• vom 09.09.2017, 09:00 Uhr

Kultur


Gesellschaft

Neulich, im Körper-Tempel




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Von Judith Belfkih

  • Paradigmenwechsel: Körperkult und Fitness-Faktor rücken nach und nach an den Platz von Tradition und Kultur.

Der Körperkult ist freilich keine Erfindung der Moderne - mens sana in corpore sano, das wusste man schon vor 2000 Jahren. - © fotolia/Drobot Dean

Der Körperkult ist freilich keine Erfindung der Moderne - mens sana in corpore sano, das wusste man schon vor 2000 Jahren. © fotolia/Drobot Dean

Wien. Mit Stuck verzierte Doppelkasten-Fenster schmücken die Fassade, im Inneren dominiert eine elegante Treppe den großzügigen Raum. Ein klassisches Gründerzeithaus in der Wiener Mariahilfer Straße. Über Jahrzehnte beherbergte das elegante Eckhaus in bester Einkaufslage ein dreigeschoßiges Warenhaus, seit 1886 spezialisiert auf Tisch- und Esskultur. Tradition, exquisites Kunsthandwerk und das bürgerliche Streben nach Status prägten das Haus. Wer auf sich hielt, ließ hier seine Hochzeitsliste auflegen, kaufte das Familienporzellan für die Enkelkinder ein. Seit Jänner 2014 steht das Haus leer, es hätte sich nicht mehr rentiert, so der Betreiber, der sich in die Wiener Peripherie zurückgezogen hat. Die Verkehrsberuhigung der Einkaufsstraße hätte das schon länger im Raum stehende Ende schließlich besiegelt.

Diesen Herbst steht das Haus Ecke Kollergerngasse - nach Jahren des viel diskutierten Lehrstandes - vor seiner Wiedereröffnung. Ein großer Sportartikelhersteller will hier einen sogenannten Flagship-Store errichten. Auch ein Fitnessstudio soll demnächst einziehen, wie die Werbung auf der Fassade laut schreiend preisgibt. Im Erdgeschoß hat bereits eine Bademoden- und Unterwäscheboutique geöffnet. Es wächst hier also ein ganzheitlicher Körpertempel heran. Im richtigen Outfit den Körper stählen, um für die dann wieder Bikini-tauglichen Formen eben diesen dann auch gleich erwerben zu können. Drei Stockwerke ungehemmter Konsum- und vor allem Körperkult. An Effizienz kaum noch zu überbieten.


Vom Musen- in den Körper-Tempel
Was man auch einfach mit dem Druck des freien Marktes argumentieren kann - natürlich kann sich ein internationaler Konzern die kolportierte Monatsmiete von 282.000 Euro eher leisten als ein heimischer Familienbetrieb - das lässt sich aber auch in Bezug auf seine soziologische, ja gesellschaftliche Relevanz befragen. Weder Wohnen oder Essen, noch Kunst - der Körper etabliert sich immer mehr zum Kultobjekt der ersten Wahl. Galt es früheren Generationen als schick und elitär, ein Musikvereinsabo zu besitzen oder im Förderverein einer Kulturinstitution zu sein, so sind an diese Stelle oft längst die Mitgliedschaft in einem erlesenen Fitnessstudio oder noblen Golfklub getreten. Auch in den Profilen für Vorstandsmitglieder zählt körperliche Fitness in Form von Iron-Man-Finisher-Urkunden heute längst mehr als subtil-kulturelle Fähigkeiten wie etwa Klavier Spielen oder Chorsingen.

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Schlagwörter

Gesellschaft, Fitness-Kultur

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Dokument erstellt am 2017-09-08 16:45:09



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