Pick-ups und präsentieren ihre Tiere. Käufer begutachten und feilschen. Umgerechnet 150 bis 250 Euro kostet ein Schaf, ein Monatslohn eines einfachen Arbeiters. Zwischen den feilschenden Tierverkäufern suchen auch andre Händler nach Kundschaft: Gewürzverkäufer, fliegende Tee-Ausschenker und natürlich die zahlreichen Transporteure. Geht es ums Geldverdienen, kennt die Kreativität keine Grenzen. Beim Sparen ebenso: Besonders Geschickte transportieren ihr Schaf mit dem Moped nach Hause, zwischen die Beine geklemmt oder wie einen Schal über die Schulter geworfen. Ohne Helm und mit einem Gruß für den Polizisten am Straßenrand.

Eben jener Straßenrand wird am Tag des Festes dann Schauplatz kleiner Lagerfeuer. Schon in der Früh entfachen sie kleine Gruppen von Männern mit dem spärlichen Holz, das sie finden, oft reicht auch eine Gasflasche mit Bunsenbrenner. Ab dem Mittag bringen ihnen die Familien der Umgebung in Plastiktrögen die Köpfe und Beine der geopferten Tiere, um sie auszubrennen. Sind Haut und Haare entfernt, gelten Füße und Kopf als Delikatesse. Ab dem Abend sind dann auch erste Kleinlaster unterwegs, die Berge von blutigen Fellen abtransportieren. Mitunter tut es auch ein Eselskarren. Nichts geht verloren, alles wird verwertet - vom Fleisch über die Wolle bis hin zu Leder.

Die Familie von Abdallah war schon eine Woche vor dem Fest auf dem Tiermarkt, die gekachelte Terrasse seines Einfamilienhauses bewohnen seither zwei Schafe und eine Ziege. Pro verheiratetem Paar eines, denn auch Abdallahs Kinder verbringen das Opferfest mit ihren Familien in seinem Haus. Sein ältester Sohn hat sein Schaf einer armen Familie gespendet. Auch ein Großteil des Fleisches der drei Tiere auf der Terrasse wird die Familie aus dem Mittelstand später an weniger begüterte Menschen verschenken. Bis dahin sind die Tiere mit einem Strick am Bein festgebunden, vor ihnen liegt ein Bündel Stroh. Wer keine Terrasse hat, hält das Schaf auf dem Balkon, zur Not müssen der Gang oder gar das Klo herhalten. Das prägt vor allem die nächtliche Geräuschkulisse, es blökt von allen Dächern und aus allen Gassen. Das Blöken wird am Tag des Opferfestes dann schnell dem Geruch von Blut und von verbranntem Fleisch gewichen sein.

Nachdem die Männer in der Moschee waren und die Familie beim späten Frühstück das Tieropfer des Königs im Fernsehen verfolgt hat, ist Familienvater und Großvater Abdallah auf die Straße gegangen, er hält Ausschau nach dem Fleischhauer. Dieses Jahr ist der junge Mann, der für seine Arbeit umgerechnet 20 Euro pro Tier erhält, besonders gut ausgestattet. Neben den langen scharfen Messern, die er in der Hand trägt, da sie wohl jede Hülle durchtrennen würden, ragt aus seinem Rucksack eine Fahrradpumpe. Nach dem Kehlschnitt und dem zuckenden Ausbluten des Tieres ritzt er ein kleines Loch in die Beinhaut des Schafes und pumpt es auf, um die Haut vom Fleisch zu trennen und es anschließend besser ausweiden und häuten zu können.

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Schlagwörter

Religion, Islam, Opferfest

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-09-01 15:51:14
Letzte ńnderung am 2017-09-01 19:49:22



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