• vom 19.09.2017, 15:44 Uhr

Kultur

Update: 19.09.2017, 16:05 Uhr

Sachbuchkritik

"Ihr seid doch alle Terroristen!"




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Von Heiner Boberski

  • Werke über das Geburtsjahr der Reformation, Martin Luther und sein Erbe beherrschen den Buchmarkt.

Welches Bild Martin Luthers zeichnet sich ab? - Das eines Reformers oder das eines fundamentalistischen Eiferers, der zu Gewalt gegen Juden aufrief?

Welches Bild Martin Luthers zeichnet sich ab? - Das eines Reformers oder das eines fundamentalistischen Eiferers, der zu Gewalt gegen Juden aufrief?© Sebastian Kahnert/dpa/afp Welches Bild Martin Luthers zeichnet sich ab? - Das eines Reformers oder das eines fundamentalistischen Eiferers, der zu Gewalt gegen Juden aufrief?© Sebastian Kahnert/dpa/afp

"Ihr Pfarrerskinder seid doch alle Terroristen!" Der Autor Georg Diez, vom Kultur-Chef des deutschen Magazins "Der Spiegel" so angesprochen, schreibt dazu: "Ich verstand die Härte, die in seinen Worten steckte. Ich fühlte mich erkannt." In seinem Buch "Martin Luther, mein Vater und ich" arbeitet Diez in sehr persönlicher Form seine Beziehung zu seinem Vater, einem evangelischen Pastor, und zum großen deutschen Reformator Luther auf. Er liefert damit einen vom Mainstream - jenen Werken, die als echte Sachbücher zu bezeichnen sind - abweichenden Beitrag zum Thema 500 Jahre Reformation, das heuer in besonderer Weise den Buchmarkt beherrscht.

In langen, viele Gedankensprünge enthaltenden, aber doch von einem Leitthema geprägten Kapiteln setzt sich Diez mit dem Glauben im Allgemeinen und dem Christentum in lutherischer Prägung im Besonderen auseinander und bekennt sich als Kind der Aufklärung ohne Religion: "Ich fühle mich frei ohne diesen Glauben. Aber etwas von diesem Glauben ist mir geblieben, etwas, das ein Teil von diesem Glauben ist, ob das die Gläubigen merken oder nicht. Es ist die Wut, die Luther kannte und die ihn antrieb, die Jesus kannte, die Wut, die in der Bibel steckt..."

Information

Sachbücher:

Kirche, Kunst und Kanzel. Luther und die Folgen der Reformation

Rolf Bothe

Böhlau, 280 Seiten, 36 Euro

Martin Luther, mein Vater
und ich


Georg Diez

C. Bertelsmann Verlag,

256 Seiten, 18,50 Euro

1517. Weltgeschichte eines Jahres

Heinz Schilling

C.H. Beck, 364 Seiten, 25,70 Euro

Luther. Der Zorn Gottes

Heimo Schwilk

Blessing Verlag, 464 Seiten,

25,70 Euro

Im Hader mit der Welt

Mit dieser menschlichen Wut, die er vom "Zorn Gottes" unterscheidet, verbindet Diez ein "Hadern mit der Welt, wie sie ist", diese Wut könne sich "in einem Sinn für Gerechtigkeit zeigen oder in einem Streben nach Gehorsam", von ihr seien die deutschen Pfarrerskinder geprägt. Ohne dass Diez hier Namen nennt, denkt man an so unterschiedliche Persönlichkeiten wie den Philosophen Friedrich Nietzsche, die RAF-Terroristin Gudrun Ensslin oder die deutsche Kanzlerin Angela Merkel. Diez warnt vor einer Überbewertung Luthers und vor falschen Vorstellungen von ihm. Er sei kein aufgeklärter Theologe, sondern in vielem "fundamentalistischer als seine katholischen und schließlich auch seine protestantischen Gegner" gewesen.

Auch für Heimo Schwilk, den Autor der sehr empfehlenswerten neuen Biografie "Luther - der Zorn Gottes", ist Luther "kein Wegbereiter der Moderne", kein "Anwalt der Autonomie des Einzelnen", sondern vielmehr getrieben vom "Furor des Gottsuchers". Für den noch mittelalterlich denkenden Luther sei der ",Zorn Gottes‘ über den sündhaften, von ihm abgefallenen Menschen eine unumstößliche Realität" gewesen. Diesen Abfall habe Luther auch besonders den Juden vorgeworfen, gegen die er am Ende seines Lebens in unerträglicher und sein Lebenswerk überschattender Form zu Gewaltmaßnahmen aufgerufen hat.

Eroberer und Genies

Der Berliner Historiker Heinz Schilling, der bereits 2012 eine viel gerühmte Luther-Biografie veröffentlicht hat, nimmt in seinem Buch "1517" das Jahr, in dem die Reformation begann, umfassend in den Blick. Er schaut nicht nur ausführlich nach Rom und Wittenberg, sondern unter anderem auch zu den spanischen Eroberern in Mittelamerika, in die Fürstentümer Italiens, nach China, Moskau und in den Vorderen Orient. Wer denkt heute noch daran, dass die Portugiesen 1517 Dschidda, den wichtigsten Handelsplatz der Arabischen Halbinsel und das Tor zu den heiligen Stätten der Muslime, beinahe erobert hätten, zugleich aber die Osmanen durch die Einnahme von Kairo die politische und militärische Hegemonie in der muslimischen Welt errangen? Schilling erinnert aber auch an damals lebende geniale Menschen wie Albrecht Dürer oder Nikolaus Kopernikus.

Wer das frühe 16. Jahrhundert verstehen will, landet bei Schilling in einer Fundgrube unzähliger, lebendig aufbereiteter Informationen.

Lange Zeit hat man sich wenig mit der Entwicklung des Kirchenraums in den wichtigsten Gebieten der Reformation befasst. Rolf Bothes kunsthistorisch und auch liturgiegeschichtlich interessantes Werk "Kirche, Kunst und Kanzel" nimmt die protestantischen Kirchen in Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt in den Blick, aber auch in angrenzenden Gebieten.

Kanzel und Musik

Bothe geht besonders der Gestaltung von Innenräumen nach. Vor allem interessiert ihn die Verbindung von Kanzel und Altar (typisch für evangelische Kirchen ist der Kanzelaltar) sowie die Rolle des Wortes (vor allem der Predigt des Evangeliums) und der Musik (wohl nicht zufällig waren die großen Komponisten Johann Sebastian Bach, Georg Friedrich Händel und Heinrich Schütz Lutheraner und stammten alle aus Mitteldeutschland) in evangelischen Gemeinden. Protestantische Kirchen gelten als nüchtern und schmucklos, doch etliche davon - wie etwa die Celler Schlosskapelle oder die Dresdner Frauenkirche - können sich durchaus mit den prachtvollsten katholischen Gotteshäusern messen.





Schlagwörter

Sachbuchkritik, Martin Luther

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-09-19 15:48:07
Letzte ─nderung am 2017-09-19 16:05:55



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