• vom 07.09.2017, 16:38 Uhr

Kultur

Update: 08.09.2017, 13:19 Uhr

Haus der Geschichte

Explainity in der Clusterstele




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Von Bernhard Baumgartner

  • In St. Pölten wird das "Haus der Geschichte" eröffnet. 2000 Objekte sollen Zusammenhänge erklären.

Im Gleichschritt in die Auslöschung. Sonderausstellung Erste Republik. - © apa/Roland Schlager

Im Gleichschritt in die Auslöschung. Sonderausstellung Erste Republik. © apa/Roland Schlager

Wachturm: Eiserner Vorhang und original "Fluchtflieger" aus 1988.

Wachturm: Eiserner Vorhang und original "Fluchtflieger" aus 1988. Wachturm: Eiserner Vorhang und original "Fluchtflieger" aus 1988.

St. Pölten. Noch stehen Leitern, Kübel und Abdichtmasse auf den 3000 Quadratmetern im St. Pöltner Museum Niederösterreich herum. Es wird gepinselt, beklebt und installiert. Die Videos wollen nicht so richtig und der Beamer macht auch noch, was er will. Aber am Samstag, wenn Niederösterreich seine Version des "Haus der Geschichte" der Öffentlichkeit vorstellen will, "sind wir fertig – ganz sicher", verspricht der Historiker Stefan Karner bei einem ersten Rundgang. Der wissenschaftliche Leiter des Projekts hat 2014 die beachtliche Zahl von 92 Wissenschaftlern um sich geschart, um das "Haus der Geschichte" (mit Schwerpunkt 1848 bis 1948) auf eine möglichst breite Basis zu stellen. Aus fast tausend Seiten konzeptiver Ideen wurden nun elf Schwerpunkte ("Cluster" genannt) umgesetzt. Resultat: Eine Dauerausstellung, die die Zeit von vor 4000 Jahren bis heute abdeckt, und eine Sonderausstellung zum Thema Erste Republik ("Die umkämpfte Republik. Österreich 1918 – 1938"), die zwei Jahre lang als Beitrag zu den Jubiläumsfeiern "100 Jahre Republik" im Jahr 2018 zu sehen sein wird.

Wie es dazu kam, dass es nun zwei Häuser der Geschichte gibt – eines in St. Pölten und das geplante in der Wiener Hofburg –, ist aus Besuchersicht nicht ganz schlüssig. Das niederösterreichische Projekt wurde im Frühjahr 2014 beschlossen, als kaum mehr jemand damit rechnete, dass sich in Wien in Sachen "Haus der Geschichte" noch etwas tut. Fast zeitgleich kristallisierte sich in Wien die Lösung mit dem Standort Hofburg heraus – wenngleich man bei dem Wiener Projekt unter der Leitung der nach einem Juryverfahren ausgewählten Museumsexpertin Monika Sommer noch nicht so weit ist. Das Haus wird, laut dem ehrenamtlichen Vorsitzenden des Beirates, Oliver Rathkolb, am 12. November 2018 – und somit rechtzeitig zu den Feierlichkeiten der Republik – eröffnet werden.

Das "Haus der Geschichte" in St. Pölten will Stefan Karner jedoch keinesfalls als "Gegenausstellung" verstanden wissen. Er verweist auf personelle Überschneidungen und einen inhaltlichen Austausch, der jedoch nur in der Anfangsphase funktioniert habe: "Das ist ja kein Kampf. Es wird immer wieder Ausstellungen zum selben Thema geben." Die Zuschauer könnten dann hier und dort hingehen: "Das ist doch gut", meint Karner.

Flucht nichts Neues

Tatsächlich hat man sich bemüht, in St. Pölten einen möglichst modernen Weg der Vermittlung zu gehen. Kaum ein Raum, wo keine Displays laufen und "Hands on"-Aktivitäten betrieben werden. Überhaupt werden recht viele englische Begriffe bemüht, etwa wenn "explainity Videos" an den "Clusterstelen" in die Schwerpunkte einführen sollen. Dieses "modulare Konzept" mit elf Clustern mache die Ausstellung auch leicht für neue Themen adaptierbar, da austauschbar. Ein Schwerpunkt widmet sich etwa dem Thema Flucht und zeigt auf, dass Fluchtbewegungen durch Österreich nichts Neues sind. So findet sich etwa ein Kinderwagen aus der Zeit der Sudetenvertreibungen 1945 gleich neben einem Kinderwagen, der 2015 von syrischen Flüchtlingen benutzt wurde.

Tödliche Schüsse

In der Sonderausstellung zur Ersten Republik zeigt man etwa ein Original-Gewehr, mit dem in Schattendorf tödliche Schüsse zwischen Schutzbund und Frontkämpfervereinigung abgegeben wurden. Das Scharmützel forderte auf Schutzbund-Seite zwei Tote. Der Freispruch für die Angeklagten löste die Juli-Revolte und den Brand des Justizpalastes aus – ein halb verbrannter Foliant aus dem Justizpalast ist ebenso in der Ausstellung zu sehen. Eine SS-Uniform neben Häftlingskleidung aus einem KZ und ein Video vom Brand einer Synagoge während der Novemberpogrome bilden den Abschluss der Sonderausstellung.

2000 Objekte hat man in der sehr ambitionierten, hypermodernen und durchaus dichten Ausstellung zusammengetragen. Die stummen Zeitzeugen der an Grausamkeit und Horror reichen Geschichte der vergangenen 150 Jahre hinterlassen mitunter eine gedrückte Stimmung. Wohl nicht unbeabsichtigt, wie Karner in Hinblick auf junge Besucher meint: "Wenn wir es nicht schaffen, jungen Menschen zu zeigen, dass es sich nicht auszahlt, den Rattenfängern auf den Leim zu gehen, haben wir etwas falsch gemacht."





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-09-07 16:42:12
Letzte ─nderung am 2017-09-08 13:19:13



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