• vom 19.09.2017, 15:43 Uhr

Kultur

Update: 19.09.2017, 16:05 Uhr

Sachbuch

Über Gott und die Welt




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Von Wolfgang Taus

  • Aktuelle Positionen zum Glauben aus zwei Blickwinkeln beleuchtet - der Philosoph Peter Sloterdijk und der Theologe Florian Sobetzko.

Wenn das Christentum seine Komfortzone verlässt: etwa in der Betreuung eines syrischen Flüchtlings.

Wenn das Christentum seine Komfortzone verlässt: etwa in der Betreuung eines syrischen Flüchtlings.© apa/Helmut Fohringer Wenn das Christentum seine Komfortzone verlässt: etwa in der Betreuung eines syrischen Flüchtlings.© apa/Helmut Fohringer

Die Zivilisationsdämmerung beginnt laut Sloterdijk in dem Augenblick, in dem die Bewohner der großen kulturellen Gehäuse von der Ahnung erfasst werden, dass selbst die festesten menschlichen Systeme der Gegenwart nicht für die Ewigkeit errichtet sind. Sie unterliegen einer Zerbrechlichkeit, die man auch die "Geschichtlichkeit" nennt. Geschichtlichkeit bedeutet für die Zivilisationen, was für die Einzelnen die Sterblichkeit ist. In der Philosophie des 20. Jahrhunderts hat man dies hinsichtlich der Individuen das "Sein­zum­Tode" genannt. Bei Kulturen heißt das "historisches Bewusstsein".

Aus göttlicher Sicht bedeutet Geschichte nichts anderes als das Verfahren, das "Noch­nicht­Gewesene" ins Gewesene zu überführen. Erst wenn alles Sein ins "Gewesensein" eingegangen sein wird, ist der "allwissende Gott" der metaphysischen Klassik am Ziel. Am wirklichen Ende der Geschichte gibt es weder etwas zu erschaffen noch zu erhalten. Der "End­
Gott" hüllt sich in den Mantel der Allwissenheit. Gott überblickt das Universum in seiner Gesamtheit. Durch alles, was der Fall war, sieht er gelassen hindurch.

Information

Sachbücher:

Nach Gott

Peter Sloterdijk

Suhrkamp, 364 Seiten

28,80 Euro

Stille Wörtchen - Von Null auf Gott in 90 Sekunden

Florian Sobetzko

Herder, 144 Seiten, 12,40 Euro

Aufdeckung vom Ende her

Den Moment des Durchblicks nennt die alteuropäische Überlieferung "Apokalypse". Das meint im strengen Sinn: Aufdeckung aller Dinge vom Ende her. Ist alles fertig, wird alles transparent. In der Moderne am Treffpunkt von Wille und Vorstellung formt sich die Welt als Projekt und Unternehmen. Nicht Händler und Seefahrer sind für die Reform der Welt zum Ensemble von Entwürfen verantwortlich, sondern Denker, die die metaphysische Paralyse der Zukunft aufhoben. In der globalisierten, verökonomisierten, mathematisierten Welt tritt Gott als oberster Weltenlenker zunehmend in den Hintergrund. Nietzsches Satz "Gott ist tot" steht spätestens seit Ende des 19. Jahrhunderts wirkungsmächtig ans Firmament geschrieben. Gott wurde so immer mehr zur "höchsten Quelle von Versicherungsschutz". Sloterdijk analysiert in seinem hochinteressanten Buch die Auswirkungen von Nietzsches Satz auf die politischen, soziokulturellen, wissenschaftlich-technischen Entwicklungen unserer Zeit. Doch auch Allah könne seine vorgeblich weiterhin virulente Allmacht ausschließlich durch den Willen zur Auslöschung verworfener Geschöpfe unter Beweis stellen lassen, schreibt Sloterdijk. Im Sinne von William James versucht Sloterdijk, den Weg durch das "Dickicht der Unwägbarkeiten" zu ebnen, indem er den Pfad einer einfühlsamen Metareligiosität auszuleuchten versucht.

Glauben außerhalb der Kirche

"Von Null auf Gott in 90 Sekunden" - das ist das Erfolgsrezept Florian Sobetzkos. Immer wieder aufs Neue versteht er es, christliche Grundgedanken im Alltag in einer Mischung aus Beobachtungen, die mit Quergedanken zu Gott, Glaube und Welt verbunden sind, dem meist jungen Publikum im Radio schmackhaft zu machen und zum Nachdenken anzuregen. Das gelingt ihm auch in diesem schmalen Band, wo er keineswegs anbiedernd "menschenfischelnd", aber wortgewaltig-unterhaltsam "außerhalb der gewohnten Komfortzone" der Kirche christliche Werte vermittelt, ohne sich dabei nicht selbst auf die Schaufel zu nehmen. Glauben geht immer, auf der Suche nach einem Parkplatz, beim Taxifahren, an der Supermarktkassa oder am stillen Örtchen. Es handelt von den kleinen und großen Fragen des Lebens - wo auch immer.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-09-19 15:48:10
Letzte nderung am 2017-09-19 16:05:06



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