• vom 18.09.2017, 13:01 Uhr

Kultur

Update: 18.09.2017, 13:13 Uhr

Interview

"Ich glaube nicht mehr an Trends"




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Von Julia Wagner

  • "Vogue"-Chefin Christiane Arp über die neue Rolle von Luxus und warum man nicht zu allem eine Meinung haben muss.

"Die Medienbranche befindet sich in einer revolutionären Phase", sagt Christiane Arp. - © APAweb / dpa, Jens Kalaene

"Die Medienbranche befindet sich in einer revolutionären Phase", sagt Christiane Arp. © APAweb / dpa, Jens Kalaene

Berlin. Mode arbeitet heute mit Reizüberflutung und fast wöchentlichen neuen Kollektionen. Dass diese Entwicklung aber auch Chancen birgt, weiß Christiane Arp, seit 14 Jahren Chefredakteurin der deutschen "Vogue".

"Wiener Zeitung": Ist Mode politischer geworden?

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Christiane Arp, 1961 geboren, ist seit 2003 Chefredakteurin der deutschen "Vogue". Das international verbreitete Modemagazin aus dem Verlag Condé Nast, 1892 erstmals erschienen, gilt als eines der einflussreichsten Branchen-Periodika.

Christiane Arp: Für mein Dafürhalten, ja. Designer können nicht mehr in ihrem Elfenbeinturm bleiben. Sie stehen heute auch mehr im Dialog mit ihren Konsumenten - direkt via Social Media. Es gibt eine vielfältigere Einflussnahme von der Gesellschaft auf Design, aber auch umgekehrt. Ich finde aber nicht, dass jeder Designer seine politische Haltung auf dem Laufsteg zeigen muss. Es muss ja auch glaubwürdig sein. Sich ein T-Shirt anzuziehen, auf dem irgendein Spruch steht, ist in manchen Fällen einfach nur ein modisches Signal.

Ein T-Shirt, wie zum Beispiel jenes, das Maria Grazia Chiuri für Dior entwarf und auf dem "We all should be feminists" stand, hat also keine politische Bedeutung?

Dieses T-Shirt wurde kreiert zu einem Zeitpunkt, als es die Pink-Pussy-Bewegung so eigentlich noch nicht gab. Die Wahl von Trump fand am 8. November statt, Maria Grazia hat dieses Shirt aber bereits Ende September auf den Laufsteg gebracht. Sie war die erste Frau, die mit Dior den Designjob eines großen Couture-Hauses übernommen hat. Es war also ihr Statement. Dass dieses dann anders benutzt wurde, war vermutlich gar nicht ihre Intention.

Feminismus-Themen sind auch in der Mode angekommen. Und ausgerechnet jetzt wird ein Mann Chef der britischen "Vogue". Ist das das richtige Zeichen?

Können nur Frauen Feministen sein? Das fände ich relativ klein gedacht. Wenn Edward Enninful die geeignetste Person zu diesem Zeitpunkt war, dann sollten wir als "Vogue" ohne Grenzen denken. Das ist unsere Haltung und das ist das, was wir propagieren. Es ist falsch verstandener Feminismus, zu denken, es muss eine Frau sein. Es muss die Person sein, die den besten Job macht.

Worin liegt die Chance heute für junge Modedesigner? Sie können mit den großen Modehäusern und der gängigen Massenproduktionen ja nicht mithalten.

Ihre große Chance ist die Nische. Für jüngere Menschen ist Luxus komplett anders besetzt, da geht es zum Beispiel auch um Nachhaltigkeit. Da geht es nicht darum, zehn Taschen zu haben, sondern die eine, und von der will ich wissen, woher sie kommt und wer sie gemacht hat und wer das Leder gegerbt hat, also auch echtes Handwerk.

Genau diese jungen Leute werden aber zusehends konsummüde, das meinte auch kürzlich Trendforscherin Li Edelkoort. Wie geht man damit als Modemagazin um, das ja mit ständig neuen Trends zum Kaufen anregen will?

Ich glaube nicht mehr an Trends. Sie sind so schnelllebig, dass sie, wenn sie erscheinen, auch schon wieder weg sind. Ich glaube aber an Stil. Uns geht es also nicht darum, Trends abzubilden. Wir wollen kuratieren, überraschen und auch zum Träumen anregen. Bei dieser Flut an Bildern, die jeden Tag auf uns alle einprasseln, gibt es ja nicht wirklich eine Bewertung oder Gewichtung, sondern erst einmal nur den schnellen Konsum der Bilder. Ich sehe heute vielmehr unsere Aufgabe darin, einzuordnen.

Mit welchen Themen holt man heute die Generation Social Media ab, die eine relativ kurze Aufmerksamkeitsspanne hat und außerdem schon alle Trends in Echtzeit von Instagram kennt?

Ich habe in einer Studie gelesen, dass wir drei Stunden unseres Tages auf Social Media oder mit E-Mails verbringen. Alle 18 Minuten unterbrechen Sie also, was Sie gerade tun, um eines davon zu checken. Und trotzdem bin ich überzeugt, dass man immer noch fesseln kann. Das funktioniert hauptsächlich über Emotion. Nur, wenn Sie etwas emotional erreicht, bleiben Sie daran hängen. Im positiven wie auch im negativen Sinn.

Lifestylejournalismus funktioniert heute bedauerlicherweise ganz stark nach dem Prinzip, dass man mit dem Finger auf andere zeigt. Viele setzen auf #bodyshaming und Ähnliches. Nur in "Vogue" findet eigentlich keine Kritik statt . . .

Das eigentlich können Sie streichen. Wenn etwas bei uns im Heft nicht vorkommt, mögen wir es sehr wahrscheinlich nicht. Die Selektion ist unsere Form der Bewertung. Wir kosten sieben Euro und sind ein Magazin für den Coffee Table. Viele Dinge, die sie heute aufregen, sind in einer Woche überhaupt nicht mehr relevant. Warum sollten wir dazu irgendeine Meinung haben? Viel spannender sind doch Geschichten, die unsere Haltung transportieren.

Was macht diese Haltung aus?

Wir wollen, dass es keine Grenzen im Kopf gibt, Hautfarbe oder Gender keine Rolle spielen. Dazu haben wir eine ganz klare Aussage und das wollen wir auch bis zur Penetration betreiben, weil es wichtiger ist denn je.

Viele etablierte Medien werden mit ihren Website-Inhalten immer austauschbarer. Plötzlich berichten alle über Einhorn-Trends oder Rainbow-Hair, als wäre es das Wichtigste auf der Welt. Will man Frauen für dumm verkaufen?

Viele Leser konsumieren Medien nur zum Zeitvertreib auf der Oberfläche, was auch völlig legitim ist. Vielleicht wollen sie nur schnell einen Überblick haben. Aber ich bin auch bei Ihnen, dass ich manchmal Dinge lese, von denen ich mich einfach nicht angesprochen fühle.

Die Verlage probieren derzeit online vieles aus, um zu sehen, was bei den Nutzern ankommt. Die Spielregeln unserer Branche werden fast jede Woche neu definiert. Bei vielen Medienmarken geht es gerade darum, seinen digitalen Platz zu finden. Solange man einen Lernprozess erkennt, finde ich es legitim, auszuprobieren. Und es gibt aktuell in der Medienbranche auch niemanden, der Ihnen heute die Fragen von morgen final beantworten kann, weil wir gerade in dieser revolutionären Zeit sind. Und das ist auf der anderen Seite auch unglaublich spannend.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-09-18 13:02:53
Letzte ─nderung am 2017-09-18 13:13:57



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