• vom 05.09.2017, 16:23 Uhr

Kultur


Sachbuchkritik

Fangnetz gegen die Machtwillkür




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Von Oliver vom Hove

  • Judith Shklars "Liberalismus der Rechte" liegt nun auch auf Deutsch vor.

Wenn alle Stricke reißen, funktioniert in den USA noch immer der Rechtsstaat. Darauf weist die gegenwärtige Erfahrung mit der selbstherrlichen plutokratischen Trump-Präsidentschaft hin. Der "Liberalismus der Rechte", so stellte die Politikwissenschafterin Judith Shklar schon vor einem viertel Jahrhundert dar, beanspruche in den USA eine einzigartige, historisch gewachsene Bedeutung für die Festigung der seit ihrer Gründung unerschütterten Demokratie. In diesem Liberalismus seien Rechte "nicht mehr nur Akte der Befreiung, sondern die Freiheit selbst, denn sie stellen einen fortwährenden, endlosen gesellschaftlichen Prozess dar, eine politische Lebensweise".

Das Recht, so urteilte Shklar, wurde im Pionierland Amerika stets vom Bürger aus konzipiert, während sich in den meisten Staaten Europas mit ihren jahrhundertealten absolutistischen Traditionen das Recht nach dem Staat und seiner Autorität richtete. Von daher rührt nach Shklars Ansicht auch die ständig vorgebrachte amerikanische Forderung nach einem schwachen Staat: aus Furcht vor Einschränkungen der angestammten Rechte.


Herrschaft des Gesetzes
Einst hatte Shklar in ihrer erfahrungssatten Untersuchung zum "Liberalismus der Furcht" das Recht des Menschen auf Furchtlosigkeit, auf Freiheit von grausamen Übergriffen (vor allem des Staats) und der Furcht davor, als Basis der liberalen Tradition hervorgehoben. Das Werk, das auch die Dankbarkeit der einst als estnische Jüdin vor den Nazis geflohenen Autorin für ihre neue Heimat USA bezeugt, machte Epoche, vor allem in Amerika. Auf deutsch wurde es erst vor wenigen Jahren wahrgenommen.

"Es gibt nur eine einzige Gesinnung, die dem liberalen Geist eine charakteristische Kontinuität verleiht: die Überzeugung, dass menschliche Würde persönliche Gedanken- und Handlungsfreiheit verlangt." So heißt es in Judith Shklars jüngerem Band "Liberalismus der Rechte", der nun erstmals auf deutsch vorliegt. In vier Essays kontrastiert die Autorin den Liberalismus der Rechte mit den verschiedenen Auffassungen über die Herrschaft des Gesetzes.

Die Deutschen, die aus ihrer Geschichte gelernt haben, verfügen mittlerweile in Europa über das fortschrittlichste Verfassungsgesetz. Dessen erster Satz lautet: "Die Würde des Menschen ist unantastbar." Die rechtlichen Konsequenzen daraus entsprechen klar der geistigen Hinterlassenschaft der 1992 im Alter von nur 63 Jahren verstorbenen Judith Shklar.

sachbuch

Der Liberalismus der Rechte

Judith N. Shklar, Matthes & Seitz 203 Seiten, 16 Euro




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Dokument erstellt am 2017-09-05 16:27:07



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