• vom 16.09.2017, 08:00 Uhr

Kultur

Update: 16.09.2017, 08:31 Uhr

Hygge

Das dänische Glück




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Von Judith Belfkih

  • Hygge, die dänische Schwester der Gemütlichkeit, erweist sich als gar nicht so unproblematische Glücksformel.







Im Kamin knistert ein Feuer, auf dem Herd köchelt ein Eintopf. Die Freunde sind müde vom Wandern, sitzen in Wollsocken und kuscheligen Pullovern beisammen. Ab und an schlürft einer an seinem Punsch. Im Idealfall prasselt noch Regen auf die Fensterscheiben.

Hyggelig nennen die Dänen solche Momente. Das dahinterstehende Lebensgefühl Hygge erobert als Glücksformel jetzt auch den deutschsprachigen Raum. Gerade ist ein weiteres Buch über hyggeliges Wohnen erschienen, seit Sommer gibt es ein "Hygge"-Magazin. Auch beim Philosophicum Lech kommende Woche zum Thema "Mut zur Faulheit" wird die nordische Schwester der Gemütlichkeit mit einem Vortrag von Christoph Bartmann vertreten sein. Die "Wiener Zeitung" sprach mit dem Germanisten und Autor vorab über das nur vordergründig konfliktbefreite Miteinander, Zivilreligionen und Glühbirnenverordnungen.

Information

Christoph Bartmann
ist Germanist, Autor und Literaturkritiker. Er leitete das Goethe Institut in New York und seit 2016 jenes in Warschau.

"Wiener Zeitung": Kerzenschein, Feuer, Wollsocken, Punsch trinken: Ist Hygge die analoge Reaktion auf unsere überdigitalisierte Welt?

Christoph Bartmann: Es ist sicher ein Gegenentwurf zu unserem Lebensstil, auch wenn es viel älter ist. Hygge meint seit etwa 200 Jahren in Dänemark eine Art Alltagspraxis des Sich-Wohlfühlens, einen Lebensstil aus einfachen Mitteln. Dafür braucht man nicht einmal Requisiten. Das wird in Büchern und Magazinen zwar so dargestellt als ob man dafür sehr viel tun, sprich kaufen müsste, aber das ist nicht der Fall. Hygge ist die Herstellung einer Atmosphäre. In Dänemark zuerst einmal eine Frage der Lichtregie, der Kerzen, der richtigen Beleuchtung. Aber natürlich gibt es auch eine Polarität im Konzept der Hygge. Wie unsere Gemütlichkeit ist sie ein Phänomen, das sich am besten manifestiert, wenn es draußen dunkel ist und stürmt.

Dann ist also die EU-Glühbirnenverordnung das Hygge-Feindlichste, das man sich vorstellen kann?

Vielleicht ist die EU ja Auslöser dieses Hypes. (lacht) Aber es gibt schon lange eine dänische Wohnkultur, die mit einfachen Mitteln schafft, dass das Licht hyggelig ist. Das liegt Italienern oder Deutschen nicht so. Daher sind auch dänische Lampen so populär.

Wie würden Sie die Gemütlichkeit abgrenzen von Hygge?

Dieses, nennen wir es bajuwarische Phänomen der Gemütlichkeit, da gibt es sicher Überschneidungen. Das Gemütliche kann oft auch hyggelig sein. Der Unterschied ist, dass Hygge doch stärker den sozialen Zusammenhalt herbeiführt, also auch eine gesellschaftliche Normierung darstellt. Denn alle, die sich an diesem Hygge-Äquator versammeln, sind schon konfliktfrei gestellt. Es ist also auch ein Mittel zum sozialen Konsens. Dazu gehört dann auch singen, basteln, backen, die Fahne hissen. Alles, was bei uns schnell als spießig gilt, haftet der Hygge nicht an. Das ist die Kunst der Gemütlichkeit minus das Spießige.

Gibt es da bereits Gegenbewegungen gegen diese Uniformität?

Das gibt es natürlich. Dänemark ist ja nicht nur die Heimat von Hygge, sondern auch von Lars von Trier und der ganzen Nordic-Noir-Bewegung. Da wird filmisch ein ganz düsteres Bild von Dänemark gezeichnet. Aber auch in der Gesellschaft gibt es eine starke Gegenbewegung. Denn die Hygge wird stark als Instrument der Normierung der Gesellschaft gelesen. Gerade in Bezug auf die Migration tauchen da neue Fragen auf. Nimmt man Zuwanderer in die Hygge-Welt auf? Werden sie da auch willkommen geheißen? Hygge ist ja auch ein Ort, an dem sich eine Gemeinschaft selbst feiert, das hat auch etwas Ausgrenzendes und Abschottendes.

Wie zeigt sich diese Ausgrenzung?

Auch in Dänemark gibt es eine Leitkulturdebatte. Unter den zehn Werten, die jetzt für den inneren Zusammenhalt der Gesellschaft definiert wurden, findet sich auch Hygge. Die Anforderung an Zuwanderer ist natürlich, möglichst schnell mitzusingen, mitzulachen, mitzufeiern - sich also wie ein Däne zu verhalten. Die Bringschuld liegt alleine beim Zuwanderer. Dieses Konzept ist sicher kategorischer und unsensibler als in Österreich oder Deutschland.

Wir beklagen allerorts Werteverlust und den Verfall des Zusammenhaltes. Füllt Hygge da ein Vakuum?

Es ist sicher eine Art Zivilreligion, eine Form der Wellness-Technik - wie Mindfulness, Cocooning oder Homing. Alles Bewegungen die sagen: Ich lasse es mir richtig gut gehen und schäme mich nicht dafür. Bei der Hygge kommt noch dazu, dass sie suggeriert: Je hyggeliger ich es habe, desto besser für die Gesellschaft. Das ist ein geheimes Gesetz in der dänischen Gesellschaft. Darauf baut ja der Mythos von den Dänen als glücklichstes Volk der Welt: Sie sind wahnsinnig erfolgreich, obwohl sie relativ kurze Arbeitszeiten haben und schon mittags Bier trinken. Die Formel scheint zu lauten: Lerne Erfolg im Leben zu haben, ohne auf etwas verzichten zu müssen.

Ihr Vortrag in Lech trägt den Untertitel "Die Flucht auf das eigene Sofa". Ist Hygge auch Weltflucht?

Es hat sicher Züge davon, indem es tatsächlich die Abkehr von Stress und von negativen Gedanken programmiert. Es ist eine Entfernung von dieser gesellschaftlichen Mobilmachung. Es ist auch ein Ort der Konfliktfreiheit. "Wir hatten es hyggelig" meint auch: Wir haben nicht gestritten.


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Dokument erstellt am 2017-09-15 16:12:09
Letzte nderung am 2017-09-16 08:31:51



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