• vom 13.09.2017, 16:15 Uhr

Kultur

Update: 13.09.2017, 18:02 Uhr

50-Jahre-steirischer herbst

Schweinereien und Wohfühloasen




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Von Petra Paterno

  • Der steirische herbst feiert sein 50-Jahr-Jubiläum. Eine Annäherung an die Geschichte des Kunstfestivals in sechs Schlagwörtern.

... Hermann Nitsch sorgte für einen der größten Kunstskandale des steirischen herbst, ... - © steirischer herbst

... Hermann Nitsch sorgte für einen der größten Kunstskandale des steirischen herbst, ... © steirischer herbst

Glanzlichter des steirischen herbst: Festival-Plakate wurden von namhaften Künstlern gestaltet:

Glanzlichter des steirischen herbst: Festival-Plakate wurden von namhaften Künstlern gestaltet:© steirischer herbst Glanzlichter des steirischen herbst: Festival-Plakate wurden von namhaften Künstlern gestaltet:© steirischer herbst

"Schweinerei", schrieb anno 1981 ein ranghoher steirischer Kulturpolitiker in das Gästebuch der Grazer Hermann-Nitsch-Ausstellung. Heute, Donnerstag, lädt der steirische Landeshauptmann Hermann Schützenhöfer zu einem Festakt. Gefeiert wird das 50-Jahr-Jubiläum des steirischen herbstes. Das internationale Festival für zeitgenössische Kunst hat sich vom Schmuddelkind zum Liebkind der Politik entwickelt. Anlass, um einige Schlaglichter auf die Geschichte des Festivals zu werfen - ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Anfangsjahre, glorreiche: Auf die unglaubliche Restauration der Nachkriegsjahre, das Zudecken und Verbürgerlichen von allem und jedem, folgte in den späten 1960er und 1970er Jahren eine kulturelle Aufbruchstimmung. Neue Initiativen, Vereine, Projekte wurden gegründet - und 1968 rief der ÖVP-Kulturpolitiker Hanns Koren den steirischen herbst ins Leben. Das Kunstfestival nahm eine Vorreiterrolle ein.

Information

Info: www.steirischerherbst.at
Karten: +43 316 81 60 70

Finanzen, geringe: Das steirische Festival gehört hierzulande zu den am bescheidensten ausgestatteten. Budgetvergleich 2017: Salzburger Festspiele: 61,7 Millionen Euro, Wiener Festwochen: 13 Millionen, steirischer herbst: 4,7 Millionen.

... oder von Arnulf Rainer, 1973 (links).

... oder von Arnulf Rainer, 1973 (links).© steirischer herbst ... oder von Arnulf Rainer, 1973 (links).© steirischer herbst

Grenzen, fließende: In den 1980er und 1990er Jahren experimentierten Avantgardekünstler gern mit genreübergreifenden Projekten. Gattungsgrenzen wurden hybrid, das neue Mantra der Kunstwelt lautete: Performance. Einem Mehrspartenfestival wie dem steirischen herbst kamen diese neuen Tendenzen gelegen. Vor allem durch die erprobte Zusammenarbeit mit Künstlern aus dem südosteuropäischen Raum konnte der herbst in jenen Jahren punkten. Mittlerweile ist der performative Crossover im Mainstream-Kunstbetrieb angekommen. Der steirische herbst hat es schwer wie nie, sich im internationalen Festivaldschungel zu behaupten.

Und hier eine Szene aus Wolfgang Bauers Stück "Gespenster". Bürgerschreck lass nach.

Und hier eine Szene aus Wolfgang Bauers Stück "Gespenster". Bürgerschreck lass nach.© steirischer herbst Und hier eine Szene aus Wolfgang Bauers Stück "Gespenster". Bürgerschreck lass nach.© steirischer herbst

Kampfzone, kulturelle: In den 1970er Jahren war Kultur hierzulande eine bevorzugte Kampfzone, in der politische Gesinnungen aufeinanderprallten. Auch der steirische herbst wurde zum Spielplatz der Erregungen. In den Anfangsjahren wurden etwa Festival-Plakate von Passanten beschmiert oder abgerissen. 1975 erregte dann die Wolfgang-Bauer-Aufführung "Gespenster" die Gemüter mit Nacktheit auf der Bühne. Bei Hermann Nitsch, einem weiteren Agent Provocateur jener Tage, geriet im Jahr 1981 die Ausstellungseröffnung zu "Projekt Prinzendorf. Entwürfe, Partituren, Bedingungen der Realisation" außer Kontrolle: Die Vernissage führte zu einer Schlägerei zwischen Gegnern und Befürwortern der Arbeit des Wiener Aktionskünstlers. In den darauffolgenden Tagen wurden Nitschs Werke entwendet, bekritzelt, zerstört. Eine Fuhre Mist wurde vor dem Kulturhaus Graz abgeladen. 1988 rief die Ausstellung im öffentlichen Raum "Bezugspunkte 38/88" heftige Reaktionen hervor. Der Künstler Hans Haacke rekonstruierte etwa ein ehemaliges NS-Monument. 1998 legte sich der deutsche Aktionskünstler Christoph Schlingensief mit seinem Bettlerprojekt "Chance 2000" mit dem Publikum an.

Musik, neue: Neue Tendenzen und Aufklärung machten den Beginn. Krzysztof Pendereckis Hexenverbrennungsknüller "Die Teufel von Loudun" stand neben den Antiopern Roman Haubenstock-Ramatis, "Daidalia" von Anestis Logothetis kontrastierte mit Ivan Eröds "Orpheus ex machina". Egon Wellesz nach-mahlersche Seelenerkundung waren zu hören und Friedrich Cerhas "Spiegel"-Klanglandschaften. Der steirische herbst war pluralistisch, ehe der Pluralismus die Devise aller war. Das wurde abgelöst von einer Nabelschau der Avantgarde. Dann doch wieder die Neue Einfachheit mit der alten Tonalität. Und schließlich Rock, Pop, Jazz und minimalistische Wohlfühloasen: Ist die intellektuelle Befragung ein Vorwand für den kulinarischen Genuss? Der Blick in den geöffneten Osten und die heimische Komponistenszene schließt aber auch an das aufklärerische Potenzial der Anfangsjahre an. Und bei aller Skepsis: Welche andere Veranstaltungsreihe macht die Tendenzen der Neuen Musik in ähnlich konzentrierter Form erfahrbar?

Theater, Nebenschauplatz: Der steirische herbst war und ist schwerpunktmäßig kein Theaterfestival, sondern explizit ein Mehrspartenereignis. Dennoch war das Spektrum des szenischen Angebots breit gefächert, reichte von Dieter Hallervorden (1968), bis zum italienischen Bilderstürmer Romeo Castellucci (2006). Dass zeitgenössische Dramatik an erster Stelle kam, versteht sich von selbst. Auch wenn das Sprechtheater zunehmend von Performance und Tanz an den Rand gedrängt wurde, kam es dennoch zu einigen spektakulären Ur- und Erstaufführungen heimischer Autoren wie Wolfgang Bauer, Peter Handke, Elfriede Jelinek, Ernst Jandl, Werner Schwab und Händl Klaus. Auch die erste große Thomas-Bernhard-Aufführung Österreichs fand in Graz statt: "Ein Fest für Boris", 1971. Die weitreichendste Uraufführung war wohl die posthume Premiere Ödön von Horvaths "Zur schönen Aussicht" (1969).

Höhepunkte 2017

Die dänische Choreografin Mette Ingvartsen eröffnet mit der Uraufführung von "to come (extended)" am 22. September den diesjährigen steirischen herbst, der bis 15. Oktober dauert. Neue Arbeiten von den heimischen Performern Simon Mayer und Florentina Holzinger sowie des chinesischen Multitalents Tianzhuo Chen sind auf den Grazer Bühnen zu erleben.

Die diesjährige herbst-Ausstellung "Prometheus Unbound" ist in der Neuen Galerie angesiedelt. In der von Luigi Fassi kuratierten Schau reflektieren Künstlerinnen und Künstler über den Urheber der Zivilisation. Im GrazMuseum wird in der Jubiläumsschau "Diese Wildnis hat Kultur - 50 x steirischer herbst" die Festivalgeschichte aufgerollt.

Die Großproduktion des diesjährigen Programms ist Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek gewidmet. Das New Yorker Theaterkollektiv Nature Theater of Oklahoma wagt ab 30. September eine öffentliche Verfilmung von Jelineks Roman "Die Kinder der Toten". Das Publikum wird Teil des Geschehens.

Die Bestandsaufnahme, die der steirische herbst zum 50-Jahr-Jubiläum vornimmt, spiegelt sich auch in drei Veröffentlichungen: Das Archiv des steirischen herbst ist ab sofort als Online-Datenbank zugänglich, das "herbstbuch 1968-2017" verhandelt die Geschichte des Festivals und "Where Are We Now?" versammelt Beiträge von 50 Kunst- und Theorieschaffenden, deren Arbeiten den steirischen herbst im vergangenen Jahrzehnt geprägt haben.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-09-13 16:12:20
Letzte nderung am 2017-09-13 18:02:30



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