• vom 04.09.2017, 16:47 Uhr

Kultur


Stadtführung

Obskures Wien




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Von Viktoria Klimpfinger

  • Wie Stadtführungen die österreichische Metropole auf alternative Weise entdecken und erkunden.

Wolfgang Horak begibt sich mit seinen beinahe echten Grenadieren auf Napoleons Spuren.

Wolfgang Horak begibt sich mit seinen beinahe echten Grenadieren auf Napoleons Spuren.© Secret Vienna Wolfgang Horak begibt sich mit seinen beinahe echten Grenadieren auf Napoleons Spuren.© Secret Vienna

Da lassen sich die Touristen in Scharen zum Stephansdom karren. Da schieben sich die Reisegruppen über den Graben. Da drehen den Urlaubern verkleidete Mozarts überteuerte Konzerttickets an. Die der Mercer-Studie zufolge lebenswerteste Stadt der Welt geizt wahrlich nicht mit ihren Reizen. Noch schöner könnte Wien laut Georg Kreisler nur noch ohne seine Einheimischen sein. Das ist dem Vorzeige-Wiener allerdings gehörig "blunz’n", ihm geht es ohnehin nicht um glattpolierte Barockengerln. Oder wie es Fabian F. mit seinem viral gewordenen Kommentar im "Standard"-Forum so treffend formulierte: "Ich lass’ mir mein Wien von keiner Studie der Welt schönreden!"

Kein Wunder also, dass die Hauptstädter ihre sonntäglichen Nachmittage nicht an die typischen Stadtführungen verschwenden. Obwohl große Touristengruppen zwar für die meisten eher willkommener Grund zum "Granteln" als zum beherzten Mitmachen sind, gibt es doch auch für die Wiener spannende Touren durch ihre liebevoll bemeckerte Heimatstadt - abseits der Trampelpfade. Anbieter wie "Secret Vienna" oder "space and place" machen sich den Trend der alternativen Stadterkundung mit ganz speziellen Themenführungen zu eigen. Dieser Grad an Ausgefallenheit schmeichelt natürlich der Wiener Seele, ist man hier doch vor allem eines: eigenwillig.


Neben all der Klischees zwischen Fiaker und Melange hat sich vor allem die hiesige Morbidität weltweit herumgesprochen. Kein Wunder, ist der Tod doch auch ein Wiener. Und wo könnte man sich dem Düsteren und Obskuren wohl auch besser an die Fersen heften als hier?

Gute alte Zeit
Naheliegend also, dass "Secret Vienna" neben anderen skurrilen Angeboten auch eine "The Dark Side Of Vienna"-Tour auf Lager hat. Neben aufschlussreichen Fakten über Franz Stephan von Lothringens Liebe zur Wissenschaft oder allerhand Wissenswertem über alchemistische Umtriebe erstaunen vor allem groteske Phänomene, wie das der Alraune: Seit je her ist die knollige Wurzel aufgrund ihres oftmals menschlich anmutenden Erscheinungsbildes Projektionsfläche blumiger Gerüchte.

Besonders Rudolf II. war bekannt für seinen Hang zum Okkulten. Angeblich besaß er eine ganze Alraunenschar, die angesichts des damals gängigen Mythos’ äußerst pflegeintensiv war: Damit die gebürtigen Waldbewohner ihre tödlichen Schreie nicht ausstießen, musste man sie baden, anziehen und regelrecht verhätscheln.

All der düstere "Hamur", den man mit den Wienern in Verbindung bringt, belegt vor allem eines: ihre Bockigkeit gegenüber dem Holzpyjama. Sollte tatsächlich einer der Weltmachtführer den roten Knopf drücken und die Apokalypse einleiten, schürzt man hier gelassen die Lippen zum Donauwalzer. Das wusste schon Gustav Mahler: "Wenn die Welt einmal untergehen sollte, ziehe ich nach Wien, denn dort passiert alles fünfzig Jahre später." Zwar würde den Hang zum Reaktionären heute natürlich jeder echauffiert bestreiten, aber insgeheim inszeniert sich die Bundeshauptstadt ab und an immer noch gerne als Habsburger-Metropole.

Nicht umsonst schwelgt die neueste "Secret Vienna"-Tour in nostalgischen Erinnerungen an einstige Großmachtzeiten: Als k.k. Kommandant verkleidet führt Wolfgang Horak an jene Orte der Stadt, die bei den Besetzungen Wiens durch Napoleon 1805 und 1809 relevant waren - hinauf auf die Reste der Stadtmauer und hinunter in eines der Kellergeschoße, in denen sich die Wiener damals tagelang verstecken mussten. Besonderes Highlight ist dabei die Eskorte aus authentisch ausgestatteten Grenadieren des dritten Regiments von Erzherzog Karl. Sie und die schrulligen Anekdoten, erzählt von dem überzeugend verkleideten und noch überzeugender in seine Rolle geschlüpften Tourguide, drehen eifrig das Rad der Geschichte zurück: Kaiser Franz II. soll sich beispielsweise bevorzugt flapsig und im breiten Wiener Dialekt geäußert haben. So auch, als Napoleon sich 1809 wieder über Wien hermachte und er sich mit den Worten "Es is’ ma wuascht" nach Baden zurückzog. Und dort jubelten ihm seine Untertanen einst stundenlang zu, bis er schließlich hinter dem Vorhang hervormurrte: "I bin eh scho’ da!" Ob diese verbalen Fettnäpfchen tatsächlich historisches Material sind oder Horak die Tour damit bloß süffiger gestalten will, tut hier kaum etwas zur Sache - Fakt ist: Es funktioniert.

Die schön-schiache Stadt
Ähnlich zeitreisend lässt auch eine Tour der Kulturorganisation "space and place" die guten und weniger guten alten Zeiten hochleben: Am 23. September und 14. Oktober erwachen zehn Statuen von Sisi bis Goethe in der Innenstadt zum Leben - quasi. Denn eigentlich werden verkleidete Tourguides neben ihnen stehen und ihnen ihre Stimme verleihen. Das Ganze soll an den brisanten Nationalratswahlkampf anknüpfen und danach fragen, wohin sich die österreichischen Machtverhältnisse von damals bis heute entwickelt haben.

Das rosarote Nostalgie-Monokel ist sonst aber eher nichts für Städtetour-Routinier Eugene Quinn, einer der Gründungsmitglieder von "space and place". Mit seiner über die Jahre zum Kult erhobenen "Vienna Ugly"-Führung konfrontiert er Wien mit seinen ästhetischen Fehlschlägen. Wer hübsche Parks und nette Kaffeehäuschen sehen will, den holt die Stadt hier mit einer "schiachen Visage" ganz schnell aus dem Zuckerwatte-Schloss.

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Stadtführung, Wien

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Dokument erstellt am 2017-09-04 16:51:09



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