• vom 25.09.2017, 22:14 Uhr

Kultur

Update: 25.09.2017, 22:15 Uhr

Philosophicum

Der Faulheit hinterherhetzen




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Von Judith Belfkih

  • Nachdenken über den "Mut zur Faulheit" sowie "die Arbeit und ihr Schicksal" beim Philosophicum Lech.

Faulheit meint meist eine der Inseln, auf denen sich der moderne Mensch vom Effizienzstress der Arbeitswelt erholt.

Faulheit meint meist eine der Inseln, auf denen sich der moderne Mensch vom Effizienzstress der Arbeitswelt erholt.© Westend61/Getty Images Faulheit meint meist eine der Inseln, auf denen sich der moderne Mensch vom Effizienzstress der Arbeitswelt erholt.© Westend61/Getty Images

Lech. Er sei doch etwas verwundert, wenn er sich hier so umsähe im Saal. Bereits den zweiten Tag werde hier über "Mut zur Faulheit" gesprochen, er werde einhellig begrüßt, vermisst. Man sei in stillem Einverständnis als Anhänger der Faulheit hier versammelt. Er sei sich jedoch sicher, so der deutsche Soziologe Stephan Lessenich in seinem Vortrag, dass das in krassem Widerspruch stehe zur Lebensrealität der gut 700 Teilnehmer beim Philosophicum Lech, dass hier gar eine Form von Selbstverleugnung stattfinde. Denn man müsse es sich heute schon leisten können, über Faulheit nachzudenken. Allein ihre Kleidung, die Tatsache, dass sie es ins vorarlbergische Hochgebirge geschafft hätten, sowie der offenkundig hohe Bildungsgrad würden ihm da mehr verraten als theoretische, kämpferisch fordernde Lippenbekenntnisse. Hier sitzen Menschen, die alles andere als faul seien, die ganz im Gegenteil fest eingespannt seien in den effizienzorientierten Zirkel einer sich beschleunigenden kapitalistischen Arbeitswelt.

Eben diese Relation zur Arbeit, die die Faulheit als Gegenpol für ihre Eigendefinition beansprucht, sowie die historisch höchst unterschiedliche gesellschaftliche Gewichtung der beiden Begriffe bestimmten die Denkwerkstatt am Arlberg für vier Tage, elf Vorträge und fünf Diskussionen. Eine Zusammenschau in Schlagworten.


Zitat-Bingo. Es mag an der relativen Enge des Themas gelegen haben oder einfach nur unglücklicher Zufall gewesen sein: Die Beiträge aus den Disziplinen Philosophie und Literatur erwiesen sich in Lech heuer neben stringenter Analysen als ein wahres Zitate-Bingo, bei dem eine Handvoll literarischer und eben philosophischer Stellen zuverlässig in mehreren Vorträgen auftauchten.

Als guter Bekannter erwies sich dabei Paul Lafargue, Schwiegersohn von Karl Marx, der sich mit dem Bändchen "Das Recht auf Faulheit" einen Namen gemacht hat, in dem er die bürgerliche wie kapitalistisch motivierte Arbeitssucht seiner Zeit kritisierte. Zu ihm gesellten sich recht naheliegend Max Weber mit seiner "Protestantischen Ethik" und Hannah Arendts analytisches Konzept der "Vita activa". Auch Friedrich Nietzsches für seine Zeit höchst hellsichtiger Satz "Man denkt mit der Uhr in der Hand - man lebt wie einer, der fortwährend etwas ‚versäumen könnte‘", erwies sich als besonders beliebt. Nur noch übertroffen von der russischen Romanfigur des Ilja Iljitsch Oblomow. Iwan Gontscharow hat in "Obmolow" der russischen Aristokratie, die durch finanzielle Stabilität gesegnet faul wird, ein Denkmal gesetzt. Besagter Antiheld schafft es vor lauter Trägheit nicht einmal aus dem Bett.

Man könnte den Philosophen hier natürlich besonderen Mut zur Faulheit zuerkennen, die Redundanzen offenbarten jedoch auch ein generelles aktuelles Problem der akademischen Philosophie: sich als rein aufeinander bezogene und auf einander verweisende Wissenschaft im die Vergangenheit originell wiederkäuenden Zirkeldenken zu ergehen.

Wertewandel. Neben der Zitatenspirale lieferten die Geisteswissenschafter jedoch pointierte Analysen - wenn auch mit dem Blick klar in die Vergangenheit gerichtet. Von der ideologischen Fleißrevolution, die der industriellen voranging, bis zur darauf folgenden schleichenden Heranzüchtung von tüchtigen Menschen.

Sophie Loidolts fundierte und beredte Auseinandersetzung mit Hannah Arendt etwa zeigte, wie hochaktuell sowohl deren Beschreibung der Verfallsformen der "Vita activa" heute zu lesen sind und wie sehr die Verschiebungen im menschlichen Arbeiten, Herstellen und Handeln zum Siegeszug des animal laborans - des arbeitenden Tieres - geführt haben. Das Bild der Menschheit als zu groß gewordenem Ameisenhaufen, dem vor lauter Betriebsamkeit sinnvolles Tätigsein abhandengekommen ist, prägte sich hier ein. Aber auch das des weltlosen Wüstenbewohners, der in allem zuerst einen Konsumartikel sieht. Faulheit, so die Diagnose sei etwas, wofür man sich ziemlich abstrampeln müsse. Ich darf nicht faul sein - ich kann es gar nicht mehr, analysiert Loidolt mit Hannah Arendt.

Martin Seel befasste sich in seinem fein gesponnenen Beitrag mit den "Wonnen der Arbeit" und den "Mühen der Faulheit" und beleuchtete den Wandel von Tugenden in Laster und umgekehrt. Der Faulheit und der Arbeit als jeweils stilisiertem Fluchtpunkt oder ewigem Sehnsuchtsort der Moderne könne man begegnen, indem man ihre Polarität auflöse. Zwischen der Glorifizierung der Arbeit und der Adelung auf Faulheit gäbe es einen Weg der Transformation, bei dem es gelänge, eine Balance aus "Zeitverschwendung und Zeitverwendung", aus "Vorangehen und Innehalten" einigermaßen halten zu können.

Satirische Vision. Dass Denken und Analyse auch humorvoll und unterhaltsam sein dürfen, zeigte der Wissenschaftsjournalist und Physiker Ulrich Schnabel mit einem fiktiven Forschungsbericht aus der Zukunft. Darin haben japanische Wissenschafter eine Mußemaschine programmiert, die den Menschen nun auch an Ineffizienz und Faulheit übertreffen soll. Das Experiment gelingt, mit unerwarteten Folgen: Der selbst zur Maschine gewordene Mensch steht dem zutiefst menschlichen Roboter gegenüber, erkennt sich selbst und zieht die Reißleine. Eine in ihrer Absurdität Mut machende fantastische Parabel auf den Automatisierungswahn unserer Tage.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-09-25 17:00:22
Letzte ─nderung am 2017-09-25 22:15:18



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