• vom 19.09.2017, 16:31 Uhr

Kultur

Update: 19.09.2017, 16:51 Uhr

Gesellschaft

Vom Nutzen und Nachteil der Arbeit




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Von Judith Belfkih

  • Die Zukunft der Arbeit ist eine der brennendsten gesellschaftlichen Fragen unserer Gegenwart.

Aus einigen Bereichen der Arbeitswelt hat sich der Mensch bereits erfolgreich wegrationalisiert. - © fotolia/phonlamaiphoto

Aus einigen Bereichen der Arbeitswelt hat sich der Mensch bereits erfolgreich wegrationalisiert. © fotolia/phonlamaiphoto

Unbemannte Frachtschiffe, Drohnen als Paketzusteller, selbstfahrende Autos - die Zukunft der Arbeit ist digital und vollautomatisch. Konzerne und auch Staaten stecken endsprechend viel Geld in die Automatisierung und Digitalisierung von Arbeitsabläufen. Effizienz und technischen Fortschritt nennen sie die Ergebnisse. Auf menschliche Arbeitskraft kann dabei zunehmend verzichtet werden, die Maschinen übernehmen. Und das zwar nicht erst seit gestern, dafür jedoch immer rasanter.

Auf der anderen Seite stöhnt die Gesellschaft unter Arbeitslosigkeit, schreiben sich Politiker neben der Streichung auch die Schaffung von neuen Arbeitsplätzen auf die populistischen Fahnen. Das Wirtschaftswachstum wird angekurbelt, die Lohnnebenkosten werden gesenkt. Das Wirtschaftwunder ist längst vorbei, der Arbeitsmarkt braucht etwas Hilfe. Arbeit wird einerseits in Verschlankungsprozessen wegrationalisiert oder an Maschinen ausgelagert und wird so zur scheinbaren Mangelware - zumindest jenseits von Computerprogrammierern und Maschinenbauern. Auf der anderen Seite steht die intensive Suche nach neuer Arbeit. Menschen wollen schließlich auch im 21. Jahrhundert ihr Leben finanzieren und ihrem Sein Struktur, vielleicht sogar Sinn verleihen. Auch die digitale Revolution scheint ihre Kinder zu fressen.


Der Bereich der Arbeit befindet sich mitten in einer der gravierendesten Veränderungen seit der Industriellen Revolution. Nur eines ist dabei sicher: Arbeit wird in 50 Jahren nicht mehr das sein, was es heute ist. Die Veränderungen sind unaufhaltsam und rasant. Zu rasant jedenfalls, um sie mithilfe von vorausschauenden Konzepten ohne zu große (soziale) Kollateralschäden bewältigen zu können. Die politisch verantwortliche Klasse verschärft den Spagat noch, versucht, die mit der Digitalisierung und dem damit verbundenen Effizienzdenken davonschwimmenden Felle festzuhalten, und erhöht gleichzeitig die Fließgeschwindigkeit mit der Investition in neue Technologien.

Die Tücken der Leistungsgesellschaft
Als weitere Rädchen der Veränderung kommen neben der Digitalisierung noch die vermeintlicher Errungenschaften des Neoliberalismus. Die wachsende Zahl an Teilzeitverträgen und Scheinselbstständigkeiten erhöht den Druck auf dem Arbeitsmarkt und auf den Einzelnen. Einen Job zu haben, bedeutet dabei aber auch immer öfter, nicht davon leben zu können. Löhne steigen längst nicht so schnell wie etwa Mieten oder die Kosten für Nahrungsmittel. So kommt es nicht selten zu Konstruktionen von mehreren Minijobs, die viel Lebenszeit kosten und kaum Sicherheiten bieten. Dass es meist Mütter und somit Frauen sind, die in diesen armutsgefährdeten Arbeitssituationen landen, dreht die Spirale nur auf die nächste Generation weiter.

Dazu kommt - unter dem Schlagwort "Wos woar mei Leistung?" - eine sich längst verselbstständigt habende Relation von Leistung und Lohn. Ehrliche Arbeit, vielleicht sogar mit sozialem Nutzen, so scheint es, wird in der sogenannten Leistungsgesellschaft längst nicht im gleichen Maße finanziell und gesellschaftlich entlohnt wie etwa Spekulation, Korruption oder Freunderlwirtschaft. Ein Umdenken in diesem Punkt - etwa Managerboni zu deckeln, für mehr Transparenz bei Löhnen und öffentlichen Ausgaben zu sorgen oder Pädagogen deutlich besser zu bezahlen - wird zwar regelmäßig diskutiert, bleibt aber meist folgenlos. Was also bleibt, ist für viele das Jammern oder die Resignation.

"Nur die Veränderungen zu beklagen, kann nicht der Weisheit letzter Schluss sein", erläutert Konrad Paul Liessmann seinen Entschluss, beim Philosophicum in Lech heuer mit "Der Mut zur Faulheit" die Zukunft der Arbeit zu beleuchten. Geschehen soll das über eine kritische Auseinandersetzung des bürgerlichen Arbeitsbegriffes - vor allem über die Gegenbegriffe dazu. Denn auch am Stellenwert von Faulheit oder Müßiggang - entweder als Tugend oder Laster - lässt sich die Haltung einer Gesellschaft zum Thema Arbeit ablesen.

Vom notwendigen Übel zur Selbstverwirklichung
Denn zu den äußeren gesellschaftlichen wie technologischen Veränderungen kommt auch ein kontrastreicher innere Wandel des Arbeitsbegriffes: Von der Antike, in der Arbeit als lästige Notwendigkeit galt, bis hin zum Anspruch der beglückenden Selbstverwirklichung durch Arbeit. Arbeit muss - zumindest für all jene, die es sich leisten können- heute weit mehr sein, als einfach den Lebensunterhalt zu sichern.

Nahrung unter Einsatz des eigenen Lebens in freier Wildbahn zu erbeuten oder das Überleben der eigenen Sippe im Winter zu sichern, darauf verwendet der westliche Mensch schon lange Zeit eher weniger Ressourcen. Konrad Paul Liessmann: "Arbeit wurde lange als etwas zu Vermeidendes gesehen. Das hat sich erst im 19. Jahrhundert maßgeblich verändert, da wurde Arbeit zur Tugend. Wer keine Arbeit hat, klagt heute, anstatt sich zu freuen."

Dieser Begriffswandel fällt genau in die Zeit der ersten Blüte der Industriellen Revolution. Eine Epoche, zu der Soziologen gerne Parallelen zu den aktuellen Umwälzungen ziehen. Auf makabere Weise zugespitzt haben diese vermeintlich beglückende, meist jedoch rein ausbeuterisch motivierte Glorifizierung von Arbeit die Nationalsozialisten - mit der Losung "Arbeit macht frei" über den Toren von Konzentrationslagern.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-09-19 16:36:08
Letzte ─nderung am 2017-09-19 16:51:36



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